Feuerangriffe im Gaza-Konflikt Das Jahr des Drachens

Die Hamas setzt im Konflikt mit Israel auf Raketen, Brandballons und präparierte Drachen, die weit ins Hinterland fliegen. Die Armee reagiert mit aller Härte, eine dauerhafte Entspannung ist nicht in Sicht.

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Eigentlich verhandeln Israel und die Hamas nach übereinstimmenden Medienberichten gegenwärtig unter ägyptischer Vermittlung über eine langfristige Waffenruhe. Doch seit Mittwochabend eskaliert die Lage wieder.

Die im Gazastreifen herrschende radikalislamische Terrororganisation hat rund 180 Geschosse abgefeuert. Nach Angaben des israelischen Fernsehsenders Channel 2 schoss die Hamas damit dieses Jahr bereits mehr als 800 Raketen auf Israel. 2016 waren es insgesamt 15 gewesen, 2017 etwas mehr als 30. Israels Armee reagierte auf den Beschuss in der Nacht mit mehr als 140 Angriffen auf Ziele in der Mittelmeerenklave.

In den letzten 24 Stunden gab es dadurch Verletze auf beiden Seiten, im Gazastreifen auch Tote. Israels Armee hat seine Truppen im Süden verstärkt, auch eine Evakuierung der dortigen Dörfer wird offenbar in Erwägung gezogen.

Zwar hat die Hamas die jüngste Angriffswelle am Donnerstagvormittag einseitig für beendet erklärt, am Nachmittag flog jedoch eine Rakete bis in das fast 50 Kilometer entfernte Beer Sheva - und damit so weit, wie seit 2014 nicht mehr. Vorbei ist der Konflikt also noch lange nicht. Seit Ende März ist die Lage im Gazastreifen ohnehin extrem angespannt:

  • Damals begannen wochenlange Massenproteste, die sogenannten Märsche der Rückkehr. Die Aktion dauerte bis zum 15. Mai an. Einen Tag zuvor feierte Israel sein 70. Gründungsjubiläum, die Palästinenser hingegen gedachten der "Nakba", der "Katastrophe". Bei diesen Märschen zur Grenze des Gazastreifens, an denen oft Zehntausende Palästinenser teilnahmen, kam es immer wieder zu Konfrontationen mit mehr als hundert Toten und Tausenden Verletzten.
  • Israels High-Tech-Armee sieht sich seither mit einem neuen Phänomen konfrontiert: Palästinenser lassen immer wieder Winddrachen, an die etwa glühende Kohlen befestigt werden, sowie Brandballons aufsteigen. Das Ziel: die Äcker der Landwirte in den umliegenden israelischen Kibbuzim. Durch Hunderte Feuer sind bislang 2800 Hektar Ackerland verbrannt.

Israel reagiert auf diese Feuerdrachen und den Raketenbeschuss mit Bombardements, die zum Teil so heftig waren wie während des Gaza-Kriegs im Sommer 2014.

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Gazastreifen: Terror im Sommer

Neu ist das nicht. Der Konflikt im Süden zwischen Israel und der Hamas schwelt seit 2007, als die Islamisten die Macht im Gazastreifen übernommen haben. Zwar haben beide Seiten gegenwärtig kein Interesse an einer vollständigen Eskalation der Lage, aber der Status quo ist für beide ebenso nicht hinnehmbar.

Hamas so schwach wie nie

In diesem "Jahr des Drachens" ist die Lage für viele der rund zwei Million Palästinenser im Gazastreifen katastrophal. Die Hamas steht unter dem Druck der Bewohner, die in Freiheit leben wollen. Gleichzeitig ist die Organisation so schwach wie nie:

  • Durch die dauerhafte israelische und ägyptische Blockade der Grenzübergänge fehlt es an Treibstoff und einer grundlegenden Versorgung. Stromausfälle, Wassermangel und kaum funktionierende Krankenhäuser sind die Regel, nicht die Ausnahme.
  • Die Trump-Administration hat ihre Finanzhilfen für das Palästinenserhilfswerk UNRWA eingefroren, von der viele Bewohner des Gazastreifens zum Überleben abhängig sind. Die aussichtslose Situation dürfte die Unzufriedenheit mit der Hamas steigern. Indirekt bedroht die USA damit die Macht der Gruppe.
  • Und durch die monatelange Fehdemit der im Westjordanland herrschenden Fatah von Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas, der ebenfalls Sanktionen gegen die Hamas verhängt hat, wird diese Krise noch verschärft.

Um von ihrer eigenen Misere abzulenken und die Wut der jungen Palästinenser - von denen mehr als die Hälfte arbeitslos sind - zu kanalisieren, dürften die Islamisten in den kommenden Wochen und Monaten deshalb vermutlich weiter auf Angriffe setzen. Diese militante Politik der Nadelstiche wird Israels Armee jedoch nicht hinnehmen.

Zusammenarbeit mit Abbas wichtiger als Frieden mit Hamas

Die Regierung von Premier Benjamin Netanyahu steht unter dem Druck der Bürger im Süden, die Ruhe wollen. Israelische Bauern haben durch die Flächenbrände große wirtschaftliche Herausforderungen zu bewältigen und viele Bewohner der Grenzregion leben durch den Dauerbeschuss unter höchster Anspannung.

Eine langfristige Lösung wird zudem durch den innerpalästinensischen Konflikt erschwert. Der palästinensische Sicherheitsdienst von Mahmoud Abbas arbeitet im Westjordanland eng mit der israelischen Armee und dem Inlandsgeheimdienst Schin Beth zusammen. Jerusalem und Ramallah bekämpfen oft den gleichen Gegner: die militanten Hamas-Zellen zwischen den Palästinenser-Städten Hebron und Nablus.

In ihrem jüngsten Bericht weist die "International Crisis Group" deshalb zu Recht daraufhin hin, dass Israel dem Druck der Hamas nicht nachgeben werde, andernfalls würde diese für ihre konfrontative Taktik belohnt - die Palästinenserbehörde für ihre Zusammenarbeit hingegen nicht.

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