Kampf gegen die Hamas Israel braucht seinen Todfeind

Israel bombardiert den Gazastreifen, der Erfolg bleibt bisher aber aus: Unvermindert fliegen von dort Raketen über die Grenze. Doch Ministerpräsident Netanjahu scheut eine Bodenoffensive gegen die Hamas - weil er sie nicht zu sehr schwächen darf.

Von


Jerusalem - 800 Tonnen Sprengstoff hat die israelische Armee in den vergangenen drei Tagen über dem Gazastreifen abgeworfen. 750 Ziele wurden getroffen. Nach palästinensischen Angaben starben seit Beginn der Luftangriffe in der Nacht zum Dienstag mindestens 77 Palästinenser. 500 weitere Menschen wurden verletzt - die meisten von ihnen Zivilisten.

Der militärische Erfolg der Kampagne "Zuk Eitan" ("Fels in der Brandung") hält sich bislang in Grenzen. Denn der Widerstand ist ungebrochen. Die Kassam-Brigaden als militärischer Ableger der Hamas und der Miliz Islamischer Dschihad haben in den vergangenen Tagen 320 Raketen auf das israelische Staatsgebiet abgefeuert, 70 davon konnten vom Raketenabwehrsystem "Eisenkuppel" abgefangen werden. Auf israelischer Seite gab es bislang keine Toten.

Für die überschaubaren Fortschritte gibt es gute Gründe: "Fels in der Brandung" kommt für die Hamas nicht überraschend - anders als die Militäroperationen gegen den Gazastreifen wie "Gegossenes Blei" 2008/09 und "Wolkensäule" 2012. Die Eskalation hatte sich seit der Entführung von drei israelischen Jugendlichen im Westjordanland im Juni angedeutet. Die Hamas war vorbereitet, deshalb konnte Israels Armee diesmal in den ersten Stunden der Kampagne keine Führungsfiguren töten.

Fast ganz Israel ist verwundbar

Fotostrecke

9  Bilder
Krise in Israel: Bomben und Raketen in der Nacht
Zudem hat die Hamas offenbar seit dem letzten Konflikt mit Israel Ende 2012 weiter aufgerüstet. Ein Geschoss schlug in Hadera ein, einer Stadt 120 Kilometer nördlich von Gaza. Das sei der Angriff mit der bisher größten Reichweite gewesen, sagte eine Armeesprecherin. Die Rakete - offenbar ein syrisches Modell vom Typ 302 - kann Ziele in 160 Kilometer Entfernung treffen. Auch wenn diese Geschosse höchst ungenau fliegen - mit dieser Waffe ist nahezu das gesamte israelische Staatsgebiet verwundbar.

Reichweite der Hamas-Raketen
SPIEGEL ONLINE

Reichweite der Hamas-Raketen

Mit Luftschlägen allein dürfte der Hamas also nicht beizukommen sein. Israel trifft deshalb Vorbereitungen für eine Bodenoffensive im Gazastreifen. Die Armee hat 20.000 Reservisten eingezogen, noch einmal so viele könnten laut einem Kabinettsbeschluss in den nächsten Tagen folgen. Doch bislang sind das nur Drohgebärden. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat kein Interesse an einem Häuserkampf im dicht besiedelten Gazastreifen - auch wenn Außenminister Avigdor Lieberman mantraartig sogar eine Wiederbesetzung des Gebietes fordert.

Die Hamas darf nicht zu sehr geschwächt werden

Wichtigstes Ziel der Militäroperation ist es, die Hamas einzuschüchtern. Außerdem will Israel verhindern, dass die Extremisten nach dem Ende der Kampfhandlungen erneut aufrüsten. Deshalb haben sich die Luftangriffe bislang auf unterirdische Raketenabschussstellungen, Tunnel und Raketenwerkstätten konzentriert.

Um die israelische Öffentlichkeit - ganz besonders die Hunderttausenden, die im Süden des Landes in ständiger Angst vor Raketen leben - zu beruhigen, muss die militärische Infrastruktur der Hamas in Gaza weiter geschwächt werden. Dies gilt umso mehr, falls der Beschuss aus Gaza in den nächsten Tagen die ersten Toten auf israelischer Seite fordern sollte.

Bei allem Machtbeweis muss die Regierung Netanjahu abwägen. Obwohl die Hamas ein Todfeind Israels ist, liegt es nicht im Interesse des Landes, die Islamisten im Gazastreifen zu stürzen. Inzwischen sind dort nämlich Gruppen aktiv, die noch radikaler und unberechenbarer sind als die Hamas - dazu gehören unter anderem Dschihadisten, die sich der Terrorgruppe "Islamischer Staat" zugehörig fühlen.

Bis Mitte Juni hatten die von der Hamas kontrollierten Sicherheitskräfte dafür gesorgt, dass die brüchige Waffenruhe mit Israel weitgehend eingehalten wurde. Sie nahmen unter anderem Mitglieder des Islamischen Dschihad und anderer Terrorgruppen fest, die Raketen auf Südisrael abgefeuert hatten. Dann wurden die jüdischen Religionsschüler im Westjordanland entführt und getötet, israelische Sicherheitskräfte nahmen Hunderte Hamas-Mitglieder fest. Dabei ist noch immer nicht erwiesen, dass der Mord an den israelischen Jugendlichen tatsächlich von der Hamas-Führung angeordnet wurde.

Israels Führung steht vor einer schwierigen Aufgabe: Einerseits muss die Hamas so geschwächt werden, dass sie einem Waffenstillstand zustimmt und dieser Ausgang den Israelis als Erfolg präsentiert werden kann. Andererseits darf die Hamas nicht so schwach werden, dass sie anschließend außerstande ist, die Waffenruhe im Gazastreifen auch durchzusetzen.



© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.