Atommächte Pakistan und Indien: Gefährlicher Kleinkrieg am Himalaja

Von , Islamabad

Indien beschuldigt Pakistan, in Kaschmir zwei Soldaten getötet zu haben. Zuvor hatten indische Streitkräfte einen pakistanischen Soldaten erschossen. Die Gefechte sind mehr als der ewige Streit um eine Himalaja-Region: Der Konflikt der beiden Atommächte könnte die Welt in eine tiefe Krise stürzen.

Indischer Soldat in Kaschmir: Von der Bevölkerung als Besatzer empfunden Zur Großansicht
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Indischer Soldat in Kaschmir: Von der Bevölkerung als Besatzer empfunden

Es ist ein Rückfall in alte Verhaltensmuster: Liest man indische Zeitungen, ist klar, dass die pakistanischen Soldaten die Bösen sind. Umgekehrt berichten pakistanische Medien so, dass kein Zweifel daran besteht, Indien sei der Aggressor. Seit fast zehn Jahren gilt ein Waffenstillstand in der von beiden Staaten beanspruchten Himalaja-Region Kaschmir, nun wird wieder geschossen.

Am Sonntagmorgen starb nach pakistanischen Angaben ein Soldat, als indische Truppen die umstrittene Grenze, die Kaschmir in einen pakistanischen und einen indischen Teil trennt, übertraten und einen pakistanischen Posten angriffen. Dabei seien zwei Soldaten verletzt worden, einer von ihnen starb später. Das pakistanische Außenministerium berief den stellvertretenden indischen Botschafter ein, um gegen den "unprovozierten Angriff" zu protestieren.

Am Dienstag drangen nun indischen Angaben zufolge pakistanische Streitkräfte "im Schutz von Nebel etwa 600 Meter weit" in das von Indien kontrollierte Gebiet ein und schossen dort auf indische Soldaten. Dabei wurden zwei Männer getötet. Indiens Verteidigungsminister A. K. Antony erklärte am Mittwoch, der Angriff sei "extrem provokativ" und der Umgang der Pakistaner mit den Leichen der beiden Inder "unmenschlich" gewesen. Zuvor war bekannt geworden, dass die pakistanischen Soldaten einem der Inder den Kopf abgetrennt und diesen als Trophäe mitgenommen hätten. Nun bestellte das indische Außenministerium den pakistanischen Botschafter ein, um eine Protestnote zu überreichen.

Beide Seiten bestreiten, hinter der Gewalt zu stecken

Beide Seiten bestreiten, hinter den jeweiligen Angriffen zu stecken. Beide Seiten erklären aber auch, man habe die gegnerischen Truppen heldenhaft und kampfesmutig zurückdrängen können. Und beide Seiten betonen, man werde die Lage "sehr aufmerksam" beobachten.

"Die Regierung von Indien betrachtet den Vorfall als einen Akt der Provokation. Wir erwarten, dass sich Islamabad strikt an den Waffenstillstand hält", heißt es in einer Mitteilung des indischen Verteidigungsministeriums. Außenminister Salman Khurshid sprach von einer "angemessenen Antwort", die man Pakistan geben werde. Pakistans Armeechef General Ashfaq Parvez Kayani erklärte im Gegenzug, das pakistanische Militär sei "bereit, jeder Art von Bedrohung zu begegnen". Aus Regierungskreisen in Islamabad hieß es, Indien habe mit der Gewalt begonnen und versuche nun wieder, Pakistan in einem schlechten Licht dastehen zu lassen.

Wer auch immer Schuld trägt am Ausbruch der Gewalt - die jüngsten Gefechte lenken die Aufmerksamkeit auf einen wenig beachteten Konflikt, der nicht nur die Region, sondern die ganze Welt in eine Krise stürzen könnte. Nicht nur, weil beide Staaten im Besitz von Atomwaffen sind, sondern weil viele Terrororganisationen ihre Existenzberechtigung im Kaschmirkonflikt sehen.

Der Streit um die Region dauert seit 1947 an. Als damals die britischen Herrscher ihre Kolonie Indien verließen und der Subkontinent in Indien und Pakistan aufgeteilt wurde, standen die königlichen Herrscher von Gebieten wie Kaschmir vor der Entscheidung, sich einem der beiden Staaten anzuschließen. Maharadscha Hari Singh geriet in ein Dilemma: Er selbst war Hindu, herrschte aber über eine mehrheitlich muslimische Bevölkerung, die sich Pakistan näher fühlte. Als immer mehr Kämpfer aus Pakistan in Kaschmir eindrangen, versprach Neu-Delhi ihm militärische Hilfe - vorausgesetzt, er entscheide sich für einen Anschluss an Indien. Am 26. Oktober 1947, zweieinhalb Monate nach der Teilung des Subkontinents, entschloss sich Singh für Indien.

Insgesamt drei Kriege um Kaschmir

Damit begann ein Konflikt, der bis heute ungelöst ist. Pakistan griff militärisch an und sicherte sich einen Teil der Provinz. Indien und Pakistan haben seither insgesamt drei Kriege um Kaschmir geführt. Glaubt man Umfragen, wünschen sich die meisten Kaschmiris einen eigenen unabhängigen Staat. Tatsächlich empfinden die Einwohner im indischen Teil die indischen Soldaten als Besatzer, und im pakistanischen Teil reden die Menschen von Pakistan nur als "dem Staat da unten", als gehörten sie selbst nicht dazu.

Doch müssten sich die Kaschmiris in beiden Teilen zwischen Indien und Pakistan entscheiden, würden sie sich wegen der Religion für Pakistan entscheiden. Uno-Resolutionen, die eine Selbstbestimmung Kaschmirs fordern, ignoriert Neu-Delhi beharrlich. Und die Weltgemeinschaft fordert die Umsetzung nicht ein, auch aus Sorge, es sich mit der Wirtschaftsmacht Indien zu verscherzen.

Spätestens nach der erfolgreichen Bekämpfung der sowjetischen Besatzer in Afghanistan durch Freiheitskämpfer, sogenannte Mudschahidin, kam Pakistan die Idee, auch in Kaschmir solche Söldner einzusetzen. Das pakistanische Militär unterstützte ab Ende der achtziger Jahre den Aufbau von Organisationen, die die indischen Truppen in Kaschmir bekämpfen sollten. Doch diese Krieger entwickelten sich zu islamistischen Terroristen, von denen die meisten mittlerweile auch den pakistanischen Staat bekämpfen, seitdem dieser auf Seiten des Westens im Anti-Terror-Kampf steht. Aus ihnen rekrutieren sich inzwischen viele Taliban. Die bekannteste Gruppe, die ihre Daseinsberechtigung in der Befreiung Kaschmirs von indischer Herrschaft sieht, ist die Terrororganisation Lashkar-i-Toiba.

Der ungelöste Kaschmirkonflikt ist der Grund für die Existenz vieler Terrororganisationen, die eine Bedrohung weit über die Region hinaus geworden sind. Er ist der Grund dafür, dass Indien und Pakistan die Entwicklung von Atomwaffen forcierten. Er macht Kaschmir zu einer der am stärksten militarisierten Regionen der Welt. Selbst in Teilen der Provinz, wo es außer Bergen und Gletschern nichts gibt, sind Soldaten stationiert - aus Furcht, die gegnerische Seite könnte das Gebiet besetzen. Im vergangenen Jahr starben auf dem höchsten Schlachtfeld der Erde, am Siachen-Gletscher, 135 pakistanische Soldaten unter einer gewaltigen Lawine. Das Unglück entfachte in Pakistan eine Debatte über den Sinn der Militärpräsenz, die aber ohne Konsequenzen blieb. Keine Seite will nachgeben, die Kaschmirfrage ist für beide Staaten eine Frage der nationalen Ehre - koste es, was es wolle.

Da Pakistan und Indien wissen, was auf dem Spiel steht, bemühen sie sich hinter den Kulissen, die Wogen zu glätten. Das Verhältnis zwischen den Erzfeinden war mit den Terrorangriffen auf die indische Millionenmetropole Mumbai durch Lashkar-i-Toiba-Mitglieder im November 2008 an einem Tiefpunkt angekommen. In den vergangenen Monaten haben sie jedoch Initiativen ergriffen, die wirtschaftlichen Beziehungen zueinander zu vertiefen. Und den Menschen in Kaschmir wurde erleichtert, ihre Angehörigen im jeweils anderen Teil zu besuchen. Das solle, heißt es in Islamabad und Neu-Delhi, nicht aufs Spiel gesetzt werden - vorerst jedenfalls.

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1. Sinnvoll...
phaeno 09.01.2013
... wäre es vielleicht, darauf hinzuweisen, dass unsere westliche Schutzmacht USA entgegen internationaler Vereinbarungen diese beiden Staaten auch in den letzten Jahren mit Atomwaffen aufgerüstet hat.
2.
hajdydobajdy 09.01.2013
Ist fraglich, ob man dies Krise nennen kann, wenn doch England dafür gesorgt hatte, dass das islamische Kaschmir zu Indien kam. Diese Politik wurde nicht nur mit Kaschmir durchgeführt, sondern gehörte zur Kolonialpolitik. Dies betraf auch Deutschland. Ich gehe jedoch jetzt davon aus, dass, wie mit der Vergewaltigung, die Regierenden von der wirtschaftlichen Lage ablenken möchten. Dies war eigentlich auch der Auslöser zwischen dem Streit Chinas mit Japan. Die Welt hofft, dass der Protest gegen die Vergewaltigung eine Änderung in Indien herbeiführt. Es handelt sich hier jedoch eher um Scheingefechte. Es geht um ganz andere Dinge. Eher um die Sorge, dass bessergestellte Schichten durch die Wirtschaftskrise verarmen. Dies ist eigentlich der eigentliche Auslöser der Angst.
3. Flugverbotszone einrichten
martin-z. 09.01.2013
Zitat von sysopIndien beschuldigt Pakistan, in Kaschmir zwei Soldaten getötet zu haben. Zuvor hatten indische Streitkräfte einen pakistanischen Soldaten erschossen. Die Gefechte sind mehr als der ewige Streit um eine Himalaya-Region: Der Konflikt der beiden Atommächte könnte die Welt in eine tiefe Krise stürzen. Gefechte zwischen Pakistan und Indien in Kaschmir - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/gefechte-zwischen-pakistan-und-indien-in-kaschmir-a-876496.html)
westerwelle vors mikro schicken, konten einfrieren, diplomaten ausweisen, rebellen (terroristen) unterstützen, uno-sicherheitsrat anrufen, militärberater schicken, provozieren, einmarschieren, chaosverursachen, abhauen. viel interessanter ist doch die frage weshalb der spiegel seit wochen auffällig wenig über syrien berichtet......liegt es vllt daran, dass die von spon hochgejubelten terroristen im ganzen land mit dem rücken zur wand stehen? syrien ist fast komplett wieder sicher. gestern wurden die innersyrischen flüge zwischen alleppo und damaskus wieder aufgenommen.......
4. ein sehr gefährlicher konflikt
martin-z. 09.01.2013
viel interessanter ist doch die frage weshalb der spiegel seit wochen auffällig wenig über syrien berichtet......liegt es vllt daran, dass die von spon hochgejubelten terroristen im ganzen land mit dem rücken zur wand stehen? syrien ist fast komplett wieder sicher. gestern wurden die innersyrischen flüge zwischen alleppo und damaskus wieder aufgenommen.......
5.
neu_ab 09.01.2013
Moslems mit Atomwaffen, das ist in der Tat gefährlich. Pakistan ist ein failed state, der Terrorosten duldet & wohl auch noch ausbildet. Da kann man nur hoffen, daß wenigstens Indien noch vernünftig bleibt.
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