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Geheimbericht: US-Militär sieht Irak vor totalem Kollaps

Die US-Armee schlägt Alarm wegen der Gewalt im Irak: Ein Geheimpapier des Zentralkommandos enthüllt, dass das Land kurz vor dem totalen Chaos steht - und sich die Lage binnen Wochen dramatisch verschlechtert hat. Immer schneller, immer brutaler schlagen die Terroristen und Milizen zu.

Hamburg - Friede ist grün, Chaos ist rot. Dazwischen ist ein Pfeil, der auf einer Zeitskala die derzeitige Gefahrenlage im Irak anzeigt- und inzwischen hat er den tieforangen Bereich hinter sich gelassen. Er zeigt schon auf rot. Die Botschaft der simplen Grafik: Nicht mehr lange, und der Indikator wird das Ende der Skala erreicht haben - das totale Unheil.

Geheimgrafik des US-Zentralkommandos zur Lage im Irak (Screenshot von nytimes.com): Der Pfeil verschiebt sich immer weiter von "Frieden" zu "Chaos" - sogar der Unterschied binnen einer Woche ist deutlich
NYT

Geheimgrafik des US-Zentralkommandos zur Lage im Irak (Screenshot von nytimes.com): Der Pfeil verschiebt sich immer weiter von "Frieden" zu "Chaos" - sogar der Unterschied binnen einer Woche ist deutlich

Der Irak schlittert immer weiter ins Chaos. Geheime Zahlen der US-Armee belegen diese Entwicklung. Die "New York Times", der das Papier zuging, veröffentlicht heute ein Schaubild, genannt "Index of Civil Conflict". Es belegt, dass den USA die Lage im Irak entglitten ist. Das abgebildete Chaosbarometer stand im Februar noch auf Orange etwa in der Mitte der Skala zwischen den beiden Endpunkten Friede und Chaos. Inzwischen, nur acht Monate später, hat der Pfeil die zweite Hälfte der Skala fast durchschritten, in den tiefroten Bereich hinein.

Die Gewalt nimmt zu, das Tempo und die Intensität steigen. Seit der Bombardierung des Schreins von Samarra im Februar (in der Grafik eigens hervorgehoben) eskaliert die Lage. Sogar die Entwicklung im Oktober von einer Woche zur anderen ist signifikant. Trotz einer erneuten US-Initiative zur Eindämmung der Gewalt, verschiebt sich der Pfeil deutlich nach rechts.

Der Oktober war für die US-Truppen im Irak der blutigste Monat seit fast zwei Jahren: 102 US-Soldaten starben. Die Führung des Zentralkommandos der Armee ist tief besorgt, denn die Entwicklung ist alles andere als ermutigend. Unter dem Schaubild ist in roter Rahmung sinngemäß zu lesen: In Stadtteilen, in denen es zu "ethnischen Säuberungen" kommt, ist die Gewalt dauerhaft hoch und breitet sich weiter aus.

Der Kommandeur des Zentralkommandos, General John Abizaid, warnte bereits im August vor der Gefahr eines Bürgerkrieges im Irak. Damals hegte er noch die Hoffnung, dass die Gewaltentwicklung umgekehrt werden könnte. Das Schaubild legt das Gegenteil nahe.

Verwundeter Iraker in Krankenhaus in Bagdad: Tempo und Intensität der Gewalt nehmen zu
AP

Verwundeter Iraker in Krankenhaus in Bagdad: Tempo und Intensität der Gewalt nehmen zu

In der Grafik wurden nicht nur klassische militärische Parameter wie etwa die Truppenstärke der Gegner oder die Größe des vom Feind kontrollierten Gebiets verarbeitet, sondern auch solche wie "feindselige Rhetorik" politischer oder religiöser Führer im Irak und deren Einfluss oder die (geringe) Schlagkraft der irakischen Polizei. Die Armee stellt außerdem fest, dass der öffentliche Unmut angesichts der katastrophalen Sicherheitslage weiter zunimmt.

Ein Mitglied des Zentralkommandos, das wegen der Vertraulichkeit des Papiers nicht genannt werden will, wird in der "New York Times" zitiert: "Seit dem Angriff auf die schiitische Moschee in Samarra im Februar stehen wir näher am Chaos als am Frieden." Als Hauptgrund für die erhöhte Gefahrenlage wird die zunehmende Aktivität von Milizen genannt und die ungenügenden Fähigkeiten irakischer Sicherheitskräfte.

Ein Sprecher des Zentralkommandos verweigerte jeden Kommentar: "Wir äußern uns nicht zu Geheimpapieren." Das Dokument mit den brisanten Daten wurde am 18. Oktober fertiggestellt, drei Tage vor einem Treffen Abizaids mit Pentagon-Chef Donald Rumsfeld.

asc

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