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Geheimdienste: Ärzte rätseln über Vergiftung des Ex-KGB-Agenten Litwinenko

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Alexander Litwinenko ringt mit dem Tod. Die Ursache seines Leidens ist weiter unklar. Am Abend teilte sein Arzt mit, der russische Ex-Spion sei nicht wie vermutet mit radioaktivem Thallium vergiftet worden. Kurz vor seiner Erkrankung hatte Litwinenko eine Todesliste eines italienischen Informanten, auf der auch sein Name stand, als unseriös erachtet.

Hamburg - "Unsere Behörde betrachtete Gift als Waffe, genau wie eine Pistole." Worte aus dem Mund von Alexander Litwinenko, 43. Fast zwei Jahre ist es her, dass der frühere russische Agent in der "New York Times" die Methoden seines einstigen Arbeitgebers, des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB und seines Vorgängers KGB, beschrieb, sich seiner Widersacher zu entledigen. Seinerzeit, im Dezember 2004, spekulierte die Welt über die Ursachen der Dioxinvergiftung von Wiktor Juschtschenko. Vier Wochen setzte das Gift, vermutlich ins Abendessen gemischt, den damaligen ukrainischen Präsidentschaftskandidaten außer Gefecht. Sein Gesicht war gelähmt, schwoll an und vernarbte, seine Organe waren entzündet.

Jetzt hat es Litwinenko selbst getroffen. Mit einer Überlebenschance von 50 Prozent liegt er in einem Londoner Krankenhaus, sein Immunsystem zerstört, die Nieren schwer geschädigt, die Haare ausgefallen - vielleicht rettet nur eine Knochenmarktransplantation sein Leben. Dass er Opfer der Waffe seines früheren Dienstherrn geworden ist, dessen sind er und seine Vertrauten sich sicher.

Seine Ärzte teilten heute zunächst mit, der Ex-Agent sei möglicherweise mit radioaktivem Thallium vergiftet worden. "Die Radioaktivität beschädigt die Zellen, seine weißen Blutkörperchen sind auf Null gefallen", sagte der Toxikologe John Henry vor Journalisten in London. "Ich habe bei Thallium noch nie einen schlimmeren Fall gesehen." Vielleicht könne die genaue Ursache der Vergiftung nie geklärt werden, fügte der Mediziner hinzu. Radioaktives Thallium habe eine kurze Halbwertzeit, daher könnten die Spuren in seinem Körper bereits verschwunden sein. Später teilte der behandelnde Arzt Amit Nathwani mit, der Patient sei vermutlich nicht mit Thallium vergiftet worden. Der genaue Grund für die Vergiftung müsse noch geklärt werden.

Anfang dieses Monats war Litwinenko in die Klinik eingeliefert worden. Nach einem Treffen mit dem italienischen Geheimdienstexperten Mario Scaramella, in seinem Stamm-Restaurant, einem Sushi-Laden, hatte er über Vergiftungserscheinungen geklagt. Zuvor war Litwinenko mit zwei Russen zum Tee verabredet.

Moskau bestreitet jede Verwicklung und weist Anschuldigungen als "puren Unsinn" zurück. Litwinenko recherchiert im Fall der ermordeten Anna Politkowskaja. Für den Tod der regierungskritischen Journalistin, die im Oktober im Treppenhaus ihres Wohnhauses erschossen worden war, hatte er zuletzt Wladimir Putin persönlich verantwortlich gemacht.

Litwinenko ist aber schon lange einer der schärfsten Kritiker des russischen Präsidenten. Vor fast genau sechs Jahren behaupteten FSB-Leute auf einer Pressekonferenz, den Befehl zur Ermordung des Oligarchen Boris Beresowski erhalten zu haben. Litwinenko war der einzige, der dabei unmaskiert auftrat. Er wurde zunächst verhaftet und vom damaligen FSB-Chef Putin aus dem Geheimdienst entlassen.

Nach seiner Flucht nach London warf Litwinenko dem FSB vor, hinter den blutigen Anschlägen auf Moskauer Appartmenthäuser zu stecken, um dem Kreml einen Vorwand für den zweiten Tschetschenien-Feldzug zu liefern. "Der FSB sprengt Russland", lautete der Titel des Buches, in dem seine Kritiker, die ihm den bezeichnenden Spitznamen "Skwosnjak" (Durchzug) gaben, allerdings stichhaltige Beweise vermissten. Finanzier war Putins Erzfeind Beresowski, der Litwinenko bereits zwei Mal im Krankenhaus besuchte. Beresowski genießt in London politisches Asyl, in Russland wartet wegen Korruption und Geldwäsche ein Haftbefehl auf ihn.

Litwinenko unter Polizeischutz

Während Litwinenko im University College Hospital unter Polizeischutz steht, hat die Anti-Terror-Abteilung von Scotland Yard die Ermittlungen übernommen. Sie sucht vor allem nach den beiden Russen, mit denen Litwinenko am Vormittag des 1. November in einem Hotel in der Innenstadt Tee getrunken haben soll, einer von ihnen ein Litwinenko bekannter Ex-KGBler, der andere ein Fremder. Die Namen sind den Ermittlern bekannt, mehr offenbar nicht.

Dafür gab Litwinenkos italienischer Informant Scaramella heute auf einer Pressekonferenz in Rom Details des Treffens im "Itsu"-Restaurant nahe dem Picadilly Circus preis. Scaramella erklärte, er habe E-Mails erhalten, in denen mehrere Männer aus St. Petersburg als Killer von Anna Politkowskaja identifiziert würden. Zudem liste der Verfasser weitere potentielle Anschlagsziele auf - darunter Scaramella, Litwinenko sowie der italienische Senator Paolo Guzzanti, der früher einer Parlamentskommission vorsaß, die KGB-Aktivitäten in Italien untersuchte.

Angaben über den Urheber der E-Mails machte Scaramella nicht, er sprach lediglich von einer "vertraulichen Quelle". In diesem Fall jedoch traute Scaramella den Informationen nicht, sondern hielt sie vielmehr für unseriös. Er entschloss sich eigenen Angaben zufolge, Litwinenko um Rat zu fragen. Dieser hatte Scaramella während seiner Zeit als Berater der Guzzanti-Kommission als Informant gedient.

Sie trafen sich in einem Sushi-Restaurant. Eine halbe Stunde habe man zusammen gesessen, Litwinenko bediente sich am Buffet, ließ sich eine Suppe servieren, er selbst, so Scaramella, aß nichts - die Mittagszeit war bereits vorbei. "Während unseres Treffens sah er völlig normal aus", sagte Scaramella. Was die Informationen über angeblichen Politkowskaja-Mörder und die beigefügte Todesliste mit seinem Namen anging, war Litwinenko der gleichen Meinung wie sein italienischer Partner: Er erachtete sie als unseriös und nicht zuverlässig. Zu diesem Zeitpunkt dürfte der Ex-Spion die lebensgefährliche Dosis Gift bereits im Körper gehabt haben, da die Ermittler nicht davon ausgehen, dass Scaramella den russischen Ex-Agenten vergiftete.

Als Scaramella Litwinenko wie verabredet am folgenden Tag zu Hause anrief, berichtete ihm dessen Frau von der schweren Erkrankung seines Kontaktmannes. Er habe den britischen Behörden seine volle Unterstützung bei der Aufklärung zugesichert, betonte Scaramella.

Treffen mit Politkowskaja im vergangenen Jahr

Die britische Tageszeitung "The Times" berichtete heute, dass sich Litwinenko zuletzt im vergangenen Jahr mit Anna Politkowskaja in London getroffen habe. Ihr Sohn Ilja, 26, sagte dem Blatt, er habe aber erst jetzt, nach dem Giftanschlag auf Litwinenko, erfahren, dass dieser den Tod seiner Mutter untersuche. "Ich weiß, dass sie ihn in London getroffen hat, aber sie war nicht in erster Linie seinetwegen dort", zitiert das Blatt Ilja Politkowsky. Die beiden seien seines Wissens nach keine engen Freunde gewesen und hätten auch nicht zusammengearbeitet.

Bislang habe Litwinenko auch keine Informationen über die Ermordung seiner Mutter an deren frühere Zeitung "Nowaja Gaseta" weitergeben. Das Blatt hat eine Belohnung für entsprechende Hinweise ausgeschrieben.

Wenige Monate vor ihrem letzten Treffen mit Litwinenko hatte Politkowskaja selbst einen mutmaßlichen Giftanschlag überlebt. Anfang September 2004 war sie auf dem Weg nach Nordossetien, wo sie über die Geiselnahme in der Schule in Beslan berichten wollte. Im Flugzeug brach sie bewusstlos zusammen. Zehn Minuten zuvor hatte sie ein Tasse Tee getrunken.

mit AP

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