Geburtsurkunden-Komplott Verschwörungstheoretiker attackieren Obama

Das Gerücht hält sich hartnäckig: Dass Barack Obama gar kein richtiger Amerikaner ist - und zu Unrecht im Weißen Haus residiert. Offizielle Dokumente und selbst eine Resolution des Repräsentantenhauses beeindrucken Zweifler kaum. So leicht sind Verschwörungstheoretiker nicht zu stoppen.

Von , Washington


Washington - Zunächst sieht alles nach einer ganz normalen Bürgersprechstunde aus. Der republikanische Kongressabgeordnete Mike Castle ist nach Delaware gekommen, lokale Themen stehen auf der Tagesordnung. Die Bühne in dem schmucklosen Raum ist spärlich dekoriert, Castle deutet gelangweilt auf die nächste Fragestellerin: Ja, die Dame dort drüben in Rot.

Doch dann bricht die Hölle los.

Die Frau in Rot springt auf und schwenkt eine Tüte mit einem eingeschweißten Dokument: "Ich habe hier eine Geburtsurkunde", ruft sie. Das Papier - komplett mit Siegel und allen Unterschriften, wie sie betont - belege, dass sie eine US-Bürgerin sei. Barack Obama hingegen sei kein richtiger US-Bürger, er sei in Kenia geboren. Sie redet sich in Rage, kreischt, für so etwas hätte ihr Vater nicht im Zweiten Weltkrieg gekämpft, und schließlich: "Ich will mein Land zurück". Dazu wedelt sie mit einem USA-Fähnchen.

US-Präsident Obama: Kein "echter" Amerikaner?
REUTERS

US-Präsident Obama: Kein "echter" Amerikaner?

Der Abgeordnete Castle ist baff. "Wenn Sie sich auf den Präsidenten beziehen, er ist ein amerikanischer Bürger", stammelt er. Das Publikum buht den Politiker aus, und auch die Frau im roten T-Shirt gibt keine Ruhe. Als Castle mit der nächsten Frage fortfahren will, verlangt sie, man solle den Pledge of Allegiance aufsagen, das Treuegelöbnis an die US-Flagge. Die Zuhörer erheben sich, legen die Hand aufs Herz, schließlich folgt zögerlich auch der verwirrte Abgeordnete.

Festgehalten ist das alles in einem YouTube-Video, das mittlerweile schon mehr als 700.000-mal angeklickt wurde. Und es ist Teil einer Kontroverse, die nicht verstummen will - ist Barack Obama, der neue US-Präsident mit Eltern aus Kansas und Kenia und einer ungewöhnlichen Kindheit in Hawaii und Indonesien, überhaupt ein US-Bürger, geboren in den Vereinigten Staaten von Amerika? Denn das ist laut US-Verfassung nötig, um zum Präsidenten gewählt zu werden.

Obama habe alle Voraussetzungen längst nachgewiesen und die entsprechenden Dokumente vorgelegt, argumentiert das Weiße Haus. Robert Gibbs, Obamas Sprecher, stöhnt in einer Pressekonferenz vernehmlich über den "Nonsens", Obama sei nicht in den USA geboren. Es sei beinahe unmöglich, diejenigen, die daran glaubten, vom Gegenteil zu überzeugen, seufzt Gibbs. "Aber der Präsident wurde in Honolulu geboren, dem 50. Bundesstaat des großartigsten Landes auf der Welt. Er ist ein US-Bürger."

Vor anderthalb Jahren hatte Obamas Team im Wahlkampf schon die digitale Version von der Gesundheitsbehörde in Hawaii online gestellt. Darauf ist zu lesen, dass der Präsident am 4. August 1961 um 19.24 Uhr in Honolulu geboren wurde. Das unabhängige Annenberg Public Policy Center, das Wahlkampfaussagen auf ihre Richtigkeit überprüft, hat das Dokument unter die Lupe genommen. Nach umfangreichen Recherchen ist das Center zu dem Schluss gekommen: "Obama wurde in den USA geboren, genau wie er immer gesagt hat." Die Forscher verweisen auch auf eine Zeitungsanzeige, in der Obamas Eltern die Geburt ihres Sohnes Barack in Honolulu bekanntgeben.

Doch das kann die Verschwörungstheoretiker nicht aufhalten. Sie wüten in Blogs über die angebliche "Fälschung" von Obamas Geburtsnachweis. Konservative Kongressabgeordnete haben nun sogar ein Gesetz eingebracht, nach dem jeder Präsidentschaftskandidat in Zukunft seine Geburtsurkunde vorweisen können muss. Mittlerweile erreicht die Bewegung auch die etablierten Medien. Lou Dobbs von CNN, seit langem TV-Kreuzzügler gegen illegale Einwanderer, fragt in seiner Sendung verschwörerisch immer wieder: "Warum kann Barack Obama nicht einfach seine reguläre Geburtsurkunde auf Papier vorlegen?"

Accessoire des "anständigen Amerikaners"? Eine Videokamera!

Neu sind die Diskussionen nicht. Im Wahlkampf kamen sie schon einmal auf, etwa in Obamas Vorwahlduell gegen Hillary Clinton. Doch auch sein republikanischer Rivale John McCain musste sich mit ähnlichen Vorwürfen herumschlagen - weil er auf einer US-Militärbasis das Licht der Welt erblickte. Die Bewerber konnten alle Behauptungen erfolgreich widerlegen. Doch die Debatte derer, die eine Verschwörung wittern, ist für den Präsidenten wohl nicht zu gewinnen. Offizielle Dokumente bezeichnen die Verschwörungstheoretiker schlicht als gefälscht. Oder sie behaupten, Obamas Eltern hätten besagte Zeitungsanzeige aus strategischen Gründen geschaltet - für den Fall, dass ihr Sohn irgendwann einmal für das US-Präsidentenamt kandidiere. Was nützen da schon sachliche Argumente?

Es hat den Anschein, als reiche so manchem die bloße Tatsache aus, dass die Debatte fortbesteht - in der Hoffnung, dass irgendetwas im öffentlichen Gedächtnis hängenbleibt. Als es um die Frage ging, welcher Religion Obama angehört, konnten selbst amtliche Stellungnahmen nicht bei allen Zweiflern Klarheit schaffen. Nach jüngsten Umfragen gehen noch immer bis zu 20 Prozent der Amerikaner davon aus, dass der Präsident Muslim ist - was nicht der Fall ist. Nun hat das US-Repräsentantenhaus zwar offiziell am Montag dieser Woche eine Resolution erlassen, die bestätigt, dass Präsident Obama amerikanischer Bürger ist. Alle Abgeordneten stimmten dafür, Demokraten wie Republikaner.

Doch kann eine Parlamentsabstimmung Gerüchte beenden? In Interviews erwecken einige republikanische Volksvertreter unbeirrt den Eindruck, Obamas Staatsbürgerschaft sei nach wie vor ungeklärt. Und Orly Taitz aus Kalifornien, eine Wortführerin der Diskussion um Obamas Geburtsort, verspricht laut Internet-Seite "Politico" in ihrem Blog: "Ich glaube, wir sollten das ernstnehmen - und ich hoffe, dass jeder anständige Amerikaner mit einer Videokamera zu Bürgersprechstunden kommt und von den Politikern verlangt, endlich zu handeln."



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