Gefallen in Afghanistan Der Krieg, der nicht Krieg heißen darf

Verteidigungsminister Jung spricht von einem Stabilisierungseinsatz, andere Politiker längst von Krieg: Die Bundeswehrmission in Afghanistan ist lebensgefährlich, 30 Soldaten starben bereits. SPIEGEL ONLINE hat die Fälle dokumentiert.

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Hamburg - Nur nicht dieses Wort, fünf Buchstaben bloß, dieses Wort, das Angst macht: Krieg.

Wenn Franz Josef Jung die Aufgabe der Bundeswehr in Afghanistan beschreibt, dann hat der Verteidigungsminister dafür viele Worte. Sie klingen nüchtern, nach Amtsstube, distanziert, technokratisch eben - und nicht gefährlich. "Stabilisierungseinsatz", sagt der CDU-Politiker zum Beispiel. Oder Friedenseinsatz. Von Krieg spricht er nicht, allenfalls in der Verneinung: "Es ist eben kein Krieg", sagte der Minister einen Tag nach dem tödlichen Anschlag auf zwei deutsche Soldaten nahe Kunduz vergangenen Montag. Weil der Konflikt am Hindukusch nicht allein mit militärischen Mitteln zu gewinnen sei.

Verluste der Bundeswehr in Afghanistan

Die beiden 22 und 25 Jahre alten Fallschirmjäger aus dem pfälzischen Zweibrücken hatten eine Suchaktion nach Waffenlagern abgesichert, als sich ein Selbstmordattentäter auf einem Fahrrad neben ihnen in die Luft sprengte.

Und dennoch hat der Tod von Patrick Behlke und Roman Schmidt Jungs Tonfall verändert: Während der Trauerfeier vergangenen Freitag in der Zweibrücker Alexanderkirche sprach Jung erstmals von in Afghanistan gefallenen Soldaten. Er verneige sich "in Dankbarkeit und Anerkennung vor den Toten, die für unser Land im Einsatz für den Frieden gefallen sind", sagte Jung.

Verunglückt oder gefallen?

Der Minister übernahm damit die Wortwahl, zu der ihn die Truppe immer wieder gedrängt hat. "Verunglückt", lautete sonst etwa die Sprachregelung, wenn ein deutscher Soldat am Hindukusch ums Leben kam. Eine Sprachregelung, die viele Kameraden traurig oder wütend machte. Weil sie sich allein gelassen fühlten von den Politikern in Berlin, die ihren Einsatz beschlossen haben - ist es etwa ein Unglück, wenn jemand mit Sprengsatz in der Tasche einen deutschen Konvoi in Afghanistan angreift? Oder ist das nicht Krieg?

Manche Amtsvorgänger von Jung haben längst die Zurückhaltung abgelegt und sprechen in unmissverständlichen Worten über den Afghanistan-Einsatz: Es sei "irreführend, wenn die Regierung so tut, als handele es sich beim Afghanistan-Einsatz um eine Art bewaffneter Entwicklungshilfe", sagte etwa Jungs Parteifreund Volker Rühe. Vielmehr handele es sich um einen "Krieg der Nato, des Westens, der Zivilisation gegen die Welt-Krake Terrorismus". Oder Rudolf Scharping: "Für die Angreifer handelt es sich in jedem Fall um Krieg. Die Taliban sagen es ja auch, wenn sie vom 'Dschihad', dem heiligen Krieg, sprechen."

Trauerfeier für einen in Afghanistan gefallenen Soldaten: "Es ist eben kein Krieg"
REUTERS

Trauerfeier für einen in Afghanistan gefallenen Soldaten: "Es ist eben kein Krieg"

Aber Rühe und Scharping müssen auch nicht mehr Verantwortung nehmen für den Einsatz. Ein Kriegsfall könnte für den Bund finanzielle Konsequenzen haben, weil viele Lebensversicherungen eine sogenannte Kriegsausschluss-Klausel enthalten und den Hinterbliebenen von getöteten Bundeswehrsoldaten nichts zahlen.

Es ist inzwischen das siebte Jahr der Bundeswehr in Afghanistan, erst Mitte Oktober verlängerte der Bundestag das Mandat um weitere 14 Monate und erhöhte die Obergrenze für das Bundeswehr-Kontingent. Derzeit sind 3300 deutsche Soldaten in Afghanistan stationiert, künftig können es bis zu 4500 sein.

Die Kritik an dem Einsatz wächst. Dass die Linkspartei "Raus aus Afghanistan" ruft, ist nichts Neues, aber auch die Grünen äußern immer mehr Skepsis: Kanzlerin Angela Merkel müsse erläutern, "warum unsere Soldaten überhaupt am Hindukusch sind und wie lange sie noch bleiben müssen", forderte der designierte Grünen-Chef Cem Özdemir.

Keine Prognose für ein absehbares Ende des Mandats

Ein absehbares Ende des Mandats? Die Bundesregierung hat dafür keine Prognose. Aber sie dürfte eine Ahnung davon haben, dass es zunehmend schwierig wird, den Einsatz vor der Bevölkerung zu erklären, jeder weitere tote Soldat macht aus der Mission gegen den Terror der Taliban eine Belastung. 30 deutsche Soldaten starben bislang bei dem Einsatz. Und die derzeitige Lage macht nicht gerade Mut: 2008 ist das Jahr mit den meisten Anschlägen auf die Bundeswehr in dem Land. Seit 2002 starben noch nie so viele ausländische Soldaten und Afghanen bei Gefechten.

Jung beruft sich auf eine Umfrage des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr, wonach die Zustimmung zuletzt gestiegen sei - von 53 auf 64 Prozent. Aber es gibt auch andere Erhebungen. Als Infratest dimap zuletzt die Frage stellte, ob die Bundeswehr weiter in Afghanistan stationiert bleiben oder möglichst schnell zurückgezogen werden sollte, sprachen sich 55 Prozent der Befragten für einen baldigen Rückzug aus.

"Wir müssen die Köpfe und Herzen der Menschen gewinnen", sagt Verteidigungsminister Jung über die Aufgabe der Bundeswehr in Kabul oder Kunduz - aber die Orte stehen eben auch für den Tod von Soldaten, auch von deutschen.



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