Gefährlicher Alltag: Wie deutsche Frauen in Bagdad leben

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Rund hundert Deutsche leben noch im Irak, etwa 20 von ihnen sind Ehefrauen irakischer Männer in Bagdad. Sie kennen die Gefahr, haben Angst. Jetzt, seit der letzten Entführung, denken manche an Ausreise.

Berlin/Dubai - Ihren Namen will sie nicht nennen. Die Frau am Telefon bittet, bloß kein Detail über ihr Viertel oder auch nur die Farbe ihres Hauses zu nennen. Jedes Wort zu viel könnte ein Fehler sein, ein Risiko für sie, für ihre Familie. Kidnapper könnten sich an dürren Fakten orientieren, das weiß die Frau spätestens seit dem vergangenen Dienstag. Dann könnte es sie treffen, denn auch sie lebt seit Jahren in Bagdad, der Hauptstadt des Chaos-Staats Irak.

Straßenszene in Bagdad: Soldaten versuchen, den Alltag zu sichern
REUTERS

Straßenszene in Bagdad: Soldaten versuchen, den Alltag zu sichern

Es ist die Entführung einer 60-jährigen deutschen Ehefrau eines Irakers und ihres Sohns, die in den letzten Tagen eine Gemeinschaft aufrüttelte, von der man bisher kaum etwas gehört hat. Auch wenn fast alle Deutschen aus Angst vor Bomben, Bürgerkrieg und den täglichen Geiselnahmen den Irak verlassen haben, sind sie geblieben: Die ausländischen Ehefrauen irakischer Männer, die noch im Land leben. Spätestens seit den ersten Berichten über das Kidnapping wissen sie, dass auch ihr Leben mehr und mehr in Gefahr ist.

Wer jetzt mit diesen Frauen telefoniert, spürt ihre Angst. Lange Pausen schleichen sich in die Gespräche. Einige von ihnen wollen gar nicht reden über das fast irreale Leben, das sie führen. Andere lassen ihre Söhne den Hörer abnehmen. Wer weiß schon, ob nicht vielleicht die marodierenden Banden einen Tipp bekommen haben, dass sich hinter den hohen Mauern ihrer Häuser noch europäische Frauen verbergen könnten. Dann wären sie leichte Beute der notorischen Entführungsindustrie, für die Ausländer besonders wertvoll sind.

Die Heimat kennen sie nur aus dem Fernsehen

Nicht viel mehr als 100 Europäerinnen, darunter etwa 20 Deutsche, leben im Augenblick noch in der Stadt, schätzt eine der Frauen aus Bagdad. Die meisten von ihnen leben seit Jahrzehnten im Irak. Sie sind eingebunden in das traditionell dicht geknüpfte familiäre Netz ihrer Partner. Ihre europäische Heimat kennen sie vielfach nur mehr aus dem Satellitenfernsehen. Im Auswärtigen Amt heißen sie "Deutsche mit familiären Bindungen". Jede einzelne von ihnen würden die Diplomaten lieber heute als morgen aus dem Irak raus haben – nicht erst seit dem aktuellen Fall.

Ihre Kontakte untereinander sind weniger eng als unter den dramatischen Umständen anzunehmen wäre. Vor dem Krieg waren Ausländer grundsätzlich suspekt. Die vielfach im Westen ausgebildeten und dann im irakischen Staatsdienst beschäftigten Partner der Ausländer mieden einander. Nach der Entführung telefonierten sie erst lange herum, um zu erfahren, wer von ihnen gekidnappt worden war. Es dauerte eine ganze Weile, bis klar war, welche von ihnen den Geisel-Gangstern in die Hände gefallen war.

Nach der US-Invasion 2003 gab es eine kurzes Zeit, in der die Botschaften ihre jeweiligen Gemeinden zu Weihnachtsfeiern oder Nationalfeiertagen zusammentrommelten. "Ich war nur zweimal auf solchen Veranstaltungen", sagt Frau H., eine deutsche Akademikerin, "am 3. Oktober 2004 und 2005." Inzwischen lade die Botschaft gar nicht mehr ein; die Sicherheitslage lasse das nicht mehr zu. Viel zu gefährlich wäre schon die Autofahrt, die Botschaft selbst ist schon lange für den Publikumsverkehr geschlossen worden.

"Meine Frau schicken? Unmöglich!"

Die deutsche Vertretung versucht zumindest per Telefon "enge Tuchfühlung mit den Landsleuten“ zu halten, sagt ein Diplomat in Berlin. Es klappt nicht immer. Fast jeden Tag werden die Mobilfunknetze nach Anschlägen abgeschaltet. Auch die Sicherheitswarnungen und die Aufrufe, das Land zu verlassen, kämen inzwischen nur mehr sporadisch. "Alle haben sich zurückgezogen, so weit sie können", sagt eine der Deutschen. Viel mehr, als von jeglichem Verlassen der Häuser zu warnen, könnte man wohl eh nicht tun.

Es gibt Stadtteile in Bagdad, die man als Ausländerin absolut nicht mehr betreten kann, vor allem die umkämpften Viertel im Westen der Stadt. "Selbst wenn ich schwer krank wäre, würde ich mir zehnmal überlegen, ob ich zum Kindi-Hospital hinunterfahre", sagt ein mit einer Europäerin verheirateter Iraker. "Meine Frau dahin schicken? Unmöglich." Viel zu gefährlich seien der Weg und die vielen Stellen, an denen man angehalten und kontrolliert werde. Was er in einem Notfall täte, darüber will er gar nicht erst nachdenken.

Andere sind gelassener – und nehmen ein enormes Risiko in Kauf. "Ich fahre an drei Tagen in der Woche zu meiner Arbeitsstelle", sagt die deutsche Akademikerin. "Ich nehme die kleinen Linienbusse, da sind viele Leute beisammen und man kann dem Fahrer trauen." Einfach ein Taxi nehmen, das macht niemand mehr. "Man hat ja keine Ahnung, ob das wirklich ein Taxifahrer oder ein Bandit ist", sagt sie. Selbst Polizeiuniformen sind nur noch eine Frage des Preises in Bagdad und bei den Kidnapper-Banden sehr beliebt.

Sorgen um die Zukunft in der fernen Heimat

Verschwindet man nach fast 30 Jahren Bagdad in der Masse? Kann man das Europäische, den fremden Habitus, ablegen? "Absolut nicht", sagt die Deutsche, "das versuche ich auch gar nicht erst. Ich trage zum Beispiel kein Kopftuch." Einmal kam es deswegen zu einer Szene: Ein Fahrgast beschwerte sich, er wolle nicht neben einer Frau ohne Hidschab sitzen – undenkbar in den Jahren vor dem letzten Krieg. "Doch der ganze Bus unterstützte mich", erzählt sie. Entweder die Frau bleibe hier, sagten die Fahrgäste, oder alle wollten aussteigen.

Einige Berichte der deutschen Frauen überraschen, sie hören sich so gar nicht nach einem Leben im Chaos an. "Es mag sich merkwürdig anhören, aber manche von uns haben hier ein völlig intaktes Umfeld", sagt Frau H., "zu Hause, in der Familie, dort wo wir arbeiten." Seit Jahren arbeite sie mit Leuten zusammen, die sie seit den siebziger Jahren kenne, ihr Mann ebenso. "Es fällt uns schwer, uns von all dem zu trennen", sagt sie, "außerdem würden unsere Rentenansprüche verfallen, wenn wir das Land jetzt sofort verließen."

Durch die Stadt zu fahren ist nicht nur gefährlich, sondern auch unendlich mühsam. "Seit 20 Jahren bin ich die gleiche Strecke von unserer Wohnung zu meiner Arbeitsstelle gefahren: Es war eine Fahrt von zehn bis zwölf Minuten", sagt die Deutsche, "heute bin ich manchmal zweieinhalb Stunden unterwegs." Auch deshalb kämen nur Busse in Frage. Die Fahrer wüssten, welche Straßen gesperrt sind, wo es neue Checkpoints gibt, wo geschossen wird. Allein die Beschaffung von Lebensmitteln wird so zur gefährlichen Mission.

Der gefährliche Gang vor die Tür ist immer wieder deprimierend. "Am härtesten ist es, den Anblick der einfach weggeworfenen Leichen zu ertragen", sagt eine andere Frau. Sicher, man stumpfe mit der Zeit ab. Und doch könne man sich nie an die diese Eindrücke und an die Angst gewöhnen. "Später kommst du dann nach Hause zurück und schaltest das deutsche Fernsehen ein: Das sind zwei Welten, die nichts mehr miteinander zu tun haben", erzählt sie.

"Vielleicht haben wir uns etwas vorgemacht"

Doch warum dann bleiben? Die Gründe auszuharren sind für Ausländer dieselben wie für die Iraker: Geldsorgen, die Ausbildung oder die Arbeit der Kinder. Viele sind unsicher, ob man nach Jahrzehnten in Bagdad tatsächlich noch einmal woanders neu anfangen kann. Syrien, Jordanien wären noch möglich. Das wiedervereinigte und völlig veränderte Deutschland jedoch ist für sie wie ein fremdes Land.

Die jüngste Entführung – auf allen deutschen Fernsehprogrammen gemeldet – hat viele der Frauen beunruhigt. Andere reden sich gut zu. "Die Familie soll ja vermögend gewesen sein, wir sind es nicht", sagt eine. Und wenn es die Entführer nur auf die Deutsche und ihren Sohn abgesehen hatten, weil sie mit einer großen Summe Lösegeldes von der deutschen Regierung rechnen? "Halten Sie das für möglich?“ fragt sie fast erschreckt.

Kurz überlegt die Frau am anderen Ende der Leitung. "Dann sollten wir unsere Lage vielleicht neu überdenken", sagt sie leise, "vielleicht haben wir uns in den letzten Jahren auch etwas vorgemacht."

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