Gefasster Ex-General Mladics erster Gerichtstermin abgebrochen

Ratko Mladic ist verhaftet - nun beginnt die juristische Aufarbeitung seines Falles. Eine erste Anhörung vor Gericht musste wegen der körperlichen Schwäche Mladics abgebrochen werden. Wann der gebrechliche Ex-General an das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag überstellt wird, ist unklar.

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Belgrad - Der Mann, der einst Hunderttausende Menschen terrorisierte, ist nur noch ein Wrack. In blauer Jacke und Schirmmütze, umringt von Sicherheitspersonal, betrat Ratko Mladic am Donnerstagabend das Gericht für Kriegsverbrechen in Belgrad. Eine Kolonne aus mehreren Autos hatte Mladic zu der Anhörung in dem Gericht gebracht. Die Flucht des ehemaligen Generals war am Morgen nach 15 Jahren durch seine Festnahme beendet worden.

Nun, in dem unscheinbaren Gerichtsgebäude in Belgrad, begann die juristische Aufarbeitung seines Falles. Im serbischen Fernsehen war zu hören, wie Mladic im Gerichtsgebäude jemandem einen "Guten Tag" wünschte. Einer der Sicherheitsleute sagte ihm: "Los geht's, General."

Der erste Auftritt des 69-Jährigen vor Gericht war nur kurz. Die Vernehmung wurde am Donnerstag abgebrochen. Grund sei die "körperliche Schwäche" Mladics, sagte sein Anwalt Milos Saljic am Donnerstagabend in Belgrad. "Ihm ist bewusst, dass er verhaftet worden ist, er weiß, wo er ist", sagte Saljic. Mladic erkenne das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag nicht an.

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Gefasster Kriegsverbrecher: Serbien am Tag von Mladics Festnahme
Mladic habe sich nicht mitteilen können. Er sei nicht einmal in der Lage gewesen, seine biografischen Angaben zu bestätigen, so der Anwalt. Sein Mandant müsse medizinisch versorgt werden und "sollte niemals in so einem Zustand überstellt werden". Der ehemalige Militärchef der bosnischen Serben spreche nicht zusammenhängend, sagte Anwalt Milan Dilparic. Dagegen teilte die Staatsanwaltschaft mit, Mladic nehme viele Medikamente, reagiere aber "sehr rational auf alles, was vor sich geht".

Vor fast 16 Jahren war der damalige General von dem Tribunal in Abwesenheit wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und zahlreicher Kriegsverbrechen angeklagt worden. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, die serbischen Einheiten beim Massaker von Srebrenica befehligt zu haben, bei dem im Juli 1995 mehr als 8000 muslimische Männer und Jungen ermordet wurden. Aber auch für die jahrelange Belagerung von Sarajevo mit Tausenden Toten, für unmenschliche Straflager und die Vertreibung Hunderttausender während des Bürgerkrieges im einstigen Jugoslawien von 1992 bis 1995 soll Mladic zur Rechenschaft gezogen werden.

Der Untersuchungsrichter, der die gegen Mladic erhobenen Vorwürfe verliest, will die Befragung Mladics am Freitag fortsetzen. Am Donnerstagabend sollte der Festgenommene noch ärztlich untersucht werden. Mladic hatte nach früheren Angaben vor Jahren einen Schlaganfall erlitten, in dessen Folge eine Hand steif geblieben war.

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Mladic: Der "Schlächter von Bosnien"
Die juristischen Formalitäten zur Überstellung an das Kriegsverbrechertribunal könnten bis zu einer Woche dauern. Die Dauer des Verfahrens hänge davon ab, ob Mladic gegen eine Überstellung Rechtsmittel einlege, sagte Serbiens stellvertretender Staatsanwalt zur Ahndung von Kriegsverbrechen, Bruno Vekaric, am Donnerstag.

Sollte der Richter die Überstellung nach Den Haag anordnen und sollte Mladic dagegen keine Rechtsmittel einlegen, könnte der 69-Jährige binnen Stunden in ein Flugzeug Richtung Niederlande gesetzt werden. Dies gilt aber als unwahrscheinlich. Den endgültigen Überstellungsbeschluss müsste zuvor noch der serbische Justizminister unterschreiben.

Nach Angaben des für das ehemalige Jugoslawien zuständigen Uno-Gerichts soll Mladic erst nach Den Haag überstellt werden, wenn alle nach serbischem Recht notwendigen juristischen Verfahren abgeschlossen sind. "Jetzt ist ein Kapitel in unserer unglücklichen Geschichte abgeschlossen", sagte Serbiens Staatspräsident Boris Tadic. "Der Auslieferungsprozess ist im Gange", sagte er, ohne konkretere zeitliche Angaben zu machen.

"Mladic sah aus wie ein alter Mann"

Der untergetauchte Mladic war einer der meistgesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrecher. Aufgespürt wurde er Polizeiangaben zufolge im Dorf Lazarevo nahe der Stadt Zrenjanin, rund 100 Kilometer von Belgrad entfernt. Ein Polizeisprecher sagte, dass er sich in einem Bauernhaus eines Vetters versteckt gehalten habe. Bislang hatten die serbischen Behörden stets bekundet, Mladic nicht finden zu können.

Noch sind wenige Details über Mladics Festnahme bekannt. Er wurde am frühen Morgen gegen fünf Uhr verhaftet. Mehrere Streifenwagen seien vor einem Bauernhof in Lazarevo vorgefahren, sagten Anwohner laut einem Bericht der Zeitung "20min.ch". Mladic leistete demzufolge keinen Widerstand. Das Haus gehörte offenbar Verwandten Mladics. Der 69-Jährige soll den Angaben zufolge "bescheiden" gelebt haben.

Der serbische Minister Rasim Ljajic sagte im staatlichen Fernsehen, Mladic habe zwei Pistolen gehabt, diese aber nicht benutzt. Widerstand habe Mladic nicht geleistet. Der Ex-General habe normal mit den Sicherheitskräften gesprochen. "Wir haben die Polizei gesehen", zitiert "20min.ch" einen Nachbarn. "Aber wegen wem die Polizei vor Ort war, kriegten wir nicht mit."

"Mladic sah aus wie ein alter Mann", so Ljajic. "Man hätte an ihm vorgehen können, ohne ihn zu erkennen." Dorfbewohner sagten nach Angaben der Nachrichtenagentur Beta, sie hätten Mladic nicht gemeldet, selbst wenn sie ihn erkannt hätten.

"20min.ch" berichtete, eine anonyme Quelle habe den Tipp zur Verhaftung gegeben. Der Tippgeber hatte offenbar Zugang zu Unterlagen, wonach ein gewisser Milorad Komadic im Dorf sei. Serbien Präsident Boris Tadic sagte dem Bericht zufolge nach der Verhaftung, Mladic habe diese Identität angenommen. Laut der Zeitung war der falsche Name offenbar die einzige Tarnung.

Damit Mladic sich auch im Alter seinen Falschnamen Milorad Komadic merken konnte, konstruierte er den aus seinem eigenen Namen, berichtete die Zeitung "Blic". Denn wenn man vom Decknamen die ersten vier Buchstaben streicht und die Trennung zwischen Vor- und Zunamen neu vornimmt, ergibt sich "Radko Madic".

Ansonsten ein unscheinbares Dorf, ist Lazarevo nun im Blickfeld der Journalisten. Wie "Dnevni Avaz" berichtet, haben die Anwohner die Strasse zum Haus von Mladic blockiert. Sie wollten verhindern, dass Film- und Fotoaufnahmen gemacht werden.

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Obwohl die Mehrheit der Serben gegen eine Auslieferung von Mladic an das Kriegsverbrechertribunal ist, gingen am Donnerstag nur wenige Unterstützer des Ex-Generals auf die Straße. In Belgrad demonstrierten einige hundert Menschen gegen seine Verhaftung und die geplante Überstellung nach Den Haag. In der zweitgrößten Stadt Novi Sad waren es etwa 200. Die Polizei forderte die Demonstranten am Abend auf, ihren Protest abzubrechen, weil er nicht angemeldet sei. Auch Alkohol dürfe öffentlich nicht weiter konsumiert werden. Die Demonstranten leisteten der Polizeiaufforderung Folge.

Viele serbische Nationalisten verehren den Ex-General als Helden. Nach der Ergreifung von Mladic' Weggefährten, dem Serbenführer Radovan Karadzic, war es 2008 in Serbien landesweit zu Krawallen gekommen. Zahlreiche Anhänger von Karadzic wurden festgenommen.

Tadic sagte, er werde eine Wiederholung derartiger Vorkommnisse nicht erlauben. "Wer auch immer versucht, das Land zu destabilisieren, wird verfolgt und bestraft werden." Zugleich zeigte sich Tadic erleichtert: "Damit ist eine schwere Bürde von Serbien genommen."

Mladics Ergreifung galt als Voraussetzung für einen Beitritt Serbiens zur Europäischen Union. Die EU begrüßte umgehend die Verhaftung und forderte seine unverzügliche Überstellung nach Den Haag. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton sagte, eine schnelle Auslieferung von Mladic und eine volle Kooperation mit dem Internationalen Strafgerichtshof seien unerlässlich für die angestrebte EU-Mitgliedschaft Serbiens. Sie rechne mit einer Überstellung innerhalb von neun bis zehn Tagen.

ulz/Reuters/AP/dpa

insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
axstein 26.05.2011
1. Tadic hat richtig gehandelt
Zitat von sysopRatko Mladic ist verhaftet - nun beginnt die juristische Aufarbeitung seines Falles. Eine erste Anhörung vor Gericht musste wegen der körperlichen Schwäche Mladics abgebrochen werden. Wann der Ex-General an das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag überstellt wird, ist unklar. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,765168,00.html
Sehr gut, dass sich die serbische Regierung endlich entschlossen hat, diesen für Massenmorde verantwortlichen General endlich festzunehmen und (hoffentlich) nach Den Haag zu überstellen, damit diesem brutalen Mörder der Prozess gemacht werden kann. Für Serbien bedeutet dies einen weiteren Schritt zu Selbstreinigung und einem hoffentlich erfolgreichen Weg nach Europa.
docker 26.05.2011
2. Und ewig...
Zitat von sysopRatko Mladic ist verhaftet - nun beginnt die juristische Aufarbeitung seines Falles. Eine erste Anhörung vor Gericht musste wegen der körperlichen Schwäche Mladics abgebrochen werden. Wann der Ex-General an das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag überstellt wird, ist unklar. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,765168,00.html
...erschlafft der Totschläger nach seiner Verhaftung. Alle sind sie "haftunfähig" - die Lagerwachen, die Menschenschinder jedweder Provenienz. Wie feige diese Herrenmenschen sind, sobald sie auf der anderen Seite des Gewehrlaufs stehen.
Zyklotron, 26.05.2011
3. Phänomen
Komisch, dass diese Leute nach ihrer Verhaftung plötzlich immer sehr krank sind, nachdem sie jahrelang freudig untergetaucht waren.
derlabbecker 26.05.2011
4. komisch...
.... wenn es darum geht Massenmorde zu begehen und Geld zu schffeln sind diese Leute nicht zu gebrechlich. Sobald sie für ihr Tun verantwortlich gemacht werden sind sie auf einmal sterbenskrank. Siehe auch Mubarak, Milliarden auf Konten schaffen das ging, aber jetzt auf einmal ist er schwer krank...
horstma 26.05.2011
5. Serbien - Pakistan 1:0
Die Serben haben das besser gemacht: Während die Pakistani Bin Laden nur 6 Jahre schützen konnten, haben die Serben ihren Kriegsverbrecher 15 Jahre in Ruhe gelassen. Ob eine Auslieferung erfolgt, halte ich für zweifelhaft: "Mladic habe sich nicht mitteilen können. Er sei nicht einmal in der Lage gewesen, seine biografischen Angaben zu bestätigen. Der ehemalige Militärchef der bosnischen Serben spreche nicht zusammenhängend, sagte Anwalt Milan Dilparic. Ein Anwalt Mladics sagte, Mladic erkenne das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag nicht an." Schon merkwürdig: Jemand, der angeblich seinen Namen nicht mehr weiß, weiß natürlich, was das Kriegsverbrechertribunal ist, und daß er es nicht anerkennt. Man wird Mladic vor den Verhandlungen schon so präparieren, daß eine Verhandlungsunfähigkeit dabei herauskommt.
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