Polizisten und Soldaten im Ausland: Einsatz in der Gefahrenzone

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Palästina, Afghanistan oder Kosovo - für deutsche Soldaten, Polizisten und Zöllner geht es in gefährliche Regionen. Acht Frauen und Männer berichten, wie sie vor Raketen flüchten mussten, warum neun Quadratmeter purer Luxus sind und wie man mit Tränen am Telefon umgeht.

Polizist Schmidt bei der Ausbildung von Afghanen: "Ich würde immer wieder dorthin gehen" Zur Großansicht
Felix Schmidt

Polizist Schmidt bei der Ausbildung von Afghanen: "Ich würde immer wieder dorthin gehen"

Hamburg/Berlin - Heftiges Schneegestöber oder glühende Hitze bei 40 Grad Celsius - wenn deutsche Soldaten, Polizisten oder Zöllner in den Auslandseinsatz geschickt werden, ist manchmal schon das Klima für sie eine Herausforderung. Tausende Bundeswehrsoldaten und Hunderte Polizisten sind zurzeit im Einsatz im Ausland: von Afghanistan über das Kosovo bis zum Horn von Afrika. Monatelang sind die Frauen und Männer nicht zu Hause, viele werden auch Weihnachten im Ausland verbringen.

Bundeswehrsoldaten sind zurzeit in zwölf Ländern stationiert. Am Montag haben EU-Außenminister zudem beschlossen, mindestens 200 Militärausbilder nach Mali zu schicken, um dort Streitkräfte auszubilden und bei der Neuorganisation der Armee zu helfen. Deutschland wird sich wohl an dem Einsatz beteiligen.

Auch mehr als 300 Polizisten beteiligen sich an internationalen Einsätzen, helfen in Krisenregionen, bilden lokale Sicherheitskräfte aus, schützen Botschafter. Der größte Teil von ihnen wurde an den Hindukusch entsandt: 220 Polizisten bringen afghanischen Kollegen bei, wie in Deutschland Vernehmungen geführt und Spuren gesichert werden. Manchmal behelfen sie sich mit einfachen Mitteln - wie Pinseln aus Kamelhaar.

"Deutsches Know-how ist im Ausland gefragt", sagt Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Die Beamten sammelten zudem wertvolle Erfahrungen, die auch zu Hause wichtig seien. Er glaubt: "Auslandsaufenthalte werden künftig zum Berufsbild der Polizei gehören."

Wie gehen die Einsatzkräfte mit der Gefahr um? Wie mit der langen Abwesenheit von der Familie? Bei SPIEGEL ONLINE schildern acht Männer und Frauen - von Bundeswehr, Polizei und Zoll - ihre Erlebnisse in oft gefährlichen Regionen.

Johannes P., 28, Oberleutnant aus Husum, stationiert in Prizren, Kosovo

Bundeswehr

Mein erster Eindruck vom Kosovo war: Das ist wirklich ein Land nach dem Bürgerkrieg. Und ein Land mit enormen Kontrasten. Der Süden ist malerisch schön und erinnert mich an die Toskana. Eine unberührte Schönheit, die aber überall tragische Spuren des Krieges trägt. Hier gibt es noch immer Minenfelder, viele Ruinen.

Als Besucherführer der Bundeswehr komme ich viel herum. Ich führe Gruppen - vom General bis zur Fachaufsicht - auch in den Norden des Kosovo. Dort leben viele Serben, die die Regierung in Pristina nicht anerkennen und keine Soldaten auf ihrem Gebiet haben wollen. Im Juni sind zwei Bundeswehrsoldaten bei Auseinandersetzungen um eine illegale Straßensperre verletzt worden. Wir merken, dass die Bevölkerung uns im Norden nicht wohlgesonnen ist - da habe ich manchmal schon ein mulmiges Gefühl.

Dies ist mein erster Einsatz im Ausland. Vorher habe ich viel mit meiner Freundin und meiner Familie gesprochen und sie darauf vorbereitet. Es ging nicht so sehr um die Gefahren vor Ort, sondern um die Tatsache, dass ich mal wieder weg bin. Ich bin viel auf Lehrgängen, es ist normal, dass ich nicht zu Hause bin. Das weiß man ja vorher, aber das macht es nicht einfacher.

Ein Riesenvorteil ist, dass wir hier im Feldlager Prizren eine passable Internetverbindung haben und telefonieren können. Ich telefoniere täglich mit meiner Freundin, mit meinen Eltern spreche ich einmal in der Woche. Hier im Feldlager Prizren sind wir gut ausgestattet, das ist auf den verschiedenen Beobachtungsposten ganz anders. Dort gibt es keine Heizung, und die Soldaten wärmen sich an Feuertonnen. Zurzeit schneit es bei uns heftig, der Schnee liegt schon 20 Zentimeter hoch. Für die Kameraden draußen ist das sehr unangenehm.

Ich bin seit Mitte September hier und bleibe bis Anfang Februar. Ich fühle mich eigentlich sehr wohl, aber gerade in der Vorweihnachtszeit denke ich schon an zu Hause. Hier im Feldlager der Kfor in Prizren steht an der einen oder anderen Ecke ein Weihnachtsbaum, vorige Woche hatten wir sogar einen Weihnachtsmarkt. Aber das geht an mir vorbei. Weihnachten bedeutet für mich, Zeit mit meiner Freundin und meiner Familie zu verbringen. Letztens habe ich mich dabei erwischt, wie ich die Tage gezählt habe.

Felix Schmidt, 45, Polizeihauptkommissar, kommissarischer Dienststellenleiter der Kriminalpolizei in Ratzeburg, Einsätze im Kosovo, in Bosnien und Afghanistan

Felix Schmidt

Zuletzt war ich 2009 von Juni bis August in der Provinz Kunduz im Einsatz. Ich habe mit zwei Kollegen 35 afghanische Staatsanwälte und Polizisten, darunter war eine Frau, unterrichtet. Der Lehrgang ging morgens um sechs Uhr los, da es später sehr heiß wurde - bis zu 43 Grad im Schatten. Klimaanlagen gab es kaum. Das schlaucht, ich habe bis zu sieben Liter Wasser am Tag getrunken.

Den Afghanen haben wir kriminalistische Grundlagen beigebracht, zum Beispiel wie man Vernehmungen führt, Spuren sichert und Fingerabdrücke sichtbar macht - manchmal auch mit einfachsten Mitteln wie Kamelhaaren, aus denen man einen Pinsel machen kann. Ich habe gelernt, dass die Menschen dort nicht so viel mit trockener Theorie, Power-Point-Präsentationen oder Balkendiagrammen anfangen können. Die Afghanen mögen es, Geschichten zu hören, die sie auch selbst gerne erzählen. Zum Beispiel die über einen Einbruch in einen Stall, in den eine Schuhspur rein, aber drei rausführten. Am Ende kam heraus, dass eine Kuh gestohlen worden war. Der Dieb hatte dem Rindvieh Schuhe angezogen, um die Spuren zu verwischen.

Man muss sich immer bewusst machen, wie viele afghanische Polizisten jedes Jahr im Dienst ihr Leben lassen. Dass in Afghanistan Krieg herrscht, haben wir täglich erlebt. Das Trainingscamp war mehrmals Ziel von Raketenbeschuss. Wir mussten auch mal den Unterricht unterbrechen und in den Bunker flüchten. Das habe ich gut wegstecken können, Angst hatte ich nicht. Meine Eltern und meine Lebensgefährtin haben sich aber Sorgen gemacht. Ich habe mit ihnen abends über Skype telefoniert. Heimweh hatte ich nicht.

Wir haben während des Unterrichts Englisch gesprochen, das wurde dann von einem Dolmetscher in die Landessprache Dari übersetzt. Private Kontakte sind in meiner Zeit aber kaum entstanden. In der Freizeit stand leider nicht immer ein Dolmetscher zur Verfügung. Wir durften unser Camp nicht verlassen, waren quasi eingesperrt. Erst habe ich in einem Zehn-Mann-Zelt geschlafen, konnte dann aber in ein einfaches Mehrbettzimmer umziehen. Ich habe zum Glück keinen Lagerkoller bekommen.

Ich würde immer wieder nach Afghanistan gehen, konkret geplant ist aber zurzeit nichts, da ich gerade die Dienststelle gewechselt habe. Dafür bereite ich ein- bis zweimal im Jahr Kollegen vor, die ins Ausland gehen, denn seit 2008 bin ich nebenbei Trainer. Natürlich gehört zu so einem Auslandseinsatz auch immer Idealismus und der Wunsch, demokratische Strukturen aufzubauen. Wobei man nicht erwarten kann, dass sich alle Probleme innerhalb weniger Jahre lösen. Es geht um kleine Schritte.

Ruth Haliti, 46, Zollfahnderin aus Essen, Einsatz im Gaza-Streifen

Sie haben mir alle abgeraten: "Viel zu gefährlich", "politisch instabil", so lauteten die Warnungen von Verwandten und Freunden, als sie von meinem Plan hörten, nach Israel und in den Gaza-Streifen zu gehen. Die EU-Mission, an der ich unbedingt teilnehmen wollte, trägt den Namen Eubam Rafah. Es geht dabei um die Unterstützung der palästinensischen Behörden am palästinensisch-ägyptischen Grenzübergang Rafah. Zu meinen Aufgaben gehörte unter anderem die Ausbildung palästinensischer Zöllner.

Ich habe mit Unterbrechungen insgesamt dreieinhalb Jahre dort verbracht. Mein letzter Einsatz endete im Juli, das erste Mal war ich im Februar 2006 dort, damals hatte Israel sich gerade erst vollständig aus dem Gaza-Streifen zurückgezogen.

Ich fand es sehr spannend, gleichzeitig mit Israelis und Palästinensern zu tun zu haben. Nationalsozialismus, Holocaust, die Geschichte Israels - schon in der Schulzeit waren das wichtige Themen für mich. Und jetzt wollte ich helfen beim Zusammenleben von Israelis und Palästinensern. Neben dem Dienst habe ich mich um ein Kind eines palästinensischen Übersetzers aus dem Gaza-Streifen gekümmert, das medizinische Hilfe brauchte. Wir haben es geschafft, dass das Kind in ein Krankenhaus nach Tel Aviv durfte. Die staunenden Augen, als es zum ersten Mal in seinem Leben eine große, unversehrte Stadt sah, werde ich nie vergessen.

Aus Sicherheitsgründen konnte ich während meines Einsatzes nicht im Gaza-Streifen leben. Stattdessen war ich in der südisraelischen Stadt Aschkelon untergebracht. Allein die Anfahrt zum Grenzübergang dauerte daher eineinhalb Stunden - die Arbeitstage waren dadurch sehr lang.

Mehrfach habe ich es erlebt, dass Aschkelon von Raketen der Hamas beschossen wurde. Die Sirenen heulen, und dann hat man wenige Sekunden, um in Bunkerräumen Schutz zu finden. Das war zunächst sehr angsteinflößend. Irgendwann wird es zum Teil des Alltags. Zum Glück wurde niemand von den Raketen verletzt.

Ich würde mich jederzeit wieder für einen Auslandseinsatz entscheiden, der arabische Raum interessiert mich sehr. Libanon, Ägypten - derzeit gibt es dort nichts von Seiten der EU, aber das kann sich ja noch ändern. Vielleicht kommt ja auch mein Mann mit. Er ist Bundespolizist beim Flughafen in Düsseldorf. Zum ersten Mal begegnet bin ich ihm aber nicht in Deutschland - sondern bei meinem Auslandseinsatz. In der Heimat hätte ich ihn vermutlich nie kennengelernt.

Carsten Glawatz, 34, Hauptmann, stationiert in Masar-i-Sharif, Afghanistan

Bundeswehr

Wenn ich Afghanistan eine Farbe geben müsste, wäre das Beige. Die Berge sind bräunlich, im Camp in Masar-i-Sharif ist alles sand- oder betonfarben. Alle sind in ihren Uniformen beige gekleidet.

Überrascht hat mich, wie groß die Unterschiede im Land sind. Die Menschen leben teilweise in Lehmhütten, andere in sehr üppigen Gebäuden und Häusern. Dass die Schere hier so auseinandergeht, hätte ich nicht gedacht. Ich bin als Kompaniechef der Stabs- und Versorgungskompanie der Partnering and Advisoring Task Force viel unterwegs, meine Soldaten sind auf verschiedene Außenposten und Lager verteilt.

Dort ist die Gefahr präsent. In der ersten Dezemberwoche wollten zwei Männer afghanische Sicherheitskräfte angreifen, in unmittelbarer Nähe des deutschen Außenposten OP North. Der Sprengkörper hat einen der Attentäter getötet. Wir sind sofort dort hingefahren.

Wie reagiert man in einer solchen Situation? Jeder funktioniert. Jeder sichert sich gegenseitig. In Worte fassen kann man das nicht. Die Gefahr ist nicht immer greifbar, wir müssen umsichtig sein, 100 Prozent wachsam, untereinander Verbindung halten. Ich weiß, was ich kann, was meine Jungs können. Die Soldaten, die bei einem solchen Anschlag dabei waren, reden vielleicht kurz darüber. Oder auch nicht. Man lernt, mit der Gefahr zu leben - weg ist sie nicht.

Meiner Frau erzähle ich davon nichts, wenn ich sie anrufe. Ich will lieber wissen, was sich zu Hause tut. Das beschäftigt auch meine Soldaten: dass sie lange von ihren Familien getrennt sind, das Kind zum Beispiel in ihrer Abwesenheit laufen gelernt hat.

Ich bin seit Ende Juli hier und bleibe bis Mitte Februar. Noch 64 Tage. Ende November feierten mein engster Mitarbeiter und ich am selben Tag Geburtstag. Wir haben die ganze Kompanie zum Kaffee eingeladen und den Tag später mit Cola und Fanta ausklingen lassen. In anderen Außenposten ist Alkohol verboten, wir waren im Camp Marmal und haben aus Solidarität auch nichts getrunken.

Melanie B., 30, Oberfeldwebel aus Leer, stationiert in Prizren, Kosovo

Bundeswehr

Schon immer wollte ich im Ausland eingesetzt werden, sonst wäre ich nicht zur Bundeswehr gegangen. Mein Beruf ist Krankenschwester, aber ich konnte mir nicht vorstellen, bis zur Rente jeden Tag das Gleiche zu machen. Also bin ich zur Bundeswehr gegangen, habe eine Grundausbildung gemacht und bin seit Juni 2010 bei den Sanitätern. Dies ist mein erster Einsatz im Ausland, Erwartungen hatte ich vorher keine. Ich wollte die Eindrücke auf mich wirken lassen.

Tatsächlich bin ich sehr positiv überrascht. Die Menschen hier sind angenehm. Im Lazarett, wo ich eingesetzt bin, arbeiten auch Einheimische. Manchmal gehe ich sonntags durch Prizren - die Stadt unterscheidet sich nicht sehr von deutschen Städten.

Wenn ich mit meiner Familie über Skype spreche, versuche ich ihnen zu vermitteln, dass die Gefahren hier nicht so groß sind und man gut leben kann. Ich versuche, ihnen die Sorge zu nehmen, dass mir etwas zustößt.

Ein großes Problem sind hier allerdings Verkehrsunfälle – die Verkehrsregeln werden von der Bevölkerung oft eher als Anhalt verstanden. Daneben kommen die meisten Verletzungen, die wir in der chirurgischen Ambulanz behandeln, aus dem Sport. Gebrochene Hände und Füße, Prellungen, neulich hatten wir einen Nasenbeinbruch. Zum Glück hatten wir in meiner Zeit noch keine schlimmeren Verletzungen. Ich lege Verbände an, nehme Blut ab, arbeite mit den Ärzten zusammen. Außerdem kontrolliere ich, dass genug Material da ist und die Geräte funktionieren.

Wir behandeln hier im Einsatzlazarett vor allem Nato-Soldaten. Im Feldlager Prizren sind knapp 600 Deutsche stationiert. Von den etwa 1250 deutschen Soldaten im Kosovo sind zehn Prozent Frauen in allen Dienstgraden. Bei den Sanitätern ist der Anteil etwas höher: Etwa ein Drittel hier unten im Einsatzlazarett sind Frauen. Wir sagen "unten", weil das Feldlager Prizren an einem Hang liegt und eben ganz unten das Lazarett ist.

Ende Januar gehe ich nach viereinhalb Monaten zurück nach Deutschland. Ob ich danach wieder ins Ausland geschickt werde, weiß ich noch nicht. Ich würde aber überall hingehen.

Christian Friedl, 41, Oberstleutnant aus Bayreuth, Bataillonskommandeur in Gera, stationiert in Masar-i-Sharif, Afghanistan

Bundeswehr

Die Heimat holen wir uns hierher. Im Camp in Masar-i-Sharif stehen überall Weihnachtsbäume und Räuchermännchen. Pakete mit Plätzchen, Stollen und Lebkuchen kommen an. Meine Familie hat mir einen selbstgenähten Adventskalender geschickt, der in meinem Zimmer hängt. Darin sind Fotos und Ausschnitte aus meiner Heimatzeitung, am Nikolaustag habe ich Schokolade bekommen.

Meine ältere Tochter tritt bei uns zu Hause in Bayern unter anderem auf Weihnachtsmärkten als Christkind auf, darf Geschenke verteilen. Da ist es sehr schade, als Papa nicht dabei zu sein. Mit meiner Familie telefoniere ich fast täglich, wir schreiben uns E-Mails und Briefe und skypen regelmäßig. Wenn ich einen Brief nach Hause schicke, sende ich manchmal eine SD-Karte von meiner Kamera mit, damit sie sehen, wie es mir geht und was ich hier mache.

Meine Töchter sind nicht begeistert, dass ich in Afghanistan bin. Vor allem die Kleine ist sehr traurig. Wenn wir über Skype sprechen, fließt die eine oder andere Träne. Ich versuche, sie zu trösten, und sage ihr, dass ich sie gut verstehe. Ein kleiner Trost: Ich kann über Weihnachten für acht Tage nach Hause fliegen.

Ingesamt bin ich von August 2012 bis Februar hier als Chief Engineer im Stab des Regionalkommandos stationiert, es ist mein zweiter Auslandseinsatz für die Bundeswehr. Als unser Bataillon in Deutschland den Auftrag bekommen hat, für Afghanistan Soldaten zu stellen, stand es für mich außer Frage, dass ich als Kommandeur auch dabei bin. Bei uns hier im Stab arbeiten nicht nur Deutsche, sondern auch Amerikaner, Schweden, Norweger, Finnen, Bosnier, Kroaten, Niederländer, Montenegriner, Albaner und Ungarn.

Ab und zu verlasse ich das Hauptquartier für verschiedene Vorhaben und versuche auch, meine Soldaten vom Panzerpionierbataillon im Beobachtungsposten OP North zu besuchen, der liegt etwa eine Flugstunde südöstlich von Masar-i-Sharif. Sie schlafen in Zelten, das ist sehr fordernd bei Temperaturen von 40 Grad Celsius im Sommer und minus zehn Grad Celsius im Winter. Wer dorthin geht, sollte körperlich fit sein.

Kontakt zu Einheimischen habe ich nur, wenn wir mit afghanischen Soldaten zusammenarbeiten. Vor fünf Wochen haben wir allerdings afghanische Sicherheitskräfte bei einer Operation unterstützt. Mich hat überrascht, wie gut sie das hinbekommen haben. Armee und Polizei bekommen die Sicherheitslage mehr und mehr in den Griff. Das hat mich zuversichtlich gestimmt.

Mario Verheyen, 37, Polizeioberkommissar aus Wesel, Ausbilder in Masar-i-Sharif

Mario Verheyen

Ich bin im September 2011 für ein Jahr nach Masar-i-Sharif gegangen. Als wir am frühen Morgen in Kabul gelandet sind, ist sofort das angesprungen, was wir in den Monaten vorher immer wieder gehört und geübt haben: "Achtet auf Leute mit Handys oder auf Kanister am Wegesrand." Die gab's natürlich hundertfach in Kabul. Passiert ist uns das ganze Jahr über aber nichts.

In unserer Einrichtung nahe dem Bundeswehrcamp in Masar-i-Sharif haben rund 90 deutsche Polizisten gearbeitet, mehr als tausend Afghanen wurden dort ausgebildet oder afghanische Ausbilder beraten. Wir haben die afghanischen Verantwortlichen bei der Rekrutierung von Auszubildenden beraten, wir haben zusammen mit den Afghanen eine Organisationsstruktur erarbeitet, über Postenverteilung gesprochen, sie in Geldfragen beraten und versuchen aktuell, die Einrichtung an die Afghanen zu übergeben.

Am Anfang war es sehr gewöhnungsbedürftig, immer nur über Dolmetscher kommunizieren zu können. Dennoch haben mich viele Afghanen nachhaltig beeindruckt. Sie sind sehr wissbegierig, leben ihr Leben langsamer und bedachter, sind dabei aber sehr stolz. Was mich überrascht hat: Niemand hat mich je gefragt, ob ich ihn nicht in Deutschland unterbringen könnte, die wollen alle dableiben und ihr Land aufbauen.

Verglichen mit Bundeswehrsoldaten und vor allem den US-Soldaten war unser Leben in Masar-i-Sharif absoluter Luxus. Ich hatte ein neun Quadratmeter großes Einzelzimmer, mit Dusche und WC. Das lässt sich ein Jahr gut aushalten.

Für mich und meine Frau war von Anfang an klar: Sollte es während meines Einsatzes Probleme zu Hause geben, sollten die Kinder offensichtlich leiden, würde ich sofort zurückkehren. Wir haben auch im Vorfeld mit meinen Kindern genau darüber gesprochen, was ich dort machen würde.

Ich würde sehr gerne wieder zurückkehren, um zu sehen, wie es weitergeht mit dem Ausbildungszentrum. Es gab in der Zeit einige Dinge, die mir das Gefühl gegeben haben, dass man wirklich etwas Gutes getan hat und den Menschen in ihrem Alltag helfen kann. Zum Beispiel haben wir dort einen Betriebskindergarten aufgebaut. Es wurden in unserem Ausbildungszentrum (RPTC North) auch afghanische Frauen ausgebildet, und die haben dort eben traditionell für die Kinder zu sorgen, egal ob sie arbeiten. Zuerst haben sich die Küchenfrauen um die Kleinen gekümmert, dann wurde eine afghanische Sozialpädagogin eingestellt - und die Frauen konnten in Ruhe ihre Ausbildung machen.

Jesko Peldszus, 45, Oberstleutnant aus Munster, stationiert in Masar-i-Sharif, Afghanistan

Bundeswehr

Mein Tag in Masar-i-Sharif beginnt um 6.15 Uhr. Wir wohnen hier in Containern, ich teile mir einen zwölf Quadratmeter großen Raum mit einem anderen deutschen Stabsoffizier. An der Wand hängen Fotos der Familie und selbstgemalte Bilder von meinem Sohn und meiner Tochter, die Wand ist schon halb voll. Morgens greife ich als Erstes in einen großen Schuhkarton, in dem Adventskalender-Geschenke von meiner Familie sind: Süßigkeiten und Dinge des alltäglichen Lebens finden sich darin. Ich habe schon zwei Tuben Zahnpasta gefunden, meine Frau will wohl sicher sein, dass meine Zähne während der Zeit hier gesund bleiben.

Um 7.45 Uhr ist die erste Besprechung, das sogenannte Morning Update, im Stab des Regionalkommandos. Dann folgen erste Besprechungen in Abteilungen, wir stimmen Aufträge und nächste Schritte ab. Wenn dann zwei F-16-Flugzeuge über uns hinwegdonnern, wissen wir: Es ist 10 Uhr. Die starten immer zur gleichen Zeit.

In der Mittagspause mache ich oft Sport. Hier gibt es Krafträume mit Laufbändern, Gewichten und Hanteln. Masar-i-Sharif ist vielleicht nicht ganz vergleichbar mit einer deutschen Kleinstadt, aber hier gibt es ein Krankenhaus, einen Friseur, eine Kirche und zwei Kantinen. Um 19 Uhr folgt das Evening Update. Der offizielle Tag ist um 19.30 Uhr vorbei, aber ich arbeite meist länger, gerade will ich auch meinen nächsten Vorgesetzten vertreten, der im wohlverdienten Kurzurlaub ist.

Die Lichter hier gehen nie aus, auch in der Nacht starten und landen Flugzeuge. Und die Gefechtsstände sind natürlich 24 Stunden am Tag besetzt. Für mich ist die gefühlte Gefahr gering, jeder hat zwar seine eigene Waffe dabei, aber wir können uns frei bewegen. Das ändert sich, sobald wir das Lager verlassen, mit Schutzweste, Helm und gepanzerten Fahrzeugen.

Manchmal denke ich, wir erwarten hier in Afghanistan zu schnell Ergebnisse. Ich werde hier sechs Monate bis März bleiben, wir wollen in dieser Zeit viel verändern. Aber oft laufen die Dinge hier langsam. Nicht jeder kann da große Entwicklungssprünge beobachten.

Zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober hatten wir hier eine große Feierstunde mit afghanischen Würdenträgern; dabei waren Kommandeure der Armee und der Polizei, der Provinzgouverneur und auch Geistliche. Wir haben mit den afghanischen Gästen gemeinsam gefeiert, das war ein gutes Zeichen. Es wurde auch ein Video mit Rückblicken auf die deutsche Teilung und Wiedervereinigung gezeigt - das hat mich sehr bewegt.

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1.
niska 13.12.2012
Zitat von sysopPalästina, Afghanistan oder Kosovo - für deutsche Soldaten, Polizisten und Zöllner geht es in gefährliche Regionen. Acht Frauen und Männer berichten, wie sie vor Raketen flüchten mussten, warum neun Quadratmeter purer Luxus sind und wie man mit Tränen am Telefon umgeht. Gefährlicher Einsatz: Deutsche Soldaten und Polizisten im Ausland - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/gefaehrlicher-einsatz-deutsche-soldaten-und-polizisten-im-ausland-a-872352.html)
Ein bisschen ausführlicher hättet Ihr das schon schildern dürfen. Oder habt Ihr nur den Link vergessen?
2.
meging 13.12.2012
Ich wünsche allen Kameraden, die Weihnachten in der Ferne verbringen, ein besinnliches und ruhiges Fest.
3.
niska 13.12.2012
Zitat von niskaEin bisschen ausführlicher hättet Ihr das schon schildern dürfen. Oder habt Ihr nur den Link vergessen?
So ist es besser. Danke.
4. schöne fragen...
petraschneider 13.12.2012
wie geht der gemeine soldat damit um.. für die elitenparasiten,in nahost ländern den ölraub zu sichern,afganische rauschgiftplantagen der cia zu verteidigen. natoüberfälle in lybien,syrien und bald auch dem iran,waffenlieferungen an prowestdespoten zu decken... wie fühlt es sich an von den aufteilern der welt,denjenigen die den rahm abschöpfen,die dreist unter der fahne der demokratie und freiheit. dafür sorgen,das amerikanische trucks stets gut gefühlt sind. das verbrechern der wallstreet,der zionisten,city of london,brüssel,berlin. es völlig egal ist. das die soldaten in alle winkel der erde geschickt werden den hass züchten. der den mafiösen militärapparat am leben hält. ähööm,der deutschlands "freiheit" in aller herren länder verteidigt.
5. Für
CharliesPaps 13.12.2012
@martinvc Für solche "Menschen" wie euch sind diese Kameraden im Einsatz um euch ein vernünftiges Leben in Freiheit zu ermöglichen. Sollte es Ihnen in unserem Land nicht gefallen sollten Sie an auswandern denken. .....Allen die für unser Land im Einsatz sind viel Erfolg und gesunde Heimkehr!
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