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Geheimdienstdebakel in Libyen: "Trottel in der Wüste"

Von , London

Erst wurden drei holländische Soldaten bei einer Geheimoperation in Libyen festgenommen, nun ist auch noch ein James-Bond-ähnlicher Einsatz der britischen Eliteeinheit SAS schiefgegangen. Die Pannenaktionen zeigen, wie schwierig jede Einmischung des Westens in den Konflikt ist.

Britischer Chinook-Helikopter in Malta: Mission im Stil von James Bond Zur Großansicht
REUTERS

Britischer Chinook-Helikopter in Malta: Mission im Stil von James Bond

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. "Trottel in der Wüste", höhnte der "Guardian" nach der aufgeflogenen Geheimoperation der britischen SAS-Elitesoldaten in Libyen am Wochenende. "Die Truppe kam im Stil von James Bond per Helikopter - und ging eher konventionell per Schiff."

Ein "diplomatisches Desaster" konstatierte die BBC, und die "Daily Mail" schimpfte über die "Farce", die Großbritannien zum "Gespött" gemacht habe.

Die Operation war tatsächlich gründlich schiefgegangen. Im Schutz der Dunkelheit war am Freitagmorgen ein Chinook-Hubschrauber mit sieben Soldaten der britischen SAS-Spezialeinheit und einem Agenten des britischen Auslandsgeheimdienstes südwestlich der libyschen Stadt Bengasi gelandet.

Angeblich, so stellte es die britische Regierung dar, sollte "das kleine diplomatische Team" Kontakt zu den libyschen Rebellen in der Gegend aufnehmen. Das taten sie dann auch - wenn auch anders als erwartet. Die Rebellen hatten das Hubschraubergeräusch gehört, feuerten Warnschüsse und stellten die schwarz gekleideten Eindringlinge zur Rede, als diese sich auf den Weg zum Treffpunkt mit einem lokalen Kontaktmann machten.

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Libyen: Rauchwolken, Wüstenkämpfe und Victory-Zeichen
Laut "Telegraph" gaben die SAS-Männer im Gespräch mit den Rebellen zunächst an, unbewaffnet zu sein. Bei einer Durchsuchung ihrer Taschen kamen dann jedoch Waffen, Aufklärungstechnik und falsche Pässe von mehreren Staaten zum Vorschein. Die Rebellen zeigten sich verärgert über die Nacht-und-Nebel-Aktion und die versuchte Täuschung. Die britischen Soldaten wurden festgenommen, vernommen und am Sonntag wieder freigelassen. Ein britisches Kriegsschiff brachte sie von Bengasi nach Malta.

Die Londoner Medien fragen sich nun, warum die eigenen Regierungsvertreter bei Nacht in der Wüste landen mussten, wenn sie doch am helllichten Tag einfach von der Gangway eines in Bengasi ankernden britischen Kriegsschiffes hätten spazieren können. Auch gibt es längst Kontakte zu den Rebellen. "Vielleicht", so der "Guardian", "konnten sie der Versuchung nicht widerstehen, eine Operation durchzuführen, die echt verwegen klingen würde, wenn die Medien darüber berichteten."

Britischer Botschafter: SAS war auf Hotelsuche

Stattdessen kann nun Diktator Muammar al-Gaddafi sich über neues Propagandamaterial freuen. Im libyschen Staatsfernsehen läuft die Aufnahme eines Telefongesprächs zwischen einem kleinlauten britischen Botschafter und einem Sprecher der Rebellen in endloser Wiederholung.

"Es war ein schwerer Fehler, mit einem Hubschrauber in offenem Gelände zu landen", sagt der Rebellensprecher zum Botschafter, der gerade in London weilt. "Ich wusste nicht, dass sie kommen", entschuldigt sich der Botschafter lahm. Es sei auch nur ein Vorauskommando gewesen, das nach geeigneten Hotels für eine Delegation suchen sollte.

Was bei Satire-Fans in Großbritannien für schallendes Gelächter sorgt, wird in Libyen von Gaddafi geschickt zum eigenen Vorteil verwertet. Die Rebellen zeigten sich auch deshalb so erbost über die britische Operation, weil sie ihre eigene Glaubwürdigkeit untergräbt. Libyen sei ein souveränes Land und erwarte, dass die Grenzen von allen respektiert würden, betonte ein Sprecher des Nationalrats, der Rebellenvertretung in Bengasi. Zur Strafe konfiszierten sie den Hubschrauber und die Waffen der Briten.

Der missglückte SAS-Einsatz ist bereits die zweite Pannenaktion westlicher Soldaten, nachdem vergangene Woche drei holländische Marines bei einer Geheimoperation festgenommen wurden. Die Holländer waren in die Hände von Gaddafis Truppen gefallen, als sie mit einem Lynx-Helikopter von der Fregatte "MS Tromp" nahe der Stadt Sirte zwei westliche Staatsbürger evakuieren wollten. Nähere Details sind nicht bekannt, die drei Soldaten sind weiter in libyscher Haft.

Beide Operationen zeigen, wie schwierig jegliche westliche Intervention in den Bürgerkrieg ist. In beiden Fällen hieß der Gewinner am Ende Gaddafi, der die Gelegenheit nutzte, die Einmischung von außen zu verdammen. Das ist einer der Gründe, warum viele westliche Regierungen vor der Einrichtung einer Flugverbotszone über Libyen zurückschrecken.

Die britische Regierung lässt sich jedoch nicht beirren. Sie will noch ein zweites Team nach Libyen schicken, um den Kontakt zu den Rebellen zu vertiefen. "Dieses Mal", mutmaßte BBC-Verteidigungskorrespondent Frank Gardner, "werden sie jedoch durch die Vordertür kommen".

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1. .
ThomasPr, 07.03.2011
Zitat von sysopErst wurden drei holländische Soldaten bei einer Geheimoperation in Libyen festgenommen, nun ist auch noch ein James-Bond-ähnlicher Einsatz der britischen Eliteeinheit SAS schiefgegangen. Die Pannenaktionen zeigen, wie schwierig jede Einmischung des Westens in den Konflikt ist. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,749461,00.html
...nö, sie zeigen, daß anscheinend nur die 2. Garnitur hingeschickt wurde.
2. --
Baracke Osama, 07.03.2011
Zitat von ThomasPr...nö, sie zeigen, daß anscheinend nur die 2. Garnitur hingeschickt wurde.
Es steht Ihnen frei sich zu melden.
3. Dumm gelaufen
lemming51 07.03.2011
Zitat von sysopErst wurden drei holländische Soldaten bei einer Geheimoperation in Libyen festgenommen, nun ist auch noch ein James-Bond-ähnlicher Einsatz der britischen Eliteeinheit SAS schiefgegangen. Die Pannenaktionen zeigen, wie schwierig jede Einmischung des Westens in den Konflikt ist. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,749461,00.html
Tja, dumm gelaufen das. Nun bin ich mal gespannt, wann das allgemeine empörte Genöle über " imperialistische Machenschaften" der kapitalistischen Staaten, über die verwerfliche Einflussnahme des konzerngesteuertem Monopolkapitalisten in den berechtigten Freiheitskampf der unterdrückten arabischen Massen losgeht....................
4. Geheimdienstdebakel in Libyen: "Trottel in der Wüste
moosbüffel 07.03.2011
was für die einen elitesoldaten sind, sind für andere leichte beute. nicht jede ausbildung ist gleich gut.
5. Trottel
niepmann 07.03.2011
Ist doch alles ok! Es ist wirklich richtig, Trottel in die Wüste zu schicken! Schief gelaufen ist, dass dieser Vorgang wohl viel Geld gekostet hat. Ich könnte das zum Nulltarif erledigen, aber mich fragt ja keiner .............
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Libyen: Städte, Ethnien, Ölleitungen

Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Akila Salih Issa

Regierungschef: Fayez al-Sarraj (nominiert)

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