Nordostafghanistan: Bundeswehr kehrt in umkämpftes Gebiet zurück

Aus Kabul berichten und Shoib Najafizada

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dapd

Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan (Archiv): Zweifel an Nato-Strategie

Vor fünf Monaten schloss die Bundeswehr ihre Basis in Faisabad, die lokale Armee übernahm die Region Badakhshan. Nun flammen dort Kämpfe auf, ohne Unterstützung der Nato sind die Afghanen hilflos. Das Beispiel zeigt, wie schwierig sich der Abzugsplan gestaltet.

Hochrangige Bundeswehroffiziere waren per Helikopter eingeflogen, die afghanischen Generäle hatten sich herausgeputzt und in Reihe aufgestellt: Am 9. Oktober 2012 war die Stimmung im Bundeswehrcamp in Faisabad festlich. Per Handschlag besiegelte die Bundeswehr an diesem Morgen die Schließung ihres Feldlagers in der Provinzhauptstadt von Badakhshan. Von nun an sollten die Afghanen im Nordosten des Landes selbst für ihre Sicherheit sorgen.

Die Zeremonie in Faisabad war ein Symbol, das sogar aus Berlin kommentiert wurde. Außenminister Guido Westerwelle sagte, die Übergabe belege, "dass die Umsetzung der Afghanistan-Strategie vorankommt". Schritt für Schritt komme man mit der Schließung des Feldlagers gemäß des mühsam geschmiedeten Plans der Nato-Staaten "der vollständigen Übergabe der Sicherheitsverantwortung und dem Abzug der Kampftruppen bis Ende 2014" näher.

Fünf Monate später sind indes Zweifel angebracht, ob das Beispiel Badakhshan tatsächlich für einen Erfolg der Nato-Strategie herhalten kann. In den vergangenen zwei Wochen häufen sich Meldungen über folgenschwere Attacken auf die afghanische Armee. Deren Konvois werden von Taliban-Milizen aber auch von kriminellen Drogenschmugglern angegriffen. Soldaten werden gekidnappt, gut ein Dutzend Armee-Jeeps wurden von den Angreifern erbeutet.

Die heftigen Kämpfe spielen sich im Distrikt Warduj in der Grenzregion zum Nachbarland Tadschikistan ab, die als Transitroute für den Drogenschmuggel gilt. Dort versucht die afghanische Armee, die Präsenz der Zentralregierung wiederherzustellen. Bei den schweren Gefechten kamen bereits Dutzende afghanische Soldaten und Polizisten ums Leben, afghanische Militäroffiziere sprechen von mehr als 60 Toten in den eigenen Reihen in den vergangenen Wochen.

Bundeswehr kehrt in Unruheprovinz zurück

Die Lage ist mittlerweile so desaströs, dass die Bundeswehr Mitte dieser Woche in die Unruheprovinz zurückgekehrt ist. Am Donnerstag unterrichtete die Regierung den Bundestag, das deutsche Regionalkommando habe zur Unterstützung der Afghanen Kräfte der sogenannten Partnering Advisory Task Force aus Masar-i-Sharif und Kunduz nach Badakhshan verlegt, um den Afghanen bei ihrem Kampf in der Region zu helfen.

Bei der Bundeswehrführung in Afghanistan wird die Rückkehr der Deutschen in die an Afghanen übergebene Provinz als Routine im Übergabeprozess bezeichnet. Demnach sollen die deutschen Soldaten nicht in die Kämpfe eingreifen, sondern die Afghanen bei der Operationsführung durch strategische Tipps und Daten von Überwachungsflügen helfen. Über Zahlen redet man nicht, doch dürften Dutzende Deutsche wieder in Badakhshan aktiv sein.

Tatsächlich kommen die Afghanen ohne die Unterstützung der Isaf in Badakhshan nicht mehr aus. Seit Tagen fliegen Kampfjets der Nato-Schutztruppe Luftangriffe auf die Stellungen der Angreifer in den Bergen. Dabei wurde laut der Unterrichtung der Bundeswehr "eine erhebliche Anzahl" an feindlichen Kämpfern getötet. Ein Dorfältester aus Warduj berichtete per Telefon, in den vergangenen Tagen habe es jede Nacht schwere Bombardements gegeben.

Selbst aus dem Palast von Präsident Hamid Karzai, der kürzlich für alle afghanischen Truppen ein Verbot für die Anforderung von Isaf-Kampfjets anordnete, werden die Luftangriffe gutgeheißen. Karzais Sprecher betonte, die Unterstützung durch die Isaf-Jets sei "notwendig". Das Dekret Karzais habe so oder so nur Luftschläge auf bewohnte Gebiete und Städte betroffen, so der Sprecher. In Badakhshan aber kämpfe die Armee "in den Bergen gegen den Feind".

Zweifel an Abzugsplan

Auf dem Boden reagiert auch die US-Armee auf die heikle Lage in Nordostafghanistan. Mehrere Anwohner berichteten aus der Region, amerikanische Spezialeinheiten hätten in Warduj kleine Basen errichtet und würden die Afghanen bei ihrem Kampf gegen die Taliban und die Drogenschmuggler unterstützen. Die Operationen der US-Kommandosoldaten wurden in Kabul von mehreren Nato-Offizieren bestätigt, offiziell gelten sie als Geheimsache.

Im Nato-Hauptquartier wird die Lage in Badakhshan als kritisch bewertet, allerdings habe man solche Situationen erwartet, heißt es. Um den Abzug zu verwirklichen, das hatte die Führungsnation USA in den vergangenen Monaten klar gemacht, müsse man die Afghanen schon im Jahr 2013 in die Verantwortung zwingen um ihre Schwächen zu identifizieren und daran zu arbeiten. Dass es dabei Verluste gibt, so ein Nato-Mann kürzlich, müsse man in Kauf nehmen.

Dass die Afghanen entgegen der Pläne der Nato in Badakhshan nach der Übergabe der Sicherheitsverantwortung nicht ohne Hilfe der Isaf auskommen, lässt in Berlin indes deutliche Zweifel an der Machbarkeit des Abzugsplans der Nato und der Bundeswehr aufkommen. Dieser sieht vor, dass die Afghanen schon dieses Jahr das ganze Land in Sachen Sicherheit übernehmen, bis Ende 2014 dann sollen alle Kampftruppen vom Hindukusch abgezogen werden.

Auf dem Papier sieht dieser Plan tatsächlich gut aus, so die Kritiker. "Die Nato-Strategie ist leider stärker durch die politischen Wünsche in den Hauptstädten der Allianz für einen schnellen Abzug als von den Realitäten vor Ort geprägt", sagt der grüne Verteidigungsexperte Omid Nouripour, "wir müssen uns noch auf einige Rückschläge bis 2014 einstellen."

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Bevölkerung: 31,412 Mio.

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