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Gefangenentransport: Der fliegende Teppich der CIA

Von Joachim Hoelzgen

Die Maschine wird immer dann gesichtet, wenn gefangene Terrorverdächtige in der Welt herumgeflogen werden sollen - oft in Länder, wo sie ohne Rücksicht auf Gesetze vernommen werden können. Jetzt hat eine US-Zeitung das Geheimnis des CIA-Jets gelüftet.

Gulfstream V: Der Jet wird rund um den Globus beobachtet
AP

Gulfstream V: Der Jet wird rund um den Globus beobachtet

Hamburg - Der Anwalt Dean Plakias in Dedham (US-Staat Massachusetts) hat es nicht leicht. Stets muss er im Handelsregister neue Firmen registrieren lassen, ohne in jedem Fall zu wissen, wem sie eigentlich gehören. "Millionen von Unternehmen werden in Massachusetts aufgemacht, die nur auf dem Papier stehen," übertreibt er, um dann rätselvoll hinzuzufügen: "Angelegenheiten von Klienten darf ich nicht erörtern - aus Gründen, die ich selbst nicht kenne."

Bei einer Gesellschaft namens Premier Executive Transport Services, die einen zweistrahligen Jet vom Typ Gulfstream V ihr Eigen nennt, stellt sich jetzt aber ein ebenso geheimniskrämerischer Besitzer heraus: die Central Intelligence Agency (CIA), der Geheimdienst der USA.

Die Gulfstream V der Schlapphüte wird auf bekannten und eher abgelegenen Flughäfen der Welt beobachtet. "Plane spotters" - Flugzeug-Fans, die auf den Airports die Kenn-Nummern von Maschinen notieren - haben den Jet N379 P in Frankfurt, Glasgow und Larnaca auf Zypern gesichtet - am häufigsten aber in Islamabad und Karatschi in Pakistan sowie auf den Flughäfen arabischer Staaten.

Wie eine Art fliegender Teppich kreuzte die N379 P in Riad und Dubai auf, in Kuweit, dem marokkanischen Rabat und auf dem Militärflugplatz Ammans. Aber auch in Taschkent und Baku ist die Gulfstream V schon aufgefallen - und immer wieder landet und startet sie auf dem Dulles International Airport in Washington, offenbar ihre Heimatbasis.

Transportmaschine für Terrorverdächtige

Die Aufgabe der CIA-Maschine ist es, weltweit Terrorverdächtige zu transportieren, vor allem Angehörige des Terrornetzwerks al-Qaida und Krieger des untergegangenen Regimes der Taliban. Die werden als "enemy combatants" ("feindliche Kämpfer") ins Freiluft-Lager von Guantanamo gebracht oder zu Verhören in Länder wie Ägypten, Marokko, Jordanien, Saudi-Arabien und selbst Syrien, dem die USA vorhalten, konsequent gegen die Menschenrechte zu verstoßen.

Die Gefangenenflüge vor allem in solche Länder, in denen die Menschenrechte nur den Rang einer Fußnote besitzen, sind äußerst umstritten. Die World Organization for Human Rights etwa bekämpft den Transport, weil die harschen Verhörmethoden mancher arabischer Drittstaaten in den USA selbst verboten sind. Die Flüge in solche Länder würden gegen die Anti-Folterkonvention der Uno verstoßen, meint der US-Menschenrechtler Morton Sklar.

Zum ersten Mal waren die Gulfstream V und spezielle Methoden des Gefangenentransports dem pakistanischen Journalisten Masood Anwar bekannt geworden. Anwar berichtete im Oktober 2001 von einem Studenten aus dem Jemen, der in Karatschi an Bord der N379 P gebracht wurde - von Männern, darunter amerikanische Soldaten, die durchweg vermummt waren. Der Start mit dem Verdächtigen, der angeblich mit dem Anschlag auf den Zerstörer "Cole" im Hafen von Aden zu tun hatte, geschah in finsterster Nacht: um 2.30 Uhr.

Von einem ähnlichen Fall berichtete im Mai dieses Jahres das schwedische TV-Magazin "Kalla Fakta" (deutsch: "Kalte Fakten"). Wieder waren, diesmal auf dem Stockholmer Flughafen Bromma, Vermummte am Werk. Sie brachten zwei Ägypter in den CIA-Jet, die in Schweden um politisches Asyl gebeten hatten, nun aber in rote Overalls gehüllt waren und zudem Handschellen und Fußfesseln aus Eisen trugen. In Schweden wird nun untersucht, weshalb die Männer nach Ägypten ausgeflogen worden sind.

Flug ins Ungewisse

Das Schicksal der Passagiere ist oft ungewiss. "Wenn man ein richtig ernstes Verhör will, schickt man den Gefangenen nach Jordanien," sagt der Ex-CIA-Beamte Bob Baer. "Wenn jemand gefoltert werden soll, nach Syrien. Und wenn man ihn verschwinden lassen will, dann nach Ägypten." So gilt etwa der Aufenthaltsort eines gewissen Mohammed Madni als unbekannt. Von ihm wurde angenommen, den "Schuhbomber" Richard C. Reid unterstützt zu haben. Auch Madni wurde, und zwar von Indonesien aus, mit der CIA-Maschine nach Ägypten geflogen.

Einen seltenen und manchmal durchaus skurrilen Einblick in die geheime Welt des US-Geheimdienstes und dessen Geheimflügen nahm nun aber die "Washington Post". Die Zeitung hat zunächst den Schleier um die Betreiber des Jets gelüftet, die Premier Executive Transport Services. Die Firma mit nur einem Flugzeug zählte sage und schreibe 325 Manager, die allesamt Postfächer in fünf Postämtern rund um die US-Hauptstadt besaßen.

Ansonsten waren die Jet-Eigner offenbar wohnungslos. Bei 44 Namen gab es weder Adressen, Telefonnummern noch irgendwelche Geschäftsangaben. Die Mehrzahl besaß immerhin eine Sozialversicherungsnummer - die aber alle erst zwischen 1988 und 2003 zugeteilt wurden. Das war schon kurios, denn die Geburtsdaten der vorgeblichen Manager stammten aus den vierziger, fünfziger und sechziger Jahren. Im Jargon der CIA heißt all das "sterile Identität", mit der eine Verbindung zum Geheimdienst verborgen werden soll.

Die Saga der Gulfstream V freilich wird weitergehen: Seit Anfang Dezember hat die Maschine mit interkontinentaler Reichweite (10.900 Kilometer) einen neuen Besitzer: die Firma Bayard Foreign Marketing in Portland (US-Staat Oregon). Sie hat nun nur noch einen Manager, und auch der ist - wie seine Vorgänger - nirgendwo gemeldet und hat nicht einmal ein Telefon.

Und schließlich müssen sich auch die "plane spotters" neu orientieren. Denn die Gulfstream V hat eine neue, bisher noch nicht bekannte Kenn-Nummer.

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