Gefangenenaustausch Israel befürchtet neuen Konflikt mit der Hisbollah

Israel droht nach dem Gefangenenaustausch eine neue Eskalation im Nahost-Konflikt. Hisbollah-Führer Nasrallah hat bei der Willkommensfeier im Libanon angekündigt, die noch von Israel besetzten Landesteile zu befreien.


Tel Aviv/Beirut - Mit dem Austausch von Gefangenen und sterblichen Überresten von rund 200 Menschen haben Israel und die Hisbollah-Miliz das letzte Kapitel des Libanon-Krieges geschlossen - und möglicherweise ein neues aufgemacht. Nach dem Deal mit der Hisbollah ist Israel besorgt, dass die kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Libanon erneut beginnen. Einem Bericht der israelischen Zeitung "Haaretz" zufolge rechnen israelische Sicherheitskräfte damit, dass die Hisbollah eine neue Eskalation entlang der libanesischen Grenze provoziert.

Anlass für die Sorge waren Äußerungen der Redner bei der Willkommensfeier für die fünf freigelassenen Libanesen. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah sagte nach Angaben von "Haaretz", die Hisbollah werde nun versuchen, das immer noch von den Israelis besetzte libanesische Land zu befreien. "Unser nächstes Ziel ist, unsere restlichen Länder zu befreien und unser Wasser, unsere Souveränität und Ehre zu schützen."

Nasrallah, der sich normalerweise aus Sicherheitsgründen versteckt hält, war für diesen Anlass erstmals seit Dezember 2006 wieder in der Öffentlichkeit aufgetreten. In Siegerlaune sagte er in Beirut: "Dieses Volk, diese Nation und dieses Land können nicht geschlagen werden". In seiner im Fernsehen übertragenen Rede sagte er später, der Widerstand der Hisbollah stelle "die wahre Identität" der Region dar. Staatspräsident Michel Suleiman erklärte die Rückkehr der Gefangenen zu einem "neuen Sieg".

Die ausgetauschten Gefangenen wurden gefeiert wie Helden. Der berühmteste Freigelassene, Samir Kuntar, war rund 30 Jahre in Israel in Haft. Bei der Feier hatte der Top-Terrorist bereits Jeans und graues Sweatshirt gegen eine Militäruniform getauscht.

Der israelische Regierungssprecher Mark Regev übte scharfe Kritik an den Feierlichkeiten im Libanon. "Samir Kuntar ist ein brutaler Kindermörder und wer ihn als Helden feiert, tritt die grundlegenden Werte des menschlichen Anstands mit Füßen", sagte Regev. Kuntar kündigte am Abend an, in die Palästinensergebiete zurückkehren zu wollen.

Zwei Jahre nach der Entführung hatte die Hisbollah am Mittwoch am Grenzübergang Rosch Hanikra die beiden toten israelischen Soldaten Eldad Regev und Ehud Goldwasser übergeben. Deren Entführung am 12. Juli 2006 hatte den Libanon-Krieg ausgelöst. Im Gegenzug ließ Israel den Top-Terroristen Kuntar sowie vier Hisbollah-Kämpfer frei. Außerdem sollten die Leichen von 199 Libanesen und Palästinensern übergeben werden.

fat/dpa/Reuters

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