Gazastreifen "Ich wünsche mir ein würdigeres Leben"

Für viele Menschen ist der Gazastreifen wie ein Gefängnis, die Feindschaft zwischen Hamas und Fatah hat ihre Lage nochmals verschärft. Nun wollen sich die Gruppen versöhnen - bislang ist davon wenig zu spüren.

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Aus Gaza berichtet


"Meine Geschichte beginnt, als man mir in den Kopf schoss", sagt Hussein Murtaja, 30. Es war 2006, die palästinensische Hamas hatte im Gazastreifen gerade die Wahlen gewonnen und lieferte sich mit der gemäßigteren Fatah einen erbitterten Kampf. Murtaja wollte vor seiner Uni in ein Auto steigen, als ihn eine Kugel traf.

Der rundliche Mann mit den hellgrünen Augen fiel ins Koma, die alleinige Macht in Gaza fiel an die Hamas. Murtaja überlebte. Heute merkt man ihm die schwere Verletzung nicht mehr an. Seine Heimat, der Gazastreifen, hingegen siecht weiter dahin.

Sechs von zehn jungen Menschen haben keine Arbeit, Strom fließt im Schnitt nur vier Stunden am Tag und das meiste Abwasser fließt ungeklärt ins Meer oder in den Boden. Das Trinkwasser ist so verschmutzt, dass es nicht mehr getrunken werden sollte und die Strände sind im Sommer oft gesperrt: Dort zu baden, kann krankmachen.

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Gazastreifen: Hoffen und Siechen

Der überbevölkerte Küstenstreifen leidet sehr darunter, dass Israel und Ägypten die Zugänge nach dem Sieg der Hamas weitgehend abgeriegelt haben. Die Hamas erkennt den Staat Israel nicht an und schießt regelmäßig Raketen über die Grenze. Ägypten fürchtet, dass gewaltbereite Salafisten aus Gaza in den Sinai reisen und öffnet den Übergang allenfalls sporadisch. Seit dem Anschlag vor zwei Wochen ist er vorerst wieder dicht.

Doch viele Palästinenser hoffen, dass Israel seine Blockade bald lockern könnte. Denn Mitte Oktober vereinbarten Fatah und Hamas mit ägyptischer Hilfe ein Versöhnungsabkommen. Die Fatah soll die Verwaltung im Gazastreifen übernehmen und die Hamas ihre Waffen abgeben.

"Ich hoffe, dass die Versöhnung klappt", sagt Amira Alwazir, 26, die seit vier Jahren mit ihrem Jurastudium fertig ist und seither keinen Job als Juristin findet. "Ich wünsche mir ein würdigeres Leben und die Möglichkeit, fest für eine Firma oder eine Organisation zu arbeiten."

Amira Alwazir
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Amira Alwazir

Wie Amira Alwazir geht es vielen Menschen in Gaza. Sie verdient ein wenig Geld mit Werbeclips oder Social-Media-Projekten, denn immerhin das Internet funktioniert recht gut. Doch um internationale Geschäftspartner zu besuchen, im Ausland zu reisen oder zu studieren und um Waren einzuführen, braucht man eine Erlaubnis der israelischen Behörden - und die sind extrem restriktiv.

Baumaterialien und andere Güter kommen nur schleppend oder gar nicht nach Gaza hinein, weil Israel fürchtet, dass sie für den Kampf gegen den jüdischen Staat zweckentfremdet werden könnten. Arbeiter und Fachkräfte kommen seit zehn Jahren praktisch nicht mehr aus Gaza hinaus, manchmal dürfen medizinische Notfälle über die Grenze.

Ob sich daran tatsächlich bald etwas ändert, ist ungewiss. Die Machtübergabe sollte eigentlich bis zum 1. Dezember stattgefunden haben, nun ist sie um zehn Tage aufgeschoben, doch auch das ist - vorsichtig formuliert - optimistisch. "Wir brauchen einen richtigen Friedensprozess", sagt Hussein Murtaja, "und der wird wahrscheinlich zehn Jahre dauern."

Seit er ins Kreuzfeuer zwischen Fatah und Hamas geriet, setzt sich der Softwareingenieur für Versöhnung ein. Er ist als Jugendberater für die Uno-Organisation Habitat aktiv, im Frühling war er in Berlin, über Ägypten war ihm die Ausreise gelungen. Er hätte in Europa bleiben können, doch er wollte nach Gaza zurück, nicht nur wegen seiner zwei Töchter. "Die Jugendlichen hier brauchen jemanden, der ihnen Zuversicht gibt", sagt Murtaja.

Hussein Murtaja und seine Töchter
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Hussein Murtaja und seine Töchter

Denn die Probleme sind erdrückend. Eins davon sind Gruppen, die deutlich radikaler sind als die Hamas. "Es gibt viele Salafisten, die in den Gefängnissen der Hamas sitzen", sagt Abdallah Frangi, hochrangiger Fatah-Politiker und seit 2014 Gouverneur von Gaza. "Die Hamas weiß genau, dass die Salafisten eine Gefahr sind, auch für den Islam. Sie wird ihre Waffen so schnell nicht abgeben."

"Die Einheit der Palästinenser ist notwendig"

Ein zweites großes Problem: Beamte. Davon hat die Hamas in Gaza rund 40.000. Noch einmal so viele Fatah-Beamte wurden vor zehn Jahren entmachtet und sitzen seither überwiegend zu Hause. "Wenn wir alle zusammenbringen, haben wir 90.000, und das ist zu viel", sagt Frangi.

Noch komplizierter ist es mit der künftigen Regierung. Wie viele Minister darf die Hamas stellen, die die USA, die EU und Israel als terroristische Vereinigung einstufen? "Die Einheit der Palästinenser ist notwendig", sagt Frangi. "Doch unsere Probleme werden nicht an einem Tag gelöst."

Die Zeit drängt allerdings. In Gaza leben auf einer Fläche halb so groß wie Hamburg zwei Millionen Menschen, rund die Hälfte von ihnen erhält Lebensmittelrationen des Uno-Hilfswerks für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA), pro Quartal kommen mehrere Tausend Empfänger hinzu.

Dabei mangelt es in Gaza nicht an Nahrung. Viele können sie sich einfach nicht leisten, die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als 40 Prozent. Zur materiellen Not kommt die psychologische: Nach der angekündigten Versöhnung seien viele Menschen vorsichtig optimistisch gewesen, sagt der Chef des UNRWA in Gaza, Matthias Schmale. "Doch die Stimmung hat sich seither erheblich verschlechtert."

Im Video: Hoffnung für die Jugend im Gazastreifen?

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Denn der Alltag ist noch genauso mühsam wie zuvor. Der Strom ist weiter knapp, weil Israel auf Wunsch der Fatah immer noch die Lieferungen drosselt, um Druck auf die Hamas auszuüben. Israel macht auch bisher keine Anstalten, die Blockade zu lockern. Man warte erst mal ab, heißt es aus der israelischen Regierung. Zuletzt war 2014 eine Annäherung zwischen Fatah und Hamas gescheitert.

Währenddessen hängen zahllose frustrierte und ziellose junge Menschen in den Straßen von Gaza herum. "Mit Geld und Bewegungsfreiheit durch die Grenztunnel können der IS und andere Gruppen sie sehr leicht für sich gewinnen", sagt Hussein Murtaja, der selbst schon Dutzende Male beantragt hat, den Gazastreifen durch Israel zu verlassen, um zu Konferenzen zu fahren oder um seine Mutter in Dubai zu besuchen. Jedes Mal wurde er abgewiesen.

Murtaja unternimmt mit seinen Töchtern oft Ausflüge, damit sie nicht das Gefühl bekommen, in einem Gefängnis zu leben. Sie fahren gemeinsam im Taxi ans Meer, wo Mira und Rana nicht im Sand spielen dürfen, der ist zu dreckig. "Wir setzen uns auf die Klappstühle, die wir mitgebracht haben, und schauen aufs Wasser", sagt Hussein. "Ich versuche, alles dafür zu tun, dass sie sich in Gaza wohlfühlen."


Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Recherchereise der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen ins Westjordanland und nach Gaza.



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