Pakistan: Geheimbericht enthüllt neue Details der Bin-Laden-Jagd

Von , Islamabad

Geheimdienst: Terrorfürst in Abbottabad Fotos
REUTERS

Ein pakistanischer Untersuchungsbericht dokumentiert das Versagen der Regierung bei der Suche nach Osama Bin Laden - und schildert Details aus dem Leben des Top-Terroristen: Im Garten seines Hauses trug er einen Cowboyhut, um nicht von Drohnen erkannt zu werden, und bei einer Verkehrskontrolle hätten Polizisten ihn schnappen können.

Der geheime Bericht der vierköpfigen pakistanischen Abbottabad-Kommission ist eine Ohrfeige für Pakistans Mächtige: Osama Bin Laden konnte nur wegen der Unfähigkeit der Regierung und von Sicherheitskräften auf allen Ebenen unentdeckt in Pakistan leben, ist das Fazit des Reports. "Es ist ein deutliches Zeugnis der kollektiven Inkompetenz und Nachlässigkeit, nicht zuletzt auch der Sicherheitskräfte und der Nachrichtendienste in der Region Abbottabad", heißt es in dem 336 Seiten starken Dokument, das der arabische Nachrichtensender al-Dschasira veröffentlichte.

Als am Morgen des 2. Mai 2011 die Nachricht von Bin Ladens Tod um die Welt ging, war das erste Statement eines pakistanischen Militärsprechers, man sei "stolz, dass pakistanische Truppen gemeinsam mit US-Truppen" den Chef der Terrororganisation al-Qaida getötet hätten. Wenige Minuten später war klar, dass der Sprecher keine Ahnung hatte, was er eigentlich sagen sollte. Denn pakistanische Soldaten waren überhaupt nicht involviert, Washington hatte die pakistanische Regierung sogar erst informiert, als die Operation längst im Gange war.

Es war eine Blamage für Pakistan: Entweder waren Teile der Regierung und der Armee Komplizen Bin Ladens und deckten ihn - oder sie waren tatsächlich so unfähig, dass sie den meistgesuchten Mann der Welt nicht entdeckten, obwohl er vor ihrer Nase lebte, sechs Jahre lang alleine nur wenige hundert Meter von der stark geschützten Militärakademie in Abbottabad.

In dieser Situation entschied die Regierung in Islamabad, eine unabhängige Kommission einzusetzen, bestehend aus vier pensionierten Männern: einem Richter, einem General, einem Polizeioffizier und einem Diplomaten. Vor sechs Monaten habe man den Bericht der Regierung übergeben, heißt es aus dem Umfeld der Kommission. Er sei nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen, sondern sollte den Regierungsverantwortlichen Aufschluss darüber geben, was schiefgelaufen war. Dass er nun von al-Dschasira öffentlich gemacht wurde, ist eine weitere Demütigung für Pakistan.

Geheimdienst in der Kritik

Vor allem der Militärgeheimdienst ISI kommt schlecht weg. Der, heißt es in dem Bericht, habe im Fall Bin Laden "vorschnell das Buch geschlossen", nämlich schon im Jahr 2005. Die Kommission schließt auch nicht aus, dass Teile des Geheimdienstes von Bin Ladens Aufenthaltsort gewusst und ihn geschützt, womöglich sogar unterstützt haben. "Gemessen an der Länge seines Aufenthalts und seiner Familie in Pakistan kann eine Möglichkeit von direkter oder indirekter Hilfe nicht ausgeschlossen werden", schlussfolgern die Kommissionsmitglieder. Die Unterstützung sei womöglich "außerhalb der formalen Strukturen des Geheimdienstes" erfolgt, also auf privater Ebene. Beweise gebe es dafür zwar keine, aber ranghohe Offiziere hätten den Einfluss radikaler Islamisten innerhalb der Armee unterschätzt.

Auch die Nachbarschaft, die lokalen Behörden und Polizisten seien schuldig an der Sache. Es sei ein Zeichen für die Ignoranz in der Gesellschaft, dass das gesamte Umfeld von Bin Ladens Anwesen nicht "die Größe, die seltsame Form, den Stacheldraht, das Fehlen von Autos und Besuchern" bemerkt hätten.

Die Kommission interviewte für ihren Bericht mehr als 200 Zeugen, darunter Bin Ladens drei inzwischen nach Saudi-Arabien abgeschobenen Witwen, mehrere Regierungs- und Militärvertreter und Geheimdienstleute, darunter den bis zum Frühjahr 2012 amtierenden ISI-Chef Ahmed Shuja Pasha. Dabei kamen interessante Details ans Tageslicht.

Bin Laden trug einen Cowboyhut

Von den Witwen erfuhren die Ermittler zum Beispiel, dass Bin Laden samt seiner Familie einmal im Swat-Tal, im Norden Pakistans, bei einem Marktbesuch wegen überhöhter Geschwindigkeit angehalten wurde. Ein mitfahrender Mann habe die Angelegenheit schnell geregelt. Bin Laden trug seinerzeit keinen Bart, der Polizist erkannte ihn nicht.

In Abbottabad habe Bin Laden oft einen Cowboyhut mit breiter Krempe getragen, aus Angst davor, dass er durch Satellitenbilder identifiziert werden könnte während seiner täglichen Spaziergänge im Garten seines weitläufigen Hauses. Die Kinder seines Kuriers, der mit seiner Familie im selben Haus lebte, kannten Bin Laden als den "armen Onkel". Sie fragten ihren Vater, warum der alte Mann aus dem oberen Stockwerk nie das Haus verließ. Er erzählte ihnen, der Onkel sei zu arm, um auf den Basar zu gehen.

Bin Laden kam den Befragungen zufolge im Frühjahr oder Sommer 2002 nach Pakistan. Er lebte in Südwaziristan, Bajaur, Peschawar, im Swat-Tal und in Haripur, bevor er 2005 nach Abbottabad zog, wo er unauffällig lebte und sich nie in der Öffentlichkeit zeigte.

"Jeder aus unserer Elite ist käuflich"

Der Bericht kritisiert aber auch die US-Regierung scharf. Washington habe sich "wie ein krimineller Rowdy" benommen, als es Spezialkräfte in pakistanisches Territorium schickte, um Bin Laden zu töten, ohne Pakistan in die Operation einzubeziehen. Bei dem Schlag gegen den Qaida-Chef handele es sich um eine "nationale Tragödie", weil Bin Laden "auf illegale Weise gemeinsam mit drei pakistanischen Staatsbürgern getötet wurde". Die "Operation Neptune Spear" sei ein "amerikanischer Kriegsakt gegen Pakistan", der beweise, welche Geringschätzung die USA für Pakistans "Souveränität, Unabhängigkeit und territoriale Integrität" empfänden.

Kritisch äußert sich die Kommission auch über die schlechte Zusammenarbeit des US-Geheimdienstes CIA mit dem ISI. So habe die CIA den Pakistanern zwar Telefonnummern mitgeteilt, die der ISI überwachen sollte, um Bin Ladens Kurier auf die Spur zu kommen. Doch die CIA-Leute hätten ihren pakistanischen Kollegen nicht mitgeteilt, wie wichtig diese Spur sei, so dass der ISI sich nicht mit entsprechender Sorgfalt darum gekümmert habe.

Ex-ISI-Chef Pasha beschrieb der Kommission sein erschreckendes Bild von Pakistan: Es sei ein "schwaches, ausgebranntes Land", es gebe "Teilnahmslosigkeit auf allen Ebenen". Die pakistanischen Medien seien "praktisch gekauft", nahezu "jeder aus unserer Elite ist käuflich". Ein CIA-Mann habe ihm, Pasha, sogar einmal ins Gesicht gesagt: "Ihr seid so billig. Wir können euch mit einem Visum kaufen, mit einer Reise in die USA, sogar mit einem Abendessen. Wir können jeden kaufen." Pakistan sei deshalb aus seiner Sicht "ein scheiternder Staat, auch wenn wir noch nicht gescheitert sind".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 112 Beiträge
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1. Jagd auf Bin Laden?
delil 09.07.2013
Ich zweifel immer noch daran ob dieser Mann noch am Leben ist! Bringt uns erst mal Beweise das er tot ist. Dann könnt ihr gerne weiter Spekulieren.
2. Ambivalent
APPEASEMENT 09.07.2013
Die Regierung in Pakistan ist in diese Frage wohl ambivalent und fürchtet auch den Zorn der radikalen (Muslime) im Land. Insgeheim bewundert man BL wahrscheinlich als jmd der den USA die Stirn bietet. Andererseit hat man Angst vor zuviel Macht bei den Islamisten. Wann hört das endlich auf, Religion ist Opium fürs Volk. Religion schafft nur Stereotypen des Andersartigen und birgt so schon den Keim der Gewalt. Man sollte sie als unmenschlich verbieten.
3.
themistokles 09.07.2013
Zitat von sysopREUTERSDer meistgesuchte Terrorist der Welt lebte jahrelang unerkannt in Abbottabad. Eine pakistanische Kommission wirft der Regierung jetzt "Inkompetenz und Nachlässigkeit" bei der Verfolgung Osama Bin Ladens vor. Der Geheimbericht offenbart zudem Details aus dem Leben des Qaida-Chefs. Geheimbericht: Pakistan versagte bei Jagd auf Bin Laden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/geheimbericht-pakistan-versagte-bei-jagd-auf-bin-laden-a-910146.html)
Wieso versagt? Das war doch so gewollt. Insofern haben die enstprechenden Kräfte sogar einen guten Job gemacht, wenn der Aufenthaltsort Bin Ladens erst so spät von den USA ausgemacht worden ist. BTW: Nette Photoshop- Montage. Siehe Schattenwurf al-Sawahiri...
4. Der CIA-Mann...
haviii 09.07.2013
... hat doch nichts anderes als die Wahrheit gesagt. Pakistan, und das kann jeder bestätigen der mal dort war, das "gefühlt" korrupteste Land der Welt. Für zwei Flaschen Jim Beam kann man dort alles bekommen. Das wird mittelfristig noch mal ein richtiger Krisenherd werden. Nicht wegen dieses Kaschmir-Geplänkel, sondern wegen einer US-amerikanischen oder ggf. chinesischen Intervention.
5. optional
proteo13 09.07.2013
... hat man wirklich angenommen ein derart relig. islam. Land wie Pakistan arbeitet 100% mit dem Westen zusammen. Wie naiv ist der Westen???? "Pakistan versagte bei Jagd auf Bin Laden" Sie versagten nicht - Sie lächelten im Stillen.
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