Phänomen Geert Wilders "Alle dachten, das geht vorbei"

Geert Wilders fordert den EU-Austritt der Niederlande, er will den Koran verbieten und Grenzen schließen. Der Soziologe Paul Schnabel erklärt den Erfolg des Rechtspopulisten - und warum er lange unterschätzt wurde.

Geert Wilders
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Zur Person
  • Ineke Oostveen
    Paul Schnabel, 68, leitete 15 Jahre lang das Sociaal en Cultureel Planbureau, ein Sozialforschungsinstitut, das die niederländische Regierung berät. Der Soziologe ist Professor der Universität Utrecht und vertritt die liberale Partei D66 seit zwei Jahren in der Ersten Kammer des Parlaments.

SPIEGEL ONLINE: Mitte März wählen die Niederländer, laut Umfragen könnte der Rechtspopulist Geert Wilders mit fast 20 Prozent der Gewinner werden. Warum kommt er bei vielen Menschen so gut an?

Paul Schnabel: Uns geht es gesamtwirtschaftlich besser als Deutschland, besagen Studien. Wir sind unter den reichsten Ländern der Welt, der Wohlstand ist fast so gerecht verteilt wie in Skandinavien, die Staatsschulden sinken, ebenso die Arbeitslosigkeit. Aber trotzdem herrscht eine irrationale Unzufriedenheit, nach dem Motto: Mir geht es gut, aber uns geht es schlecht.

SPIEGEL ONLINE: Woraus speist sich diese Unzufriedenheit?

Schnabel: Es ist wichtig zu trennen - zwischen echten und eingebildeten Sorgen. Ein Fünftel der Bevölkerung fühlt sich offenbar bei Wilders aufgehoben, weil es glaubt, dass nur er ausspricht, was es insgeheim denkt. Dazu gehört der Irrglaube, dass die niederländische Identität durch Globalisierung und Islam bedroht ist. Wilders schürt die negativen Emotionen und nutzt sie aus. Er vermischt sie mit realen Problemen. Immobilien und Mieten sind zum Beispiel sehr teuer geworden. Es gibt heutzutage mehr Familien, die zwei Einkommen brauchen, um ein angenehmes Leben zu führen, und der Sozialstaat schrumpft.

SPIEGEL ONLINE: Wilders' Botschaften verfangen offenbar besonders bei jungen Menschen.

Schnabel: Die genannten, echten Sorgen - Mieten und prekäre Arbeitsverhältnisse - betreffen vor allem die Jugend. Und Wilders ist eine schillernde Figur. Er sagt auf brutale Art, was er denkt und ist dabei sehr stark und laut - eine Art Proto-Trump. Und er schimpft auf die Eliten und auf die Etablierten, wie alle Rechtspopulisten. Kleinigkeiten bauscht er in Videos über Facebook und Twitter durch ständige Wiederholung auf, weil er hofft, dass sie dann Teil des kollektiven Bewusstseins werden und vielleicht sogar als faktisch korrekt betrachtet werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Abgeordneter der liberalen Mittepartei D66. Was haben liberale politische Kräfte im Umgang mit Wilders falsch gemacht?

Schnabel: Wir haben das Gefühl für einen Teil der Menschen verloren. Die Politik ist moderner als die Bevölkerung als Ganzes. Und viele dachten, das Phänomen Wilders geht einfach so vorbei. Andere populistische Parteien wie die des ermordeten Rechtspopulisten Pim Fortuyn haben sich durch internen Streit selbst zerlegt. Wilders aber hat nie eine Partei gegründet. Er ist das einzige Mitglied der PVV. Damit gibt es Konflikte, wenn überhaupt, nur in seiner Parlamentsfraktion.

SPIEGEL ONLINE: Nach niederländischem Recht ist es möglich, dass Wilders das einzige Mitglied ist - er hat bislang auch immer verhindert, dass mehr Mitglieder hinzukommen. Wer sind dann die Abgeordneten, die für seine PVV im Parlament sitzen?

Schnabel: Fast ausschließlich Leute, die nichts anderes haben als Wilders' Bewegung. Einer hat mir persönlich erzählt, außerhalb des Parlaments und ohne Wilders sei er chancenlos. Er und andere sind finanziell von der PVV abhängig geworden.

SPIEGEL ONLINE: Warum erklärt den Menschen keiner, dass hier ein Politiker in Führung liegt, der die Grundfesten der Niederlande zerstören will?

Schnabel: Wichtig ist mir, dass der Chef unserer liberalen Partei D66, Alexander Pechtold, sich immer sehr klar und pointiert gegen Wilders gestellt hat. Auch darum hat Wilders zuletzt erstmals "Alternativfakten" bemüht. Er verbreitete ein verfälschtes Foto, das Pechtold als Sympathisant von Islamisten bei einer Pro-Scharia-Demo zeigen soll. Das Bild ist eine glatte Lüge.

Und wir erklären ja den Menschen: Wir haben keine Chance, wenn wir aus der EU austreten. Wilders sagt, er vernichte Holland nicht, er bringe es wieder zu sich selbst. Die Schweiz ist bei ihm und anderen Populisten ein beliebtes Beispiel. Ausgerechnet die Schweiz! Ein Land, das ohne echte Mitgliedschaft fast alles tun muss, was die EU verlangt. Aber das wird uns einfach nicht geglaubt.

Der Peilingwijzer fasst die Umfragen von Ipsos, Peil NL, I&O Research, LISS-Panel und Kantar Public zusammen. Mehr Details und Abweichungen: Peilingwijzer von Tom Louwerse, Universität Leiden auf.


SPIEGEL ONLINE: Der Plan lautet derzeit wieder, Wilders zu isolieren. Bis auf die Rentnerpartei 50plus will keiner mit ihm koalieren. Kann das klappen?

Schnabel: Wenn er wirklich stärkste Partei wird, bekommt er eine Chance, die Regierung zu bilden, wird aber scheitern. Auch die Sozialdemokraten der PvdA haben das früher schon einmal erlebt - stärkste Kraft zu sein, aber nicht regieren zu können. Für ein Linksbündnis wird es wohl nicht reichen. Die meisten Beobachter rechnen mit einer Koalition aus vier oder fünf Parteien unter dem bisherigen Premier Mark Rutte.



insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
schockschwerenot 17.02.2017
1. Was sind die Kleinigkeiten,
die von Wilders aufgebauscht werden in der Hoffnung, dass die Leute sie glauben?
Bondurant 17.02.2017
2. D 66
Warum heißt es in der Überschrift "der Soziologe...erklärt, wenn sich aus dem Text ergibt, dass es sich bei dem Interviewten um einen parteipolitischen Gegner des Untersuchungsobjekts handelt? Im Übrigen: "Dazu gehört der Irrglaube, dass die niederländische Identität durch Globalisierung und Islam bedroht ist." Ob es ein Irrglaube ist, dass z.B. die Globalisierug die "niederländische Identität" bedroht, dürfte insbesondere unter TTIP-Gegnern keineswegs ausgemacht sein. Etc. etc. Es entsteht wirklich der Eindruck, dass dem "Soziologen" der in Wirklichkeit Parteipolitiker ist, eine Propagandaplattform gegeben werden sollte. Dafür sollte sich seriöser Journalismus zu schade sein, aber daswar vermutlich gestern. Heute zählt hauptsächlich die aufrechte Gesinnung.
paulvernica 17.02.2017
3. Holland am Ende
Also wenn in Holland nur die Wahl bleibt Wilders oder eine Koaliton von 4-5 Parteien sieht es schlecht aus. Welchen Sinn macht eine Wahl wenn anschliessend sich einfach die Mehrheit der Parteien zusammenlegt. Das ist doch keine Demokratie.
Nur ein Blog 17.02.2017
4. Warten auf ein Attentat?
Zitat: "Andere populistische Parteien wie die des ermordeten Rechtspopulisten Pim Fortuyn haben sich durch internen Streit selbst zerlegt." Ob nun ein erfolgreiches Attentat eine Selbstzerlegung sei, sie dahingestellt. Dass Wilders keine Partei bildet, ist äusserst bedenklich - vermutlich wird es verstanden als Reaktion auf Fortuyns Ermordung. Deswegen würden sich wohl nicht allzu viele als Mitglieder einschreiben, zumal die eher unverhohlene als klammheimliche Freude über Fortuyns Ermordung noch heute spürbar ist. War das das Abwarten? Vielleicht haben Schnabel und die übrigen guten Niederländer ja Glück, und die Geschichte wiederholt sich. Ich finde diese sich mehrenden Hinweise auf erfolgreiche Attentate gegen Populisten aus den Eliten für noch gefährlicher als die Forderung von Foristen nach einer "Dallaslösung" für Trump.
Leser161 17.02.2017
5. Zum X.
Rechtspopulisten haben Erfolg weil sie die Probleme der Bürger erspüren und und mit vordergründigen Lösungsansätzen bedienen. Das ist eine schwache Strategie, weil die meisten Menschen wissen, dass ein Verbot des Koran nichts bringt. Wilders&Co. sind damit nur erfolgreich, weil die etablierte Konkurrenz eine noch schwächere Strategie fährt: "Probleme für nichtexistent zu erklären und neoliberale Deregulierung zum Weg in eine noch goldenere Zukunft zu bestimmen." Man müsste einfach nur die Sorgen der Menschen annehmen und sagen "Wir verstehen, wir haben jetzt grad keine Lösung, aber wir arbeiten dran". Und schwupps wären Wilders&Co. mit ihren Lieschen-Müller-Lösungen weg vom Fenster. Dafür bräuchte man aber Politiker von Format, die ich "Ich wusste von nichts" nicht für eine korrekte Antwort halten.
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