Geert Wilders Missionar der düsteren Botschaften

Privatleben sieht anders aus: Jede Nacht wird Geert Wilders von Bodyguards in einer anderen Unterkunft einquartiert, seine Frau trifft er alle ein, zwei Wochen. Doch obsessiv verfolgt der niederländische Rechtspopulist sein Ziel: mit dem "faschistischen Koran" abzurechnen.

Von , Amsterdam


Amsterdam - Ursprünglich wollte er den Dänen sagen, wie sehr er sie bewundert. "Ihr seid ein starkes Volk mit einer starken Regierung", rief er ihnen vergangene Woche aus dem Zweiten Dänischen Staatsfernsehen zu. "Ihr seid nicht wie meine Regierung vor den militanten Muslimen eingeknickt!"

Wilders: "Ich war ein braves, liebes Kind"
AFP

Wilders: "Ich war ein braves, liebes Kind"

Doch der Moderator hatte mit Geert Wilders etwas ganz anderes vor. Er bat den Populisten aus Holland zu einem psychologischen Test. Live und vor laufender Kamera wollte er seine Empathie messen. "Haben Sie als Kind Insekten den Kopf abgetrennt?", lautete eine Frage und Wilders, der polternde Politiker, war gezwungen, einen raren Einblick hinter seine professionelle Politikerfassade zu geben. "Nein, niemals. Ich war ein braves, liebes Kind." Ob er nachts viel träumen würde? "Wenn ich schlafe, dann schlafe ich", brummte er. Und wenn er Menschen weinen sieht, berühre ihn das?, fragte der Fernsehmann. "Schon", säuselte er. "Wenn ich zu weit gegangen bin, entschuldige ich mich auch." Dann aber war er wieder der alte Wilders. Stur und unnachgiebig: "Aber wenn ich im Recht bin, dann zieh' ich meinen Standpunkt durch."

Seit mehr als vier Jahren hallen seine Hasstiraden und respektlosen Bemerkungen durch die Niederlande. Sie zielen aufs parteipolitische Establishment, linke Intellektuelle, Eurokraten. Vor allem aber auf Muslime im In- und Ausland. Selbst Gegner bewundern ihn für seine Unnachgiebigkeit.

Neidvoll bescheinigen sie dem Mann mit dem seltsam gefärbten Blondschopf die derzeit tonangebende, rhetorisch versierteste Figur im niederländischen Parlamentsgewerbe zu sein. Die heimischen Journalisten wählten ihn zum Politiker des Jahres 2007, ausländische Reporter drängeln sich nach Interviews mit dem angeblich Unbeugsamen.

Selbstsicher, trotzig, rechthaberisch, ungerührt

Beharrlich treibt der 45-Jährige derzeit die niederländischen Sicherheitsbehörden und die Politik zur Verzweiflung. Selbstsicher und trotzig, rechthaberisch und ungerührt, so präsentiert er sich im Parlament, wo er mit seiner Protestgruppierung "Partei für die Freiheit" (PVV) sitzt. Seit Monaten beknieen ihn diverse Minister, Geheimdienstbeamte und Polizisten, von seinem Vorhaben abzusehen: seinen Film "Fitna" (arabisch: Heimsuchung, Prüfung) zu veröffentlichen, in dem er mit dem "faschistischen Koran" abrechnen will.

Doch je mehr der Druck der Öffentlichkeit wächst, umso ruhiger scheint der Mann zu werden. Wohlig räkelt er sich im lilafarbenen Parlamentsstuhl und verzieht sein eckiges Gesicht zu einer schelmischen Grimasse. Er zeigt dieser Tage die Unbeirrbarkeit eines Missionars, der sich auserwählt fühlt, seine düsteren Visionen zu verbreiten. "'Fitna' ist die letzte Warnung an den Westen. Ob wir die Freiheit an unsere Kinder weitergeben oder ob wir unsere Freiheit im multikulturellen Morast versinken lassen", orakelt er.

Mit seiner obsessiven Hatz auf den Islam raubt Geert Wilders sich sein Privatleben. Jede Nacht quartieren ihn die Bodyguards in einer anderen Unterkunft ein. Seine Frau trifft er alle ein, zwei Wochen mal. In seinem fensterlosen Büro im Haager Binnenhof, dem Parlament, zeigt er mit spöttischem Lachen Filme mit seinem Konterfei, unterlegt mit dem Rattern von Maschinengewehren und der schnarrenden Stimme eines Hasspredigers, der ihm den Tod wünscht.

Umfragewerte für Wilders Protestpartei steigen

Es bereitet ihm sichtlichen Spaß, seine politischen Gegner in ein Dilemma zu treiben. Auf der einen Seite hasst ihn die Elite im Polderstaat für seine demagogische Art, mit der er pauschal alle Muslime in die Nähe von Terroristen rückt. Aber seinen Film zu verbieten? Das würde gegen das hohe Gut der freien Meinungsäußerung verstoßen. Und so kommt es, dass die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Parlament sich zähneknirschend dafür einsetzt, dass der Staat Sicherheitsleute für die Aufführung seines Films finanzieren müsse.

Den Intellektuellen, die er als Gutmenschen und Kulturrelativisten züchtigt, sieht er mit Genugtuung dabei zu, wie sie sich winden. Seine Umfragewerte jedoch steigen. Würde am nächsten Sonntag gewählt, dann wären seiner PVV, die derzeit mit neun Abgeordneten in der Zweiten Kammer vertreten ist, die wohl doppelte Zahl von Sitzen sicher. Das einfache Wahlvolk applaudiert, wenn er über pubertierende Marokkanerkinder lästert, die sich durch die Fußgängerzonen rempeln.

Aber auch Politologen zollen ihm manchmal Beifall, etwa vor einem Jahr, als er zwei neu vereidigte Staatsminister kess fragte, welchem Staat sie denn eigentlich dienten? Diesem oder dem türkischen beziehungsweise marokkanischen, dessen Staatsbürgerschaft sie ebenso besitzen?



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