Gefangene Briten Iran meldet Geständnis aller 15 Matrosen

Alle 15 in Iran festgehaltenen britischen Marinesoldaten haben nach Angaben des iranischen Staatsradios zugegeben, illegal in die Hoheitsgewässer des Landes eingedrungen zu sein. Zwei der Gefangenen wurden im Fernsehen vorgeführt, die Reaktion aus London fiel scharf aus.


London/Teheran – "Alle 15 festgenommenen Soldaten haben akzeptiert, dass sie illegal in iranische Hoheitsgewässer eingedrungen sind", meldete das iranische Staatsradio heute Morgen.

Neue Bilder: Gefangener Brite im iranischen TV
AFP

Neue Bilder: Gefangener Brite im iranischen TV

Der staatliche Sender al-Alam zeigte gestern Abend Aufnahmen zweier britischer Soldaten in Khaki-Uniformen, die an einer Landkarte die Positionen ihres Schiffs erklärten. Die Stimmen der beiden Männer waren nicht zu hören. In dem TV-Kommentar hieß es, beide hätten datailliert geschildert, wie sie in iranisches Gewässer eingedrungen seien. Zudem hätten die beiden angegeben, sie würden gut behandelt. Eine Sprecherin des britischen Außenministeriums bezeichnete es in einer ersten Reaktion als "nicht akzeptabel, dass diese Bilder gezeigt werden".

Ungeachtet der neuen Videoaufnahmen bemüht sich London weiter mit diplomatischen Mitteln um die Freilassung seiner Soldaten. Dazu seien interne Gespräche im Gange, berichtete der Sender BBC heute unter Berufung auf Regierungskreise.

Bereits am Wochenende zeichnete sich ab, dass London nun den direkten Kontakt zu Teheran sucht. Großbritanniens Außenministerin Margaret Beckett und Verkehrsminister Douglas Alexander bekräftigten ihre Bereitschaft zum Dialog. Sie sprachen allerdings nicht die von Teheran geforderte Entschuldigung aus. Verteidigungsminister Des Browne bestätigte, dass es zur Lösung des Konflikts "direkte bilaterale Kommunikation" mit den Iranern gebe. Einzelheiten nannte er nicht.

Die Zeitung "Sunday Telegraph" zitierte einen Mitarbeiter aus dem Verteidigungsministerium mit den Worten: "Wir sind bereit, uns mit Iran über die Garantie zu einigen, dass wir niemals ohne ihr Einverständnis in ihre Gewässer eindringen, weder jetzt noch in Zukunft." Das Angebot sei aber kein Schuldeingeständnis oder eine Entschuldigung. "Ich glaube, die ganze Welt bedauert die Situation, die entstanden ist, und deswegen wollen wir einen Ausweg finden", sagte Außenministerin Beckett. Eine Lösung solle auf friedliche Weise und so bald wie möglich gefunden werden.

Berichte, wonach ein ranghoher Marineoffizier zu Vermittlungen nach Iran geschickt werden soll, wurden vorerst nicht bestätigt. Die "häufig glanzlose, aber wichtige" Diplomatie sei der verantwortungsvolle Weg, die Briten nach Hause zu holen, betonte Verkehrsminister Alexander in einem Gespräch mit dem Sender BBC. Ein Krisenstab beriet in London über den Stand der Entwicklungen, wie aus Regierungskreisen verlautete.

Aus Reihen der britischen Opposition wurde hingegen auch der Ruf nach stärkerem Druck laut. Ex-Außenminister Malcolm Rifkind sagte in der BBC, Worte alleine würden den Soldaten keine Freiheit bringen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) rief Iran zur sofortigen Freilassung der Briten auf. Bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Hebräischen Universität Jerusalem kritisierte Merkel, dass Teheran die Weltgemeinschaft bereits mit seinem Atomprogramm provoziere. "Schließlich zeigt die Gefangennahme der 15 britischen Soldaten einmal mehr, mit wem wir es zu tun haben", fügte sie hinzu. "Ich wiederhole deshalb an dieser Stelle, dass Großbritannien die volle Solidarität der EU in dieser Angelegenheit genießt."

Eine solche Solidaritätserklärung gab es am Samstag bereits beim EU-Außenministerrat in Bremen. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) mahnte dabei zur Eile. "Es muss eine Lösung gesucht werden, bevor es zu Gerichtsverfahren kommt und die Seeleute zu Haftstrafen verurteilt werden."

Die russische Regierung schlug eine unabhängige Untersuchung vor. Beide Seiten sollten den Vereinten Nationen ihre Sicht der Ereignisse unterbreiten, damit unabhängige Ermittlungen aufgenommen werden könnten.

Britische Karte: Irakische, nicht iranische Gewässer
MOD

Britische Karte: Irakische, nicht iranische Gewässer

Iran verlangt weiterhin, Großbritannien müsse eingestehen, dass seine Soldaten unbefugt in iranische Gewässer eingedrungen seien. Präsident Mahmud Ahmadinedschad warf den Briten und ihren Verbündeten Arroganz und Egoismus vor. Die 15 Soldaten hätten iranische Hoheitsrechte verletzt. "Arrogante Mächte" behaupteten jedoch das Gegenteil, sagte er. Großbritannien besteht darauf, dass die Soldaten in irakischen Gewässern festgenommen worden seien.

US-Präsident George W. Bush bezeichnete die 15 Seeleute in seiner ersten öffentlichen Äußerung zu dem Fall als Geiseln. "Sie sind unschuldig, sie haben nichts falsch gemacht", sagte er. Ihre Festnahme nannte Bush "unentschuldbar". Der frühere US-Botschafter bei der Uno, John Bolton, forderte eine harte Haltung Londons sowie einen baldigen Regimewechsel in Iran. Jede Schwäche des Westens in der Frage der Briten würde von Teheran als Ermutigung für die Fortsetzung der regionalen Machtansprüche und die Entwicklung von Atomwaffen gewertet, sagte der einflussreiche Neokonservative heute dem US-Sender CNN. Die Festnahme der Briten sei eine "absichtliche Provokation" gewesen, um die Entschlossenheit des Westens zu testen.

Eine Umfrage für den Londoner "Sunday Telegraph" ergab, dass die britische Bevölkerung eine Militäraktion zur Befreiung der Soldaten mehrheitlich ablehnt. Demnach sprachen sich nur sieben Prozent für baldige Vorbereitungen zu einem militärischen Einsatz aus. Auf die Frage, ob Gewalt als letztes Mittel angewandt werden sollte, antworteten 48 Prozent mit Nein und 44 Prozent mit Ja.

Etwa 200 Studenten bewarfen gestern in Teheran das Gebäude der britischen Botschaft mit Steinen und Brandsätzen. In Sprechchören riefen sie "Tod für Großbritannien" und "Tod für Amerika". "Die britischen Spione sollen vor Gericht gestellt werden", verlangten sie. Außerdem forderten sie die Ausweisung des britischen Botschafters und die Schließung der diplomatischen Vertretung. Diese nannten sie einen Schlupfwinkel für Spione. Polizisten hinderten die Demonstranten daran, auf das Gelände der Botschaft zu gelangen.

asc/kai/kaz/AP/AFP/dpa/Reuters

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