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Geflohener Ben Ali: Tunesien sucht Ex-Diktator mit internationalem Haftbefehl

Für Zine el-Abidine Ben Ali soll es kein Exil mit Gold und Luxus geben. Die tunesische Justiz hat einen internationalen Haftbefehl gegen den Ex-Herrscher ausgestellt, der nach Saudi-Arabien geflohen ist. Seine früheren Untertanen wollen ihm unbedingt den Prozess machen.

Tunesischer Ex-Präsident Ben Ali: Luxusapartments, Yachten und Gold Zur Großansicht
AFP

Tunesischer Ex-Präsident Ben Ali: Luxusapartments, Yachten und Gold

Tunis - 23 Jahre herrschte der tunesische Präsident Zine el-Abidine Ben Ali, bevor er vor den Massendemonstrationen in seinem Land nach Saudi-Arabien flüchtete. Doch in Ruhe leben wird er in seinem Exil künftig wohl nicht: Die tunesische Justiz hat gegen ihn und seine Ehefrau Leila Trabelsï einen internationalen Haftbefehl ausgestellt. Zudem soll Interpol dabei helfen, weitere Angehörige der Familie zu ergreifen.

Ben Ali und seiner Frau würden "illegale Aneignung von Vermögen" und "illegaler Devisentransfer ins Ausland" vorgeworfen, sagte der tunesische Justizminister Lazhar Karoui Chebbi am Mittwoch. Die Familie von Ben Ali soll Tunesien regelrecht ausgeplündert haben. Sie besaß Luxusapartments, Yachten und Gold, rafften rund fünf Milliarden Euro für ihren habgierigen Clan zusammen. Die Schweiz hat bereits seine Konten einfrieren lassen. Die EU hat dies ebenfalls vor. Interpol hat den internationalen Haftbefehl inzwischen bestätigt.

Der Trabelsi-Clan der Präsidentengattin ist in dem nordafrikanischen Land verhasst, weil er wichtige Schlüsselposten der Wirtschaft besetzt und sich auf diese Weise gnadenlos bereichert hatte. Ben Alis angeheiratete Verwandtschaft lebte in Saus und Braus. Ihre Villen wurden nach ihrer Flucht systematisch von aufgebrachten Bürgern geplündert. Wo sich Leila Trabelsi derzeit aufhält, ist unbekannt.

Chebbi kündigte zugleich an, im Zusammenhang mit den gewaltsamen Unruhen sechs Angehörige von Ben Alis Präsidentengarde vor Gericht zu stellen. Seit Tagen demonstrieren Tausende Menschen in Tunis gegen die Übergangsregierung. Sie verlangen den Rücktritt aller Minister, die bereits unter Ben Ali hohe Ämter bekleideten. Eine Kabinettsumbildung steht vermutlich kurz bevor.

Seit Ben Alis Abgang am 14. Januar haben nach Angaben des Justizministeriums rund 11.000 Häftlinge die Unruhen zur Flucht genutzt. Die Zahl liegt demnach weitaus höher, als bislang angenommen. 2460 Gefangene wurden regulär frei gelassen.

kgp/ffr/AFP/Reuters/dpa

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Forum - Wie geht es weiter in Tunesien?
insgesamt 1324 Beiträge
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1.
ewspapst 14.01.2011
Zitat von sysopPlötzlich ging es ganz schnell: Die Protestbewegung in Tunesien hat den umstrittenen Langzeit-Präsidenten Ben Ali aus dem Amt gejagt. Im Land herrscht nun Chaos, es gibt weitere Ausschreitungen - und noch mehr Tote. Wie geht es nun weiter?
Wozu braucht Tunesien denn Reformen, es ist doch ein durch und durch kapitalistisches Land und dementsprechend muss es doch allen gut gehen. Ich verstehe diese ganzen Unruhen der " Strasse" nicht, man darf sich doch vom Pöbel nicht beeinflussen lassen. So viele Deutsche haben sich dort im Urlaub immer wohlgefühlt und auch den dortigen Wohlstand bewundert. So, oder so ähnlich würden wir in der nächsten Zeit über die Lebenslage der tunesischen Bevölkerung "informiert". Ich hoffe aber, diesmal klappt es nicht.
2. Kein Zurück mehr!
Tunesier 14.01.2011
Ich glaube, es gibt kein Zurück mehr für Ben Ali. Sein Regime zerfällt gerade. Immer mehr Menschen, Prominente und Angestellte (wie beim Staatsfernsehen) outen sich. Der Moderator der letzten "mutigen" TV-Sendung von gestern Abend sagt: Es war alles nur reine Inszenierung! Was gibt es noch mehr zu sagen? Zu den Plünderungen: Schon seit Tagen gibt es zahlreiche Gerüchte. Nicht die Demonstranten brennen die Geschäfte, sondern regierungstreue Banditen. Sie setzen Gebäude in Brand und plündern Geschäfte oder lassen die Menschen von denen plündern, nachdem sie die Türen kaputt machen. Es ist noch ein Versuch Ben Ali's das Land ins Chaos zu stürzen und die Demonstranten als Terroristen und Banditen darzustellen. Danach will er der Retter sein. Das wird ihm inscha Allah nie gelingen. Wir wissen wer er ist und was er getan hat und wozu er fähig ist. Morgen früh auch viele Demos in Deutschen Städten. Wie lange wird der Westen weiter zuschauen? Es findet seit Wochen ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit!
3. Durch diese Unruhen...
ratxi 14.01.2011
Zitat von sysopPlötzlich ging es ganz schnell: Die Protestbewegung in Tunesien hat den umstrittenen Langzeit-Präsidenten Ben Ali aus dem Amt gejagt. Im Land herrscht nun Chaos, es gibt weitere Ausschreitungen - und noch mehr Tote. Wie geht es nun weiter?
...kommt die ganze Unzufriedenheit der Menschen an die Oberfläche und das Ganze scheint nun eine Eigendynamik zu bekommen. Ich denke nicht, dass Ali Die Leute noch beruhigen kann. Warum sollten sie ihm glauben? Warum sollten sie ihn an der Macht lassen, wo sie doch jetzt schon so weit sind? Jeder tut ja nur ein bisschen, dann ein bisschen mehr und der Mob macht den Rest.
4.
zackzodiac, 14.01.2011
Die Demonstranten in Tunesien zeigen uns, wie man eine ungewollte Regierug los werden kann. Bravo!
5. Position von Frankreich
Tunesier 14.01.2011
Ein französischer Oppositioneller (Olivier Besancenot) fordert die französische Außenministerin (Alliot-Marie) sich entweder zu entschuldigen oder zurückzutreten. Noch vor zwei Tagen sagte sie, wir wollen unser Savoir-Faire der Polizei, wie sie Demos zurückhält, an Ben Ali weitergeben! Wow! Könnte die Lage in Tunesien sogar Auswirkungen auf europäische Staaten haben? Dass sie arabische Staaten und Diktaturen verändern wird, steht außer Frage. Heute ist ein neuer (und hoffentlich ein schöner) Tag in der Welt-Geschichte.
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Lange Zeit galt Tunesien als der Vorzeigestaat Nordafrikas. Doch das Image hat Risse bekommen - besonders junge Menschen sehen kaum Zukunftschancen.
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Vor allem die hohe Arbeitslosigkeit von etwa 14 Prozent bereitet Schwierigkeiten. Für Jugendliche und Hochschulabsolventen sind die Aussichten besonders schlecht - die Quote der Erwerbslosen unter jungen Menschen beträgt mehr als 30 Prozent. Ohne Beziehungen und Gefälligkeiten ist kaum ein Job zu finden, selbst ein Universitätsabschluss hilft nicht viel.
Menschenrechte
Menschenrechtler kritisieren die Situation im Land. Demnach herrscht Zensur und die Bürgerrechte werden nicht geachtet. Beim jährlich erstellten Demokratie-Ranking des britischen Magazins "Economist" rangierte Tunesien zuletzt auf Platz 144 von 167. US-Diplomaten bezeichneten in den WikiLeaks-Dokumenten Tunesien als Polizeistaat: Unter dem Vorwand, den islamischen Extremismus zu bekämpfen, würden Medien, Gewerkschaften und Opposition rücksichtslos unterdrückt.

Bei den Unruhen, die im Dezember 2010 begannen, wurden auch Journalisten und Blogger festgenommen. Das staatliche Fernsehen berichtet kaum über die Ausschreitungen.


Protestbewegung auch in anderen arabischen Ländern?
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