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Geheimdienst-Hilfen für Gaddafi: Rebellen-Offizier erwägt Klage gegen USA und Großbritannien

Abdel Hakim Belhadsch führt die Rebellentruppen in Libyen, er ist Verbündeter der westlichen Alliierten. Früher jedoch galt er den USA und Großbritannien als Gegner. Geheimdienste beider Länder sollen sogar seine Auslieferung an Gaddafi unterstützt haben - jetzt erwägt Belhadsch eine Klage.

Libyscher Rebell Belhadsch: "Was mir passiert ist, war illegal" Zur Großansicht
Getty Images

Libyscher Rebell Belhadsch: "Was mir passiert ist, war illegal"

London - Die Regierungen in London und Washington werden von ihrer Libyen-Vergangenheit eingeholt: Ein Anführer der Rebellentruppen hat von den USA und Großbritannien eine Entschuldigung gefordert. Zuvor war bekannt geworden, dass Geheimdienste beider Länder bei seiner Festnahme geholfen haben sollen. "Was mir passiert ist, war illegal und verdient eine Entschuldigung", sagte Abdel Hakim Belhadsch der britischen BBC.

Der Zeitung " The Guardian" sagte Belhadsch, er erwäge Klagen gegen beide Länder. Trotz allem werde die neue Führung des Landes mit den USA und Großbritannien künftig "geregelte Beziehungen" führen.

Der britische und der amerikanische Geheimdienst sollen in der Vergangenheit in mehreren Fällen mit dem Gaddafi-Regime kooperiert haben. Am Wochenende war bekannt geworden, dass der US-Geheimdienst CIA sowie die britischen Behörden Libyen bei der Gefangennahme und Überstellung Belhadschs geholfen haben sollen.

Schlafentzug und ständiger Lärm

Der Oppositionelle war den aus den Archiven der libyschen Geheimdienste zutage geförderten Dokumenten zufolge im Jahr 2004 in Bangkok gefasst und nach Libyen gebracht worden. Dort saß er nach eigenen Angaben sieben Jahre im Gefängnis und wurde "regelmäßig gefoltert". So habe es etwa Schlafentzug und ständigen Lärm gegeben.

Belhadsch war einst der Anführer einer extremistischen Islamistengruppe, die gegen das Regime von Muammar al-Gaddafi kämpfte. Mitte der neunziger Jahre floh er aus Libyen und zog von Land zu Land, bis er 2004 aufgegriffen und nach Thailand gebracht wurde. Dort sei er von der CIA gefoltert worden, sagt Belhadsch. Der US-Geheimdienst selbst will zu den Vorwürfen Belhadschs keine Stellung nehmen. Laut einem Bericht der britischen "Times" soll er auch von Mitarbeitern des britischen Geheimdienstes befragt worden sein.

Der Rebellenkommandant selbst sagt, dass er davon ausgehe, seine Verhaftung sei als Reaktion auf die - wie er es nennt - "tragischen Ereignisse vom 11. September" zu sehen. Nach den Folterungen sei er in das libysche Gefängnis Abu Salim gebracht worden, in dem das Gaddafi-Regime viele politische Gefangene eingesperrt hatte. Doch im März 2010 ließ ihn die Regierung samt 33 weiteren Mitgliedern der Libyschen Islamischen Kampfgruppe frei. Anlässlich einer Initiative des Gaddafi-Sohns Saif al-Islam, schwor Belhadsch der Gewalt ab. Doch als im Februar die Proteste gegen Gaddafi aufkamen, dauerte es nicht lange, bis Belhadsch in den Bergen im Westen mit der Ausbildung von Kämpfern begann.

Rebellen wollen Bani Walid angreifen

Die Kämpfe gegen die letzten Gaddafi-Getreuen in Libyen gehen weiter. Derzeit rüsten sich die Rebellen für einen Angriff auf die Wüstenstadt Bani Walid, nachdem Verhandlungen über eine friedliche Übergabe der Gaddafi-Hochburg gescheitert sind. Verhandlungsführer Abdallah Kenschil sagte am Sonntag, die Gespräche unter Vermittlung von Stammesführern seien beendet worden und würden auch nicht wieder aufgenommen.

Vertreter der neuen Führung hatten tagelang versucht, die Kämpfer an der Seite des langjährigen Machthabers in Bani Walid zum Aufgeben zu bewegen. Die Gaddafi-Gegner betonten, sie wollten eine friedliche Übergabe erreichen. Am Sonntagabend erklärte Kenschil die Verhandlungen dann für gescheitert. Gaddafi-Getreue hätten gefordert, dass die Vertreter der neuen Führung unbewaffnet nach Bani Walid kämen, was wegen einer möglichen Falle eines Hinterhalts aber abgelehnt worden sei.

Den Gaddafi-Getreuen in Bani Walid sei zuvor versichert worden, dass sie fair behandelt würden, wenn sie sich ergäben, sagte Kenschil. Er schätzte die Zahl der "schwerbewaffneten" Kämpfer in der Wüstenstadt auf bis zu 50. Auf die Frage, ob die Gaddafi-Gegner die Stadt nun angreifen würden, sagte Kenschil, er überlasse es dem Kommandeur der Kämpfer, "mit dem Problem umzugehen". Er als Verhandlungsführer habe "nichts weiter anzubieten".

Bani Walid ist eine Hochburg des mächtigen Warfalla-Stamms, der Gaddafi die Treue hält. Kenschil sagte, Gaddafi, seine Söhne und viele Vertraute seien in Bani Walid gewesen. Viele seien entkommen, doch unter anderem soll sich sein Sohn Saadi immer noch in der rund 180 Kilometer südöstlich von Tripolis gelegenen Stadt aufhalten. Auch Gaddafis früherer Sprecher Mussa Ibrahim halte sich noch dort auf. "Sie wollen die Stadt als ihre Festung nutzen."

Bereits zuvor hatte der Kommandeur des Kontrollpostens Tschitschan rund 70 Kilometer nördlich von Bani Walid die Gespräche für beendet erklärt. "Diese Leute sind nicht ernst zu nehmen", sagte Mohammed al-Fassi. "Sie haben uns zweimal versprochen, aufzugeben und diese Versprechen nicht eingehalten." Die Kämpfer würden sich jetzt auf einen Angriff vorbereiten.

hen/AFP/Reuters/dapd

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insgesamt 213 Beiträge
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1. Bravo NAVO!
...und gut ist`s 05.09.2011
Das sind die tollen, neuen Freunde, die wir uns selbst ausgesucht haben. Die sollten wir bei ihrem weiteren Bemühen um eine gerechtere Welt unterstützen, auch wenn es gegen uns gerichtet ist. Gerechtigkeit kennt keine Werte, außer der Gerechtigkeit.
2. Tohuwabohu
moliebste 05.09.2011
Der Kommandeur der Rebellen in Tripolis will USA und UK verklagen, der Kommandeur der feb17.-Brigaden das gesamte NTC-Kabinett absägen. Die Warfallah stellen sich zum Kampf. In Tripolis wird wieder gekämpft. Das ist schon Tohuwabohu genug. Und jetzt auch noch das: Wie die arabische Ausgabe von www.echoroukonline.com/ara/international/83408.html berichtet, ist ein Attentat auf den Diktator von Katar verübt worden. Acht seiner Schergen sind tot, er selbst habe einen Schuß in einen Oberschenkel abbekommen. Eine erste Anzahlung für die Zeche in Libyen ?
3. So langsam....
HolyGhost 05.09.2011
...lichtet sich das Dickicht und die vermeintlichen Menschenfreunde aus den USA und GB werden mit ihren inhumanen Aktionen aus der jüngsten Vergangenheit konfrontiert. Man darf davon ausgehen, dass Belhadsch nur deswegen in libyscher Haft landete, weil das von Gaddafi im Rahmen seiner "Rehabilitation" verlangt wurde. Wäre er tatsächlich der "Menschenfresser" als der er hier immer dargestellt wird, dürfte Belhasch wohl nicht mehr leben. Es war klar, dass solche und ähnliche Durchstechereien den Heuchlern aus der "Willigen-Fraktion" irgendwann mal auf die eigenen Füsse fallen. Es zeigt sich auch, was von den hehren Versprechungen dieser "Rebellen" zu halten ist. Schon heute beissen sie die Hand, die sie gestern noch gefüttert hatte. Afghanistan lässt grüssen !
4. ,,,
Rodri 05.09.2011
Die USA, GB und FRA werden es noch bitter bereuen, wen sie da an die Macht gebombt haben !
5. Gleich drei Witze in einem SPON-Artikel
Rainer_H 05.09.2011
Zitat von sysopAbdel Hakim Belhadsch führt die Rebellentruppen in Libyen, er ist Verbündeter der westlichen Alliierten. Früher jedoch galt er den USA und Großbritannien als Gegner. Geheimdienste beider Länder sollen sogar seine Auslieferung an Gaddafi unterstützt haben - jetzt erwägt Belhadsch eine Klage. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,784326,00.html
1. Da will jemand gegen die USA und GB klagen. Das würde ich auch gern tun, aber wegen Verletzung der UN-Resolution 1973, Angriffskrieg und Massenmord. 2. Da bezeichnet jemand ernsthaft den Lärm im libyschen Gefängnis, den er sieben Jahre aushalten musste, als "Folter". Vielleicht sollte ich mal gegen meine Wohnungsbaugesellschaft eine Klage wegen Folter einreichen, da die Betonwände zu dünn sind. 3. Da schätzt jemand die Zahl der "schwerbewaffneten" Kämpfer in der Wüstenstadt Bani Walid auf bis zu 50. Damit dürfte die Rebellenarmee doch kein Problem haben.
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Party in Tripolis: "Wir sind frei, frei, frei!"

Fläche: 1.676.198 km²

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Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt und Regierungschef:
Fayez Sarraj (Präsident des Präsidialrates)

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