Gefasster Ex-General Mladic soll schnell vor Kriegsverbrechertribunal

15 Jahre lang hatte er sich versteckt, jetzt soll der serbische Ex-General Ratko Mladic schnell vor Gericht: Auf ihn wartet das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag - das Auslieferungsverfahren ist eingeleitet. Die Festnahme wurde weltweit begrüßt.

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Belgrad - Ein unscheinbares Dorf in der serbischen Provinz - selbst vielen Bewohnern von Lazarevo wäre bislang wohl nicht viel mehr zur Beschreibung ihrer Heimat eingefallen. Jetzt geht der Ort, rund hundert Kilometer von Belgrad entfernt, in die Geschichtsbücher Serbiens ein - weil dort in einem Bauernhof ein 15 Jahre währendes Versteckspiel endete: In Lazarevo wurde am Donnerstag der serbische Ex-General Ratko Mladic festgenommen. Er hatte bei einem Verwandten Unterschlupf gefunden und sich als Milorad Komadic ausgegeben. Eine DNA-Analyse bestätigte die Identität Mladics.

Die Verhaftung des wegen Völkermords gesuchten Mannes löste weltweit große Genugtuung aus: "Heute ist ein bedeutender Tag für internationale Gerechtigkeit", sagte Uno-Chefankläger Serge Brammertz am Donnerstag in Den Haag.

Der Staatsanwalt, der die Regierung in Belgrad jahrelang zu größeren Anstrengungen bei der Suche nach Mladic gedrängt hatte, würdigte nun die Arbeit der serbischen Behörden und Sicherheitskräfte. "Wir danken Ihnen dafür, dass Sie Ihrer Pflicht gegenüber dem Tribunal (für Ex-Jugoslawien in Den Haag) und gegenüber der Gerechtigkeit nachgekommen sind." Brammertz würdigte zugleich die "Anstrengungen der internationalen Gemeinschaft zur Unterstützung der Festnahme von Ratko Mladic".

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Mladic: Der "Schlächter von Bosnien"
Der Chefankläger hatte erst kürzlich bei der EU in Brüssel geklagt, Serbien tue nicht genug, um den mutmaßlichen Kriegsverbrecher festzunehmen. Im Entwurf eines Berichts, der der Chefankläger am 6. Juni dem Uno-Sicherheitsrat erstatten wollte, hieß es noch, Serbiens Strategie zur Verhaftung von Mladic sei "vollständig erfolglos".

"Historischer Tag für die internationale Justiz"

15 Jahre lang hatte Mladic sich im Untergrund versteckt. Nach seiner Festnahme soll offenbar nicht mehr viel Zeit verstreichen, bis dem Ex-General der Prozess gemacht wird. Das Verfahren zur Überstellung an das Uno-Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien in Den Haag könnte allerdings bis zu einer Woche dauern. Die Dauer des Verfahrens hänge davon ab, ob Mladic gegen eine Überstellung Rechtsmittel einlege, sagte Serbiens stellvertretender Staatsanwalt zur Ahndung von Kriegsverbrechen, Bruno Vekaric, am Donnerstag. Der Staatssekretär im Justizministerium, Slobodan Homen, sagte, Mladic werde derzeit einem Untersuchungsrichter vorgeführt, der ihm die gegen ihn erhobenen Vorwürfe verlesen werde.

Sollte der Richter die Überstellung nach Den Haag anordnen und sollte Mladic dagegen keine Rechtsmittel einlegen, könnte der 69-Jährige binnen Stunden in ein Flugzeug Richtung Niederlande gesetzt werden. Dies gilt aber als unwahrscheinlich. Den endgültigen Überstellungsbeschluss müsste zuvor noch der serbische Justizminister unterschreiben.

Das Untersuchungsgefängnis der Vereinten Nationen im Haager Strandvorort Scheveningen wird also wohl schon bald einen neuen Insassen haben. Männer wie Charles Taylor sitzen hier ein, der Ex-Präsident Liberias und "Herr der Blutdiamanten". Auch Radovan Karadzic. Der einstige Führer der bosnischen Serben muss sich für den Völkermord von Srebrenica verantworten. Genau wie Mladic, den Karadzic bis heute als serbischen Helden bewundert und den andere als "Schlächter vom Balkan" verabscheuen.

Gratulationen zur Festnahme Mladics kamen von allen Seiten: Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon sprach von einem "historischen Tag für die internationale Justiz". Sie sei ein wichtiger Schritt im Kampf gegen die Straflosigkeit, sagte in Paris. Er bedankte sich bei der serbischen Regierung und bei Präsident Boris Tadic.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel begrüßte die Festnahme von Mladic: "Die Verhaftung von Ratko Mladic ist eine gute Nachricht, nicht nur für Bosnien und Herzegowina, sondern auch für Serbien, den Westbalkan und damit für ganz Europa", erklärte die CDU-Politikerin. Mladic habe "große Schuld für besonders dunkle und tragische Ereignisse in den Balkankriegen auf sich geladen".

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) bezeichnete die Festnahme des mutmaßlichen Kriegsverbrechers als "sehr gute Nachricht für die Gerechtigkeit in Europa". Westerwelle erinnerte an die Opfer des Massakers von Srebrenica und deren Angehörige. "Einer ihrer mutmaßlich schlimmsten Peiniger kann jetzt zur Verantwortung gezogen werden."

US-Präsident Barack Obama bezeichnete die Festnahme Mladics als wichtigen Schritt für die Familien seiner Opfer. Mladic müsse Rede und Antwort stehen und sich vor einem Gericht verantworten, erklärte Obama vom G-8-Gipfel in Deauville in Frankreich.

Ähnlich äußerte sich EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso: Die Verhaftung des früheren bosnischen Serbengenerals sei ein "wichtiger Schritt nach vorne für Serbien und die internationale Justiz", sagte Barroso am Rande des G-8-Gipfels in Deauville dem britischen Sender BBC. "Die Verhaftung Mladics ist ein gutes Signal in Richtung der EU und Serbiens Nachbarn", sagte Barroso. Er habe bei einem Besuch in Serbien in der vergangenen Woche die europäische Perspektive des Landes bekräftigt. Mladics Festnahme ist Bedingung für den EU-Beitritt Serbiens.

Großbritanniens Außenminister William Hague nannte die Festnahme von Mladic einen "historischen Moment". Mladic stehe im Verdacht, schreckliche Verbrechen in Bosnien und Herzegowina begangen zu haben. Es sei richtig, ihn vor ein internationales Gericht zu stellen. "Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen derer, die bei der Belagerung von Sarajevo und beim Völkermord in Srebrenica getötet wurden", heißt es in einer Mitteilung Hagues, die am Donnerstag in London verbreitet wurde. "Wir gratulieren den serbischen Behörden zu der Festnahme."

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy sprach nach der Mladic-Festnahme von einer "weitere Etappe Serbiens zur Integration in die EU". Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen erklärte, fast 16 Jahre nach der Anklage bestehe nun die Chance, dass der Gerechtigkeit Genüge getan werde.

Viele serbische Nationalisten verehren den Ex-General als Helden. Nach der Ergreifung von Mladic' Weggefährten, dem Serbenführer Karadzic, war es 2008 in Serbien landesweit zu Krawallen gekommen. Zahlreiche Anhänger von Karadzic wurden festgenommen.

Serbiens Präsident Tadic erklärte, er werde eine Wiederholung derartiger Vorkommnisse nicht erlauben. "Wer auch immer versucht, das Land zu destabilisieren, wird verfolgt und bestraft werden."

"Die Gerechtigkeit hat gesiegt"

Tadic hatte die Festnahme von Mladic in einer Pressekonferenz offiziell bestätigt. "Im Namen der Republik Serbien teile ich mit, dass Ratko Mladic verhaftet wurde", hatte Tadic am Donnerstagmittag gesagt. Die Verhaftung von Mladic ermögliche auch eine Versöhnung auf der ganzen Balkanhalbinsel, sagte der Präsident. Serbien schließe damit ein Kapitel seiner Geschichte und befreie sich von einer schweren Last.

Als Kommandeur der Armee der bosnischen Serben während des Bosnien-Kriegs von 1992 bis 1995 wird Mladic die Ermordung von 8000 muslimischen Männern und Jungen in Srebrenica zur Last gelegt. Er wurde auch angeklagt wegen der 43-monatigen Belagerung von Sarajevo.

Die Familien der Opfer empfinden Genugtuung. "Die Gerechtigkeit hat gesiegt", sagte Semir Guzin, Rechtsvertreter der Vereinigung "Mütter von Srebrenica", der BBC. Guzin vertritt die Hinterbliebenen des Massakers. Auch wenn der Prozess noch bevorstehe, sei mit der Festnahme schon viel erreicht. "Zumindest haben wir die Hoffnung, dass Mladic bekommt, was er verdient", sagte Guzin.

Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International zeigte sich erleichtert. Nun könnten die Menschen endlich darauf hoffen, dass er vor Gericht zur Verantwortung gezogen werde, hieß es in einer Stellungnahme.

hen/dpa/Reuters/dapd/AFP

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Seite 1
diamorphin 26.05.2011
1. Da bin ich mir nicht so sicher....
Ich würde mich nicht zu früh freuen in Den Haag... der Prozess gegen Milosevic hat gezeigt, das sich sowas wahnsinnig in die Länge ziehen kann und am Ende stirbt vorher noch der Angeklagte, bevor ein Urteil gesprochen werden kann. Das Tribunal in Den Haag, naja, denen traue ich ehrlich gesagt nicht viel zu. Einer wie Milosevic oder Mladic, die gehören eher vor ein Tribunal in Form von den Nürnberger Prozessen und es muss für diese Straftäter auch die Möglichkeit einer Verurteilung zum Tode gegeben sein (es muss kein Todesurteil geben, aber zumindest die Möglichkeit muss vorhanden sein) Ob es für Mladic am Ende wirklich persönlich so viel schlimmer ist, in einem angenehmen komfortablen Gefängnishotel in Europa zu sitzen als in einem Bauernhof irgendwo am Ende der Welt sei mal dahingestellt.
stevowitsch 26.05.2011
2. Na ja
Na ja, ich denke mal in Den Haag stellt sich dann ganz schnell raus, daß er unheilbar krank ist, und nur noch ein halbes Jahr zu leben hat. Die Nummer ist wahrscheinlich der letzte Dienst am Vaterland, im Hinblick auf die serbische Annaeherung an die EU.
Baikal 26.05.2011
3. Begreifen Sie denn nicht?
. Er ist Serbe, nicht etwa Mitglied der Kosovo-Mafia.
karsten112 26.05.2011
4. Schmierentheater...
Zitat von sysop15 Jahre lang hatte er sich versteckt, jetzt soll der Weg des gefassten serbischen Ex-Generals Radko Mladic*schnell zur Justiz*führen: Auf ihn wartet das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag - das Auslieferungsverfahren ist eingeleitet. Die Festnahme wurde weltweit begrüßt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,765123,00.html
Wer glaubt die westlichen Geheimdienste auch nur eine Minute nicht wußten wo Mladic steckt, dem ist nicht zu helfen. Er ist jetzt wahrscheinlich nicht mehr nützlich oder den Serben wegen irgendwas im Weg. Schmierentheater...
BonChauvi 26.05.2011
5. Gefasster Ex-General
Na wie schon? Bis er verurteilt ist, gilt er als unschuldig im Rechtssinne.
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