Gazas arbeitslose Jugend Hungern gegen die Hamas

Vor zehn Jahren begann die Gaza-Blockade. Junge Leute dort sind top ausgebildet - haben aber selbst bei der Müllabfuhr keine Chance: Jetzt rebellieren junge Uni-Absolventen gegen die korrupte Hamas-Regierung.

Rosa Thoneick / DER SPIEGEL

Aus Gaza-Stadt berichtet


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Raed Naser sitzt auf einem Plastikstuhl in einem kargen Raum mitten in Gaza-Stadt. Sein Kopf ist kahlrasiert. Die Arme sind verschränkt. Seine grünen Augen flackern nervös. Knapp drei Wochen Hungerstreik hat er hinter sich, sieben Nächte im Gefängnis verbracht - in Einzelhaft. "Die Zelle war 150 mal 80 Zentimeter groß", erzählt er.

Weder Tageslicht noch einen Anwalt habe er gesehen. Seine Familie wusste nicht, wo er sich befand. "Für sie war ich einfach verschwunden", erzählt er, "die Hamas hat mich gekidnappt."

Bis vor Kurzem war Naser noch ein unauffälliger Bürger des Gazastreifens, der nie auf die Idee gekommen wäre, sich gegen die Regierung zu erheben. Soziale Arbeit hatte er studiert und gehofft, einen Job zu finden. Mit dem Geld wollte er seine Familie unterstützen, seinem Bruder helfen, der im letzten Krieg ein Bein verloren hat. Er schrieb Bewerbungen über Bewerbungen - trotz seines Abschlusses von der angesehenen Azhar-Universität ohne Erfolg. Schließlich stellte er fest: "Arbeit bekommt man hier nur, wenn man zur Hamas gehört."

Auf Facebook erfuhr Naser schließlich von anderen jungen Menschen im Gazastreifen, die Gerechtigkeit fordern - und schloss sich ihnen an. "Wir haben einen Abschluss, wir brauchen einen Job", lautet einer ihrer Slogans. Die Uni-Absolventen tun, was nur wenige in Gaza wagen: Sie wehren sich öffentlich gegen das korrupte Regime der radikal-islamischen Hamas, die jede Opposition brutal unterdrückt. Sie protestieren im Internet, organisieren Kampagnen und zuletzt sogar einen Hungerstreik auf einem Platz mitten in Gaza-Stadt.

Online-Protest
Rosa Thoneick / DER SPIEGEL

Online-Protest

Jährlich verlassen rund 30.000 Studenten im Gazastreifen die Unis mit einem Abschluss. Doch die Arbeitslosenquote ist eine der höchsten weltweit, gerade bei den jungen Menschen liegt sie besonders hoch: Bis zu 60 Prozent finden keinen Job. Ein Großteil der 1,8 Millionen Menschen lebt unter der Armutsgrenze. Seit dem letzten Krieg wurde kaum Wiederaufbau geleistet, sind noch immer zivile Infrastruktur und viele Wohnhäuser zerstört.

Die Menschen haben Angst

Die Lage ist so trostlos, dass sich in den letzten Monaten mehrere Menschen selbst angezündet haben, darunter ein Taxifahrer - er konnte seine Steuern nicht bezahlen. Zuletzt setzte sich im Mai ein Familienvater in Brand, er hinterließ vier kleine Kinder. "Seit sechs Jahren hat er keinen Job gefunden, trotz seiner zwei Ausbildungen ", erzählt seine Witwe: "Er war wütend und verzweifelt und wollte ein Zeichen setzen." An der Decke im Badezimmer sind noch die Brandspuren zu sehen.

"Im Internet unterstützen uns Tausende", sagt Saeed Lulu, 29, der die neue Protestbewegung der Uni-Absolventen mitbegründet hat. "Doch auf die Straße trauen sich nur ein paar Dutzend." Die Menschen hätten Angst. Doch Lulu will sich nicht einschüchtern lassen. Als eine Geste des Trotzes trägt er einen schwarzen Doktorhut. Er hat einen Abschluss in Kommunikationswissenschaft. Früher arbeitete er für verschiedene NGOs und nebenbei an einem Falafel-Stand. Schon 2011 war er politisch aktiv, wurde mehrfach verhaftet. "Es ist Ironie, dass mir danach keiner mehr einen Job gegeben hat", sagt er, "schließlich habe ich für Menschenrechtsorganisationen gearbeitet."

Auf einem öffentlichen Platz mitten in Gaza-Stadt schlug er ein Protestcamp auf. Gemeinsam mit Raid Naser und ein paar anderen hungerte er 30 Tage lang als Zeichen seines Widerstandes. Sogar Nasers 25. Geburtstag feierten sie dort. "Kuchen gab es nicht", erzählt Naser. Nur ein paar Kerzen, Wasser und Salz.

"Nicht das Gesetz zählt in Gaza, sondern bloße Macht"

Sie protestierten auch vor dem Arbeitsministerium in Gaza. Dort habe man ihnen gesagt, man sei hier kein Sozialamt. Ein Mitstreiter erzählt: "Ich habe mich sogar bei der Müllabfuhr beworben. Keine Chance". Er ist Mikrobiologe.

Die Aktivisten haben Briefe geschrieben, etwa an die Palästinensische Autonomiebehörde in Ramallah. Darin haben sie Pläne vorgelegt, wie man den jungen Menschen helfen könnte - zum Beispiel durch Gründerkredite. Eine Antwort haben sie nicht bekommen. Die Palästinensische Autonomiebehörde kündigte kürzlich an, 4000 Dreimonatsjobs im Gazastreifen schaffen zu wollen. Doch diese Maßnahme reicht bei Weitem nicht aus.

"Nicht das Gesetz zählt in Gaza, sondern bloße Macht", sagt Lulu. Formal steht der Gazastreifen unter der Verwaltung der Palästinensischen Autonomiebehörde. Doch seit 2007 wird er von der Hamas kontrolliert. Die Regierung aus Hamas und Fatah ist zerstritten. "Wir brauchen eine funktionierende Einheitsregierung", meint er. Es könne nicht sein, dass zwei Parteien stritten und die Bevölkerung darunter leide. Für die Situation machen die Aktivisten nicht in erster Linie Israel verantwortlich. "Man kann nicht alles auf die Besatzung schieben", erklärt Lulu, "wir müssen erst mal unsere eigenen Probleme lösen." Ihr Unmut und Protest richtet sich gegen die eigene Regierung.

Keine Chance auf eine gute Zukunft - wenig zu verlieren

Doch genau das will die Hamas nicht: Wer es im Gazastreifen wagt, seine Meinung zu sagen, der lebt gefährlich: Vor fünf Jahren etwa formierte sich eine Gruppe namens "Gaza Youth Breaks Out", die auf Facebook ein wütendes Manifest veröffentlichte: "Fuck Hamas. Fuck Israel. Fuck Fatah. Fuck USA", so ihre Botschaft. Die Hamas wird in dem Text die "Organisation" genannt, die "alles Lebende, jeden Gedanken und alle Träume tötet". Mitglieder der Gruppe wurden verhaftet, Facebook sperrte die Seite.

"Wir protestieren friedlich, das ist unser Recht", sagt Lulu. Auf lange Sicht wird sich der Protest der Jungen nicht unterdrücken lassen. Sie haben keine Chance auf eine gute Zukunft und damit wenig zu verlieren. Sie sind gebildet und gut vernetzt - und werden dennoch kaum wahrgenommen. Dabei ist es gerade diese verlorene Generation, die gefördert werden müsste. Sie macht Hoffnung auf einen Gazastreifen, in dem vielleicht eines Tages moderatere Kräfte regieren.

Lulu und Naser wurden aus dem Gefängnis entlassen, weil sie ein Papier unterschrieben haben. Darin bestätigten sie, dass sie weder mit Journalisten noch mit Menschenrechtsanwälten reden und ihren Protest beenden werden. Doch sie wollen weitermachen, trotz des Risikos. "Angst habe ich nicht", sagt Naser. "Was können sie schon tun? Mich töten? Ich bin schon tot."


Zusammengefasst: Die jungen Menschen im Gazastreifen haben kaum Aussicht auf einen Job, auch mit Uni-Abschluss nicht. Eine kleine Gruppe wagt nun den öffentlichen Protest, im Internet haben sie viele Unterstützer. Ihr Widerstand allerdings hat Folgen: Sie wurden nach eigenen Angaben entführt und festgehalten, kamen erst nach einem Hungerstreik wieder frei.



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