Selsingen - Angela Merkel hat auch angesichts der jüngsten deutschen Opfer in Kunduz das Engagement der Bundeswehr in Afghanistan verteidigt. "Ich stehe sehr bewusst hinter diesem Einsatz", sagte die Kanzlerin auf der Trauerfeier am Freitag im niedersächsischen Selsingen. Er sei nötig, "weil er der Sicherheit unseres Landes dient".
Merkel überbrachte den Angehörigen im Namen der Bundesregierung und aller Bundesbürger ihr tief empfundenes Mitgefühl. Sie sagte, das Völkerrecht bewerte die Lage in Afghanistan als nicht internationalen bewaffneten Konflikt. Doch die meisten Soldaten nennten es Bürgerkrieg oder einfach Krieg. "Und ich verstehe das gut", betonte die Kanzlerin. Es gebe keinen Minister und keinen Abgeordneten, der nicht schon einmal Zweifel gehabt hätte, ob dieser Kampfeinsatz gerechtfertigt sei. "Unser Einsatz in Afghanistan verlangt von uns Politikern, den Wahrheiten ins Auge zu sehen." Es sei immer wieder wichtig, sich klarzumachen, "warum wir junge Männer und Frauen nach Afghanistan schicken".
Das Engagement in Afghanistan erfordere einen langen Atem, sagte Merkel. Aber das Land solle nie wieder von Qaida-Terroristen und Taliban beherrscht werden. Denn der Terror mache auch vor Europa nicht halt. Deshalb sei der Bundeswehreinsatz "auch im dringenden Interesse der Sicherheit unseres eigenen Landes". Der Einsatz sei schwieriger, als man zu Beginn vor acht Jahren noch gedacht habe, sagte Merkel. Sie versprach, er werde keinen Tag länger sein als notwendig. Einen konkreten Abzugstermin nannte sie jedoch nicht. Es gebe manche Fortschritte, aber auch "zu viele Rückschläge".
"Deutschland verneigt sich vor ihnen"
Viele Soldaten hätten Verletzungen an Körper und Seele davongetragen. 39 deutsche Soldaten seien seit Einsatzbeginn gestorben, 20 davon durch Feindeinwirkung im Kampf gefallen. Die drei am Karfreitag getöteten Soldaten hätten den höchsten Preis bezahlt, den ein Soldat bezahlen könne, sagte Merkel. Dafür gebühre ihnen Dank und Anerkennung. "Ich verneige mich vor ihnen, Deutschland verneigt sich vor ihnen", sagte die Kanzlerin.
Merkel nahm erstmals an einer Trauerfeier für gefallene Soldaten teil. Sie hatte sich dazu am Donnerstag kurzfristig entschlossen und ihren Osterurlaub dafür abgebrochen.
Zur Trauerfeier für die drei vor einer Woche in Afghanistan getöteten Bundeswehrsoldaten waren etwa tausend Trauergäste nach Selsingen gekommen. Die Särge der Fallschirmjäger aus der benachbarten Kaserne in Seedorf waren bei einem Gottesdienst in der St.-Lamberti-Kirche aufgebart. Bundeswehrsoldaten trugen sie dann in einem Trauerzug aus dem Gotteshaus heraus und brachten sie in die Heimatorte der Soldaten zur Beisetzung.
Die 25, 28 und 35 Jahre alten Soldaten waren am Karfreitag bei einem Gefecht mit Taliban in der Nähe der afghanischen Stadt Kunduz getötet worden. Vier weitere Soldaten wurden schwer verletzt. Für die Trauerfeier hatte die Kanzlerin ihren Urlaub auf Gomera abgekürzt. Neben Merkel und dem Verteidigungsminister waren auch der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) und der scheidende Wehrbeauftragte Reinhold Robbe (SPD) in Selsingen.
Unter den Trauergästen waren auch rund 250 Kameraden, die schon bald an den Hindukusch verlegt werden sollen. Wie gefährlich der Einsatz dort ist, zeigte sich abermals an diesem Morgen, gegen 9.30 Uhr: Die Taliban griffen in Kunduz erneut die Bundeswehr an. Ein Konvoi mit deutschen Soldaten war gerade auf dem Weg vom deutschen Camp in die Innenstadt, als ein an der Straße versteckter Sprengsatz gezündet wurde. Ein Fahrzeug des Typs "Wolf" wurde durch die Explosion so schwer beschädigt, dass es nicht mehr weiterfahren konnte. Soldaten wurden glücklicherweise nicht verletzt.
ler/apn/dpa
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