Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gefechte im Gaza-Streifen: Ein Volk verschwindet im Untergrund

Aus Gaza-Stadt berichtet Ulrike Putz

60 tote Palästinenser nach israelischen Vergeltungsangriffen: Im Gaza-Streifen kam es zu den blutigsten Gefechten seit Jahrzehnten. Die Bevölkerung hat nicht mehr die Kraft, sich zu empören - sie geht lieber in Deckung.

Gaza - "Niemals, niemals, niemals", schallt der Refrain des Liedes aus dem Autoradio. "Niemals werden wir vergeben, niemals werden wir aufgeben", intoniert der Männerchor, den der Moderator des Senders "Al Kuds al Dschihad" aufgelegt hat. Der Wagen rollt durch menschenleere Straßen, nur manchmal kreuzt ein Trauerzug den Weg. Während das Taxi mit laufendem Motor steht, ziehen 200, 300 schwarz gekleidete Männer vorbei. In der Mitte der Prozession, über den Köpfen, ein Sarg.

Es ist seltsam still. Die üblichen Sprechchöre, die scheppernde Musik spielenden Lautsprecherwagen fehlen bei den Beerdigungen. "Es sind einfach zu viele", sagt der Mann auf dem Beifahrersitz. Die Bestattungsunternehmen seien überlastet, die Menschen erschöpft von zu viel Trauer.

Es ist der Morgen danach im Gaza-Streifen. Am Samstag waren über 60 Palästinenser bei israelischen Angriffen und Gefechten ums Leben gekommen. Es war der höchste Blutzoll an einem Tag, den der andauernde Kampf zwischen Israel und den Palästinensern in Gaza seit Jahrzehnten gefordert hat.

Und obwohl am Sonntag die Kämpfe weitergingen, wieder zehn Palästinenser durch israelisches Feuer starben, radikalislamische Militanten wieder ein paar Dutzend Raketen auf Israel schossen: Gaza machte den Eindruck einer Stadt, die nicht mehr die Kraft hatte, sich über Angriffe zu empören oder über Schläge gegen ihren Feind zu feiern, wie es sonst gang und gäbe ist.

Israelische Flugblätter warnen, vor die Tür zu gehen

Die meisten der eineinhalb Millionen Bewohner des Gaza-Streifens blieben, wo sie sich am sichersten fühlen: daheim. Im Norden, wo die israelische Infanterie bis zu drei Kilometer tief in den Gazastreifen vorgerückt ist und nun dort die Stellung hält, geschah das nicht freiwillig. Die Israelis schössen auf jeden, der sich draußen bewege, berichteten Einwohner der besetzten Straßenzüge von Dschalabija übers Telefon.

Aus israelischen Hubschraubern seien Flugblätter abgeworfen worden, die die Bevölkerung warnten, nicht vor die Tür zu gehen. Jedes Auto, das nach acht Uhr abends unterwegs sei, werde unter Beschuss genommen. Die Familien hätten sich in die innen liegenden Räume ihrer Wohnungen zurückgezogen und warteten dort ab. Ab und an würden Ziele in der Nachbarschaft bombardiert – Rauchpilze, die man auch von den hohen Gebäuden der etwa zehn Kilometer entfernten Gaza-Stadt sehen konnte.

Auch abseits des Kampfgebietes gingen die Bewohner des Gaza-Streifens auf Nummer sicher. Es gab ohnehin keinen Grund, vor die Tür zu gehen: Die herrschende Hamas hat eine dreitägige Trauerzeit ausgerufen, Schulen, Betriebe, Geschäfte blieben geschlossen. Und so sind es nur wenige Anlässe, zu denen sich Menschengruppen zusammenfinden: um die Toten zu beerdigen oder um neue Todesopfer zu verhindern.

Menschlicher Schutzschild seit vier Tagen

Zehn Männer sitzen auf dem Flachdach des Hauses von Mohammed Al Rasania, ihre Kinder spielen um sie herum Fangen. Seit Donnerstagnacht harren die Nachbarn der Al Rasanias hier oben aus, in Schichten. Um halb drei Uhr morgens hatte Al Rasanias Handy geklingelt. Am anderen Ende war das israelische Militär. "Sie sagten auf Arabisch, wir hätten 15 Minuten, unser Haus zu räumen, danach würde es bombardiert", erinnert sich Mohammeds Bruder, der dabei war, als der Anruf kam.

Die Brüder, beide Kämpfer des Islamischen Dschihad, waren zu dem Zeitpunkt "auf Mission". "Wir sind beide Anführer von Einheiten, die Israel bekämpfen" - mehr will Khaled nicht zu den nächtlichen Aktivitäten sagen. Zum Glück seien sie nicht weit weg gewesen, nur fünf Minuten nach dem Anruf aus Israel standen die zwei auf dem Dach ihres Hauses und feuerten Kalaschnikow-Salven in die Luft.

Es war ein Notsignal, das verstanden wurde. Ihre Nachbarn im Stadtteil Beit Lahiya wachten auf, liefen zusammen und sitzen seitdem als weithin sichtbare menschliche Schutzschilde auf dem Dach des von 40 Familienmitgliedern bewohnten Apartmenthauses.

Selbst Hamas-Hinterbänkler tauchen ab

Der Weg aus dem Norden zurück nach Gaza-Stadt führt an dem am Donnerstag zerstörten Gebäude des Arbeiterverbandes von Gaza vorbei. Auch hier sind Menschen auf der Straße. Wie Ameisen über ihren Hügel krabbeln kleine Jungs über den riesigen Schuttberg, der von dem mehrstöckigen Gebäude übrig geblieben ist. Eselskarren fahren vor und transportieren das Altmetall und sonstige Überbleibsel ab, die ein paar Schekel einbringen können.

Vor dem Büro des früheren Ministerpräsidenten Ismail Hanija weht eine palästinensische Flagge auf Halbmast. Es sieht nicht so aus, als sei das Absicht, sondern die Folge der Nacht von Samstag auf Sonntag. Die Fahne ist zerlöchert wie das Vordach des Bürogebäudes hinter ihr. Gegen zwei Uhr früh jagte Israel zwei Raketen in das Gebäude: eine Botschaft an die Hamas-Führung, dass sie gejagt wird, egal wo.

Und so ist es in diesen Tagen unmöglich, mit irgendeinem zu sprechen, der innerhalb der radikal-islamischen Partei etwas zu sagen hat. Nicht nur die erste und zweite Riege hat sich in den Untergrund zurückgezogen, auch die Hinterbänkler fürchteten um ihr Leben, sagen die Kontaktmänner, die sonst solche Treffen vermitteln.

Leben im Keller

Die Familie Schaath wohnt direkt gegenüber der Ministerbüros. Obwohl es schon früher Nachmittag ist, tragen die Männer des Clans noch Pyjama und Bademantel. Es war eine unruhige Nacht, die darin gipfelte, dass keine 15 Meter entfernt die beiden Raketen einschlugen. Die Schaaths sind die einzigen Nachbarn, die noch aushalten in unmittelbarer Nähe des Büroblocks.

Der Grund ist die Weitsicht des Großvaters Jamil Schaath. Als Kind erlebte er die Kämpfe um das heutige Beer Sheva, aus dem seine Familie damals fliehen musste, erzählt er. Als er vor 20 Jahren den Apartmentblock für seinen Clan gebaut habe, habe er deshalb für schlechte Zeiten voraus geplant: Im Keller des Gebäudes hat er eine voll ausgestattete Wohnung einbauen lassen, in die sich die 20 Familienmitglieder bei Gefahr zurück ziehen könnten.

Seit fünf Tagen schläft seine Sippe im Keller, erzählt der Geschäftsmann: die Großeltern im Bett, die Jüngeren auf Matratzen und auf dem großen Wohnzimmerteppich. Auch für Stromsperren, Gas-, Benzin- und Lebensmittelmangel haben sich die Schaaths gewappnet.

Ihr üppiger grüner Nutzgarten ist eine ländliche Idylle mitten im betongrauen Herz von Gaza-Stadt. Die Mandelbäume blühen, ebenso die Bohnen, der Kohl steht in Reih und Glied. Fünf Schafe blöken aus ihrem Verschlag hervor, der Hofhund kläfft, Hühner scharren zwischen Orangenbäumen: Die Schaaths waren Bauern, bevor sie zu 1948 zu Flüchtlingen und Städtern wurden. Im Zentrum des Gartens stehen zwei nach alter Tradition gebaute Lehmöfen. In ihm backen und kochen die Frauen der Familie

Denn ein Gang zum Bäcker, das hat das Wochenende gerade wieder gezeigt, kann lebensgefährlich sein.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Leben in Gaza: Angespannte Ruhe nach dem Sturm
Fotostrecke
Nahost: Blutige Gewalt im Gaza-Streifen


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: