Geheimdienst-Affäre Poloniumspuren auch bei Litwinenkos Kontaktmann und Witwe

Zwei weitere Polonium-Fälle in London: Der Geheimdienstexperte Scaramella kam ebenfalls mit der strahlenden Substanz in Kontakt - er war der italienische Kontaktmann des inzwischen verstorbenen Kreml-Kritikers Litwinenko. Auch bei der Witwe des Russen wurden Polonium-Spuren gefunden.

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Hamburg - Bei zwei weitere Personen im Umkreis des verstorbenen russischen Ex-Spions Alexander Litwinenko sind Spuren von Polonium-210 im Körper gefunden worden. Dabei handelt es sich um Mario Scaramella, einen italienischen Kontaktmann Litwinenkos, und der Witwe des Toten, Marina Litwinenko.

Wichtiger Zeuge: Mario Scaramella steht unter Polizeischutz
REUTERS

Wichtiger Zeuge: Mario Scaramella steht unter Polizeischutz

Scaramella und Litwinenko hatten sich am 1. November getroffen - das war der Tag, an dem der Exil-Russe erkrankte. Scaramella zeige jedoch keine Anzeichen einer Vergiftung, teilte das Londoner University College Hospital mit, in dem Scaramella untersucht wurde. Er sei deutlich weniger Polonium-210 ausgesetzt gewesen als Litwinenko. Der italienische Senator Paolo Guzzanti sagte nach einem Gespräch mit dem Anwalt des Italieners, Scaramella sei sehr deprimiert. "In seinem Urin wurde zwar offensichtlich nur sehr, sehr wenig Strahlung festgestellt, aber die Ärzte machen sich trotzdem Sorgen."

Die Gesundheitsbehörde teilte mit, auch eine Verwandte Litwinenkos sei radioaktiver Strahlung ausgesetzt gewesen. Es handelt sich um die Witwe, Marina Litwinenko. Kurzfristig bestehe aber keine Gefahr für ihre Gesundheit. Die Mengen seien so gering, dass auch langfristig nur von einem sehr leicht erhöhten Erkrankungsrisiko ausgegangen werde. Die Frau befinde sich nicht im Krankenhaus. Der britische Innenminister John Reid sagte dem Sender Sky News: "Es handelt sich um einen Bruchteil der tödlichen Dosis, die Herr Litwinenko hatte."

Der "Times" zufolge haben die Ermittler im Fall Litwinenko eine weitere Spur: Demnach hat Litwinenkos Freund Alex Goldfarb Scotland Yard Briefe ausgehändigt, aus denen hervorgeht, dass der Kreml-Kritiker und weitere Personen das Ziel eines Geheimkommandos waren. Goldfarb zufolge stammen die beiden Schreiben von dem früheren russischen Agenten Michail Trepaschkin. In einem der beiden Briefe warne Trepaschkin Litwinenko: Seine Familie und er seien in Gefahr. Der Brief trägt das Datum 20. November. Drei Tage später starb der Adressat an seiner schweren Vergiftung.

Einen der beiden Briefe will Goldfarb dem Bericht zufolge selbst erhalten haben. Zwei Tage nach dem Tod Litwinenkos. Darin bietet sich Trepaschkin als Zeuge für die Ermittlungen an.

Ein Plan für Profis

Der Briefschreiber arbeitete der "Times" zufolge wie Litwinenko früher für den KGB-Nachfolger FSB. 1997 sei er ausgestiegen. Vor zwei Jahren waren Vorwürfe gegen ihn laut geworden, er sei ein britischer Spion. In den Briefen gebe er an, dass er aufgefordert worden sei, sich an dem Komplott gegen Litwinenko zu beteiligen, heißt es in dem Bericht weiter. Er habe das aber abgelehnt.

Eine Stellungnahme von Scotland Yard gibt es zu den Briefen nicht. Allerdings hatte es am Morgen bereits britische Pressemeldungen gegeben, wonach sich die Ermittler bei der Spurensuche inzwischen immer mehr auf Verdächtige in Russland konzentrieren. Demnach steht eine Gruppe jetziger und ehemaliger Mitglieder des russischen Geheimdienstes FSB im Fokus. Scotland Yard halte es für wahrscheinlich, dass der Exilrusse Opfer eines Komplotts wurde. Ein Mordauftrag des Kremls gelte inzwischen als ausgeschlossen.

Im "Guardian" hieß es, Litwinenko könne von "Schurkenelementen" aus dem russischen Staatsapparat getötet worden seien. Ermittler hätten der Zeitung gegenüber ihren Verdacht damit begründet, dass nur Profis in Russland Zugang zu staatlichen Nuklearlabors hätten und einen solchen Plan austüfteln könnten.

Behörden in Moskau stützen diese These. Polonium-210 könne in Russland nicht illegal beschafft werden. "Alle Atom- und Forschungsreaktoren sind Staatseigentum und stehen unter strenger Kontrolle der Regierung", sagte der Chef der Atomenergie-Behörde, Sergei Kirijenko, der Regierungszeitung "Rossiiskaja Gaseta". Im Land würden pro Monat nur acht Gramm der Substanz hergestellt, die über die einzig autorisierte Handelsfirma Techsnabexport in die USA ausgeführt würden. Zur Herstellung der Substanz seien bestimmte Reaktoren nötig, die nur in Russland und Kanada gebaut würden.

Anfrage beim FBI

Wie es im "Guardian" weiter heißt, haben die Ermittler eine Gruppe von fünf Russen ausgemacht, die mit vielen anderen Fußball-Fans aus Moskau in die britische Hauptstadt gereist war, um sich das Champions-League-Spiel Arsenal London gegen ZSKA Moskau am 1. November anzusehen - an diesem Tag begann das qualvolle dreiwöchige Sterben Alexander Litwinenkos. Schon kurz nach dem Spiel reisten die fünf wieder ab. Dem Bericht zufolge sucht die Polizei die Gruppe lediglich als Zeugen. Doch glaubten die Ermittler, ihre Anwesenheit in London könne der Schlüssel zur Lösung des Falles sein.


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Laut BBC liegt inzwischen bei der US-Bundespolizei FBI eine Anfrage um Unterstützung aus London vor. Die amerikanischen Experten für Massenvernichtungswaffen sollen demnach bei den Ermittlungen und wissenschaftlichen Analysen helfen.

Wichtige Informationen versprechen sich die Ermittler von der Obduktion. Eine Gruppe von gleich drei Pathologen hat sich heute des Leichnams von Alexander Litwinenko angenommen: Einen stellt die britische Regierung, einen beauftragte Litwinenkos Witwe Marina und der dritte ist ein unabhängiger Experte. Um sich nicht zu kontaminieren, tragen die Ärzte Schutzkleidung. Die Strahlungsbelastung wird während der Untersuchung permanent gemessen.

Mit der Obduktion im Royal London Hospital soll letztendlich geklärt werden, wie und in welcher Menge das tödliche Polonium-210 in den Körper des Kreml-Kritikers gelangt ist. Erste Ergebnisse soll es möglicherweise noch heute geben. Genaue Analysen können Wochen in Anspruch nehmen.

mit dpa/Reuters/AP



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