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Bombenziele im Gazastreifen: Israels Big-Brother-Maschinen

Von der Grenze zum Gazastreifen berichtet

dpa

Drohnen, Zeppeline, Wärmebildkameras: Israels Militär hat rund um den Gazastreifen ein quasi lückenloses Überwachungssystem errichtet. Warum treffen die Bomben trotzdem so oft Zivilisten?

An der Grenze zum Gazastreifen kann man die hohen Wachtürme mit den Kameras sehen. Rund um die Uhr behält eine Feldaufklärungseinheit der israelischen Armee das Gebiet im Auge - mit modernstem Gerät:

  • hochleistungsfähige Ferngläser
  • Nachtsichtgeräte
  • Wärmebilder
  • Radar.

"Wir sind Gazas Big Brother", sagte der Chef der Einheit in einem Interview mit der israelischen Zeitung "Jerusalem Post".

Seine Soldaten liegen in Tarnfarben in den Feldern, stundenlang, und versuchen die Bewegungen der Hamas-Kämpfer zu erspähen. Das ist die unterste Überwachungsformation. Über ihnen schweben immer wieder Aufklärungsballons und gigantische Überwachungs-Zeppeline. Das ist die mittlere Überwachungsformation. Und noch weiter oben am Himmel, fern der Blicke, fliegen die Drohnen und liefern gestochen scharfe Luftaufnahmen. Das ist Israels dritte Überwachungsformation.

Auf der anderen Seite des Gazastreifens, vor der Küste, liegen die Schiffe der israelischen Marine. Auch sie haben ihr Radar, ihre Fernsichtgeräte und ihre Raketen auf Gaza gerichtet. Man kann davon ausgehen, dass Israel versucht, die Kommunikation im Gazastreifen mitzuschneiden.

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Gazastreifen: Umgeben von den Augen und Ohren Israels
Das kleine Fleckchen Land, weniger als halb so groß wie Hamburg, ist von den Augen und Ohren des israelischen Militärs umgeben.

Die Angriffe auf Orte im Gazastreifen laufen so ab: Das Militär wählt Ziele aus, die es bombardieren will, und legt sie der Rechtsabteilung vor. Auch die gehört zum Militär, genauer gesagt zum militärischen Generalstaatsanwalt. Jeder Antrag zum Losschlagen wird mit einer Begründung versehen.

Häufig sind diese Begründungen Luftaufnahmen, die zeigen sollen, dass ein Haus nicht nur bewohnt wird, sondern zum Beispiel den Eingang zu einem Schmuggeltunnel verbirgt. Als Belege dienen etwa Fotos, auf denen zu sehen sein soll, dass Leute aus dem Haus säckeweise Material abtransportieren - vermutlich Sand. Bilder vom regelmäßigen Eintreffen hochrangiger Hamas-Mitglieder in einem anderen Haus können bedeuten, dass dort nicht einfach eine Familie wohnt, sondern das Wohnzimmer auch als Kommandozentrale dient.

Ziviles und Militärisches oft untrennbar vermischt

Die israelische Armee steht im Gazastreifen vor einer schwierigen Herausforderung: Zivile und militärische Ziele sind oft ununterscheidbar. Schließlich weiß die Hamas genau: Würde sie ein klar als solches erkennbares Militärlager einrichten - es würde sofort weggebombt. Die radikalislamische Bewegung hat kein Luftabwehrsystem.

"Manchmal lagern im ersten Stock (eines Hauses - d. Red.) Waffen - und in den Etagen darüber leben die Menschen", sagt Major Arye Shalicar, Sprecher der israelischen Armee. Dazu kommt: Der Gazastreifen ist extrem dicht besiedelt. Es ist nahezu unmöglich, eine Bombe oder eine Rakete gegen Gaza abzufeuern, ohne dass Unschuldige zu Schaden kommen, etwa wenn ihr Haus durch die Erschütterung des Bombeneinschlags gleich mit kollabiert.

Wie entscheidet man da, was man bombardiert und was nicht?

Genaue Antworten könnten wohl nur Einschätzungen von vor Ort liefern. Doch trotz all der Überwachungsinstrumente - im Gazastreifen selbst sieht Israel vergleichsweise wenig. So war man überrascht davon, dass die Hamas nun ständig mit großen Raketen auf Israel feuert. "Die Hamas hat eine Art zweites Gaza aufgebaut, ein Tunnelgaza, das wir aus der Luft nicht sehen", sagt Militärsprecher Shalicar. "Jetzt wissen wir, wie viel hineingeschmuggelt wurde, was wir nicht aufhalten konnten."

Als Spione nutzt Israel verärgerte Palästinenser

Die Aufklärung am Boden wiederum ist Aufgabe des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Bet - weil der Gazastreifen kein unabhängiges Land ist; die Uno bezeichnet ihn als von Israel besetztes palästinensisches Gebiet. Diese Aufklärungsarbeit ist eine extrem heikle Mission. Israelis können sie nicht durchführen, sie dürfen nicht nach Gaza. Als Spione für Israel halten deshalb Palästinenser her, die so unzufrieden mit der Herrschaft der Hamas sind, dass sie selbst vor einer Zusammenarbeit mit dem vermeintlichen Erzfeind nicht zurückschrecken.

Allein der Vorwurf, für Israel zu arbeiten, kann einem sofortigen Todesurteil gleichkommen - ob er zutrifft oder nicht. Beim Gaza-Konflikt 2012 exekutierte die Hamas sechs Menschen, die sie für israelische Informanten hielt, und schleifte ihre Leichen durch die Straßen. Es dürften nicht allzu viele Palästinenser zu finden sein, die zu einer so gefährlichen Mission bereit sind.

Das israelische Militär veröffentlich auf YouTube immer wieder Aufnahmen seiner Luftschlägen gegen Gaza. Die Filme haben eine unheimlich anmutende Distanz: Schwarz-Weiß-Aufnahmen, Häuserkarrees von oben, ein weißes Zielkreuz, eine Exlosionswolke - fertig. Ein junger Mann aus Gaza sagt: "Wir haben manchmal das Gefühl, wir sind Teil eines Videospiels. Irgendwo in der Ferne wird ein Knopf gedrückt - und bei uns fliegt ein Haus in die Luft." Vor seinen systematischen Bombardements warnt das israelische Militär Zivilisten manchmal kurz vorher per Telefonanruf. In anderen Fällen werden halbe Familien ausgelöscht.

Die Bilder der Überwachungsformationen aus der Ferne scheinen den entscheidenden Ausschlag zu geben, welche Ziele die Israelis zerstören und welche nicht. "Wir sind sehr gut, was die Aufklärung aus der Luft angeht", sagt Major Arye Shalicar. Zur Bodenaufklärung sagt er lieber nichts. "Das ist Sache des Geheimdiensts."

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Raniah Salloum ist Redakteurin im Politikressort von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Raniah_Salloum@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Das ist doch kein Leben...
spon-facebook-720796197 12.07.2014
...für die Menschen in Gaza. Komplette Überwachung, Gefangenschaft, permanent die Angs, den nächsten Tag nicht zu erleben. Ganz im Ernst, es kann da doch niemanden wundern, dass der Hamas der Zulauf nicht ausgeht. Schlimm, absolut schlimm.
2. Schwierige Entscheidung
orwl 12.07.2014
das ist mal ein sehr interessanter Artikel über die Problematik "Nah-Ost", der auch die Hintergründe gut beleuchtet. Es ist wirklich Grausam, dass immer wieder Zivilisten zu schaden kommen. Allerdings scheint mir die Hamas nimmt das bewusst in Kauf. Ist ja auch Medien-wirksam. Interessant auch, welchen Aufwand Israel treibt um zivile Opfer zu vermeiden. Auf der Anderen Seite sollen die Raketen der Hamas, die nach Israel fliegen ja gerade Zivilisten treffen.
3. Und so soll das für immer weitergehen?
thunderstorm305 12.07.2014
Ich habe so meine Zweifel, dass diese Art der Kriegsführung jemals zum Erfolg führen wird. Wem seine ganze Familie weg gebombt wird, der wird sich wohl keinen Frieden mit Israel vorstellen können. Von der Rechtfertigung am laufenden Band zivile Opfer hinzunehmen einmal ganz zu schweigen. Aber es geht hier ja nicht um Frieden schaffen, sondern anscheinend um eine Art Grabesruhe.
4. Henne - Ei
AxelSchudak 12.07.2014
Zitat von spon-facebook-720796197...für die Menschen in Gaza. Komplette Überwachung, Gefangenschaft, permanent die Angs, den nächsten Tag nicht zu erleben. Ganz im Ernst, es kann da doch niemanden wundern, dass der Hamas der Zulauf nicht ausgeht. Schlimm, absolut schlimm.
Und ohne die Hamas würde Israel den Gazastreifen nicht blockieren und Ziele bombardieren. Im Fall Gaza wurde die Besetzung geräumt und die interne Kontrolle den Palästinensern übergeben. Das Ergebnis war eine Mehrheit für die Hamas und verstärkte Angriffe, anstatt die Chance auf ein selbstgestaltetes friedliches Gaza zu nutzen.
5. Andere Feldpostnummer
panzertom 12.07.2014
Nebenbei bemerkt: Das Fahrzeug auf Bild 4 ist keine Panzer, wie SPON schreibt, sondern eine Panzerhaubitze. Die gehört zur Artillerie, nicht zur Panzertruppe. Eine ganz andere Feldpostnummer! Wohl nich jedient, SPON, wa?
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