SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

20. März 2008, 16:24 Uhr

Geheimdienst-Debakel vor dem Irak-Krieg

"Der BND war unehrlich"

"Unehrlich, unprofessionell und verantwortungslos": David Kay, einstiger US-Chefwaffeninspekteur im Irak, erhebt schwere Vorwürfe gegen den Bundesnachrichtendienst. Im SPIEGEL-Interview schildert er, wie BND-Informant "Curveball" half, den Krieg zu rechtfertigen - mit Lügengeschichten.

SPIEGEL: Sie waren derjenige, der nach dem Sturz Saddams als Chef der Iraq Survey Group den Erzählungen von "Curveball" nachging. Erinnern Sie sich, wann Sie das erste Mal misstrauisch wurden?

Kay: Klar, das war für mich ein echtes Schockerlebnis: Es war in dem Moment, als mir klar wurde, dass bislang kein einziger amerikanischer Geheimdienst direkt mit der Quelle gesprochen hatte. Ich konnte es damals nicht fassen, und ich kann es bis heute nicht. Damals habe ich sofort darauf gedrungen, das endlich nachzuholen.

SPIEGEL: Hat der Bundesnachrichtendienst (BND) Sie vor Ihrer Irak-Mission gebrieft?

Kay: Wo denken Sie hin? Das Verhältnis zwischen der CIA und dem BND war vergiftet, es war geradezu unterirdisch schlecht. Die Deutschen haben uns ja nicht einmal den Klarnamen ihrer Quelle herausgegeben, was für die CIA in Deutschland zu einer ziemlich peinlichen Panne führte.

SPIEGEL: Nämlich?

Kay: Amerikanische Agenten suchten "Curveball" in Deutschland auf eigene Faust. Sie fanden dann auch einen jungen Iraker, nur war es leider der Falsche, und der rief prompt die deutsche Polizei.

SPIEGEL: Das Argument der Deutschen war doch einleuchtend: "Curveball" hasste angeblich Amerika. Eine Konfrontation mit dem amerikanischen Geheimdienst wäre demnach ein Vertrauensbruch gewesen.

Kay: Wie wir heute wissen, war das alles Quatsch. Erstens hatten wir Mitarbeiter, die fließend deutsch sprechen und locker als Deutsche durchgegangen wären. Und dann haben wir uns seinen Namen ja relativ unproblematisch über einen Umweg besorgen können und seine Familie in Bagdad besucht. Seine Mutter hat meinen Leuten sogar erzählt, ihr Sohn habe geplant, in die USA zu gehen, in seinem alten Jugendzimmer hingen noch die Poster von US-Popstars.

SPIEGEL: Offenbar waren Sie der Erste, der "Curveballs" Angaben zur eigenen Lebensgeschichte nachprüfte...

Kay: ...was einfach nur unglaublich ist. Er war ein Überläufer, verflixt noch mal, und der BND hat seine Informationen für so wertvoll erachtet, dass er sie mit internationalen Partnern teilte. Das werfe ich dem BND wirklich bis heute vor: Er war offensichtlich selbst nicht willens oder in der Lage, diese Quelle richtig einzuschätzen. Und die Deutschen haben es durch ihre Zugangsblockade auch ihren Partnern faktisch unmöglich gemacht. Ich muss es so deutlich sagen: Für mich hat der BND auf ganzer Linie versagt, von einem professionellen Nachrichtendienst erwarte ich etwas anderes.

SPIEGEL: Haben Sie dafür eine Erklärung?

Kay: Mir hat man damals gesagt, es gebe massive Spannungen zwischen den beiden Regierungen, und der BND stehe unter politischem Druck. Andererseits gibt es auch unter Geheimdiensten so etwas wie Gepflogenheiten. Wenn man mir wenigstens gesagt hätte, wir würden ja gerne, aber Bundeskanzler Schröder will es nicht, hätte ich das noch verstanden. Aber uns diese Amerika-Hasser-Geschichte aufzutischen, das war unehrlich, unprofessionell und verantwortungslos.

SPIEGEL: Wollen Sie unterstellen, der BND wollte Sie bewusst hinters Licht führen? Zumindest im Dienst hat man der Quelle doch offenbar geglaubt.

Kay: Darüber habe ich habe lange nachgedacht, und bin letztlich zu einer simplen Erklärung gekommen. Wenn ein Geheimdienst Erfahrungen mit schwierigen Überläufern hat, dann ist es der BND. Die meisten sowjetischen Überläufer sind zuerst bei den Deutschen angelandet. Aber genau die Leute, die sich mit solchen schwierigen Kandidaten auskennen, hatten mit "Curveball" nichts zu tun. Er wurde von Analysten betreut, von Wissenschaftlern. Alles Leute, die sich mit Quellenführung nicht auskennen. Und genauso war es bei uns, in den USA. Innerhalb der CIA wurden seine Informationen von Waffentechnologie-Spezialisten ausgewertet. Dazu kommt, dass es einfach den Wunsch gab, die Geschichte zu glauben. Man wollte die Geschichte glauben, unbedingt.

SPIEGEL: Sie haben im Irak dann festgestellt, dass "Curveballs" Geschichte in sich zusammenfiel. Wie reagierte die CIA-Spitze auf diese brisanten Neuigkeiten?

Kay: Mit Unglauben. Es war eine Art Realitätsverweigerung. Und es gab eine Menge flotter Sprüche wie: "Ihr habt einfach noch nicht hart genug gearbeitet, da wird sich schon noch was finden."

SPIEGEL: Es fand sich aber nichts.

Kay: Nein, und meine E-Mails wurden immer unfreundlicher. In Bagdad herrschte Krieg, meine Jungs riskierten jeden Tag ihr Leben, und die Deutschen weigerten sich immer noch, uns zur Quelle vorzulassen. Als wir dann endlich grünes Licht bekamen, wurde es noch schlimmer.

SPIEGEL: Inwiefern?

Kay: Ich habe zwei meiner besten Leute losgeschickt, sie waren zwei Wochen unterwegs. In Deutschland durften sie dann einer "Curveball"-Vernehmung zuschauen, die mit einer Videoanlage in ein Nebenzimmer übertragen wurde. Sie hatten vorher Fragen eingereicht, aber sie durften keine Nachfragen stellen. Meine beiden Mitarbeiter waren deshalb stocksauer. Trotzdem reichte es aus, uns in dem Verdacht zu bestätigen, dass "Curveball" ein Hochstapler ist.

SPIEGEL: Hätte es überhaupt etwas geändert, wenn "Curveball" schon früher als Lügner überführt worden wäre? Die US-Regierung war doch so oder so zum Krieg fest entschlossen.

Kay: Die Regierung vielleicht schon, aber unterschätzen Sie nicht, dass sie dafür auch die Zustimmung des Kongresses brauchte. Ob die Abgeordneten ihre Zustimmung gegeben hätten, wenn sie gewusst hätten, dass weder die rollenden Bio-Giftküchen existieren noch die Verbindungen zur al-Qaida? Nein, ich bin ziemlich sicher, das Abstimmungsergebnis wäre anders ausgefallen. Ich glaube, es wäre ohne die falschen Geheimdienstinformationen wesentlich schwerer geworden, diese Nation in den Krieg zu führen.

SPIEGEL: Was kann man aus der "Curveball"-Misere lernen?

Kay: Ich bin da ziemlich desillusioniert. "Curveball" war das größte und folgenreichste Geheimdienstfiasko, das ich je erlebt habe. Es zeigt, wie wichtig eine effektive Kontrolle der Geheimdienste ist - denn ihre Verschlossenheit ist gefährlich für die Demokratie. In einem Nachrichtendienst werden unauffällige Ja-Sager belohnt. Deshalb fürchte ich, dass uns solch folgenreiche Pannen immer wieder passieren können.

Das Interview führten John Goetz und Marcel Rosenbach

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH