Gefangenen-Krise Beißender Spott in iranischen Blogs

Weltweit beherrscht die Geisel-Krise zwischen Iran und Großbritannien die Schlagzeilen. Die Iraner selbst sind besorgt, aber gelassen - und feiern Neujahr. Internet-Blogger machen sich über die Fernsehbilder der britischen Soldaten lustig.

Von Mohammad Reza Kazemi


Hamburg - Die beiden britischen Soldaten hocken in Tarnanzügen auf Bürostühlen, dazwischen sitzt ihre Kameradin, den Körper in einen schwarzen Schleier gehüllt: In der westlichen Welt hat das vom iranischen Fernsehen ausgestrahlte Video von drei der fünfzehn in Iran festgesetzten britischen Soldaten nahezu einhellige Empörung hervorgerufen.

Ein mittlerweile dritter Brief, der angeblich von der gefangenen Soldatin Faye Turney stammt - der einzigen Frau unter den Gefangenen - und die Regierung in London attackiert, hat die Krise weiter angeheizt. Auf internationaler Ebene scheint der Konflikt zu eskalieren: Hier die von der westlichen Staatengemeinschaft und dem Uno-Sicherheitsrat unterstützte britische Regierung, dort der von einem verknöcherten Mullah-Regime gesteuerte Golfstaat.

Iranischer Weblog Mycity: Die Aufnahmen der britischen Soldaten im iranischen Fernsehen sorgen für Spott

Iranischer Weblog Mycity: Die Aufnahmen der britischen Soldaten im iranischen Fernsehen sorgen für Spott

Doch was denken eigentlich die ganz normalen Menschen in Iran? Zwischen Teheran, Isfahan und Schiras herrscht derzeit vor allem eines: Ruhe. Die iranische Bevölkerung nimmt zwar besorgt, aber eher beiläufig an der Krise teil. Die Menschen haben derzeit einfach Besseres zu tun: Noch bis einschließlich Montag feiern sie das dreizehntägige Neujahrsfest Nowruz. Da sind Familienbesuche und Müßiggang angesagt, nicht politische Debatten. Viele Zeitungen und Magazine erscheinen an den Feiertagen gar nicht erst, das Fernsehen sendet vor allem Unterhaltungsprogramm.

Im Internet ist hingegen mehr los. Auf Nachrichten-Websites und in persischsprachigen Weblogs ist die Gefangenen-Krise eines der beherrschenden Themen - und mit Kritik an der iranischen Regierung wird nicht gespart. "Das Ganze ähnelt einer Geiselnahme", schreibt der Autor des bekannten Blogs "Mard-e Pir". Der Exiliraner hält die Festnahme der britischen Soldaten durch iranische Revolutionsgardisten für eine "irrationale Reaktion" der Islamischen Republik auf die vom Uno-Sicherheitsrat beschlossenen Sanktionen.

"Glaubt mir, der Krieg ist so nah", kommentiert ein anderer Blogger die seit vergangenem Freitag schwelende Krise. Als Beleg für seine Vorhersage berichtet er von einer Entdeckung, die er selbst gemacht haben will: Während einer Reise habe er in der Wüste im Nordosten Irans gesehen, wie dort mehrere Flugzeugabwehrsysteme installiert worden seien. Mit "Gott möge uns schützen!" endet sein heutiges Posting.

Wenn die Grenzen gefährdet sind, schließen sich die Reihen

Die Hardliner im Land bleiben auf Konfrontationskurs. So forderten einige Mitglieder der paramilitärischen Truppe "Basidsch" gestern in einer Protestaktion einen Prozess gegen die "Aggressoren" - und die Hinrichtung der britischen Soldaten.

Tendenziell ähnliche Stimmen sind auch aus der Politik zu hören. Laut "Farsnews", einer amtlichen iranischen Nachrichtenagentur, geißelte der iranische Parlamentsabgeordnete Hadschi Babai die Beziehungen zu Großbritannien als "schädlich" für die Interessen seines Landes und verlangte einen Prozess gegen die Briten nach iranischen Gesetzen. Auch die eher als moderat eingeschätzten Politiker in Iran haben bisher keine Kritik an dem Krisen-Management der Regierung geübt. Neben dem Neujahrfest mag die Sensibilität iranischer Politiker aller Richtungen beim Thema "territoriale Souveränität" ein Grund für dieses Schweigen sein: Wenn die Grenzen Irans gefährdet erscheinen - und sei es nur durch ein kleines Schlauchboot - schließen sie die Reihen hinter der Regierung.

Sogar Mohammad Hossein Adeli, Botschafter Irans in London zur Zeit des reformorientierten Präsidenten Chatami, nennt das "Eindringen" britischer Marinesoldaten in iranische Hoheitsgewässer "provokativ" und deren Verhaftung als "Recht" Irans. Gleichwohl warnte Adeli in einem Interview mit der Online-Zeitung "Aftabnews" davor, die Briten für längere Zeit festzusetzen. Grund: Dies werde die internationale Gemeinschaft mehr denn je gegen Iran aufbringen.

Versteckte Anspielungen auf die Innenpolitik

Andere Stimmen sind gelassener - oder sogar zynisch. Das angebliche Fernseh-Geständnis der britischen Soldaten, sie seien in iranische Hoheitsgewässer eingedrungen, sorgt in iranischen Blogs für beißenden Spott. In einem verhöhnenden Ton bedankte sich etwa der Autor des Blogs "Mycity", Hamid, beim iranischen Fernsehen: Der Sender habe mit den Aufnahmen gezeigt, dass es den Briten gut gehe. Mit Hinweis auf das schwarze Kopftuch, das die britische Soldatin Faye Turney trug, schrieb er: "Anscheinend will Turney zum Islam konvertieren. Herzlichen Glückwunsch!"

Das Kopftuch der Soldatin war auch ein Motiv für ein satirisches Interview mit Turney in einem persischsprachigen Weblog mit dem Titel "Mollah Hasani". In diesem fiktiven Gespräch bezeichnet die Soldatin das "Nicht-Tragen des Kopftuchs" und die "Teilnahme an einer See-Party mit fremden Männern" als den Hauptgrund für ihre Festnahme.

Iranische Internet-Nutzer verstehen diese Anspielung sofort: Sie ist eine versteckte Kritik an den Verhaftungen junger Mädchen durch Revolutionsgardisten im ganzen Lande. Immer wieder werden Mädchen festgenommen, die sich angeblich unzüchtig kleiden oder benehmen. Durch Äußerungen wie diese, die sich nur im Internet, nicht aber in der kontrollierten iranischen Presse finden, bekommt das Drama um die britischen Gefangenen auch eine innenpolitische Dimension.

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