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Geheimdienste: Iran noch Jahre von Atombombe entfernt

Von Yassin Musharbash und

Geheimdienste haben kaum Zweifel, dass Iran die Atombombe haben will. Unter idealen Bedingungen wäre eine Testzündung eventuell 2010 möglich. Aber für eine einsatzfähige Nuklearwaffe fehlen dem Land noch Know-how und Ressourcen.

Berlin - Wann ist eine Atombombe eine Atombombe? Militärexperten, Politiker und Geheimdienstanalysten mögen sich uneins darüber sein, ab wann man ein mit Misstrauen betrachtetes Land wie Iran am "Point of no return" angekommen sieht, an dem man es stoppen sollte oder überhaupt noch stoppen kann. Aber in einem sind sie sich einig: Die Fähigkeit, eine atomare Explosion herbeizuführen, ist nicht identisch mit der Kapazität, eine Atomwaffe einzusetzen.

Nukleareinrichtung in Natanz: Besuch vom Präsidenten
AFP

Nukleareinrichtung in Natanz: Besuch vom Präsidenten

Was Iran angeht, so ist es um die Möglichkeit zu ersterem allerdings besser bestellt als bislang angenommen. Das glauben zumindest der Bundesnachrichtendienst (BND) und die maßgeblichen israelischen Geheimdienste, der Auslandsdienst Mossad und derjenige des Militärs. Nach ihren Schätzungen könnte Iran innerhalb eines Zeitraums von rund einem Jahr einen Atombombentest durchführen - vergleichbar denen, die Nordkorea kürzlich ohne Ankündigung durchzog.

"Laut der gegenwärtigen Einschätzung des Mossad und des israelischen Militärgeheimdienstes", sagt der israelische Geheimdienstexperte Ronen Bergman, "hat Iran alle technischen Probleme im Zusammenhang mit Zusammenbau und Betrieb der Anreicherungszentrifugen gelöst, kann gering angereichertes Uran produzieren und ist theoretisch in der Lage, hochangereichertes Uran herzustellen."

Erste Testbombe 2010 möglich?

Wenn das Land mit der gegenwärtigen Geschwindigkeit fortfahre, so der Autor des Buchs "The Secret War with Iran", dann "könnte es Mitte 2010 genug hochangereichertes Uran für eine Testbombe haben."

Der BND, dessen Informationen freilich zum Teil ohnehin von den Israelis kommen dürften, sieht es ähnlich: "Der BND geht davon aus", so ein Sprecher zu SPIEGEL ONLINE, "dass Iran unter idealen Bedingungen bei einer Laufzeit von unter fünf Jahren in der Lage wäre, unter Laborbedingungen eine Uranbombe zu realisieren." Wenn Teheran es will, heißt das, könnte auch in Iran bald ein Berg glühen. Doch der BND macht eine wichtige Einschränkung: "Das wäre noch weit entfernt von einer Atombombe oder einem Waffensystem."

Mit Insiderwissen über das Uranprogramm tut sich der BND schwer, aber über die Gehversuche der Iraner bei der Entwicklung von Trägerraketen hat er einen ziemlich genauen Überblick: mehr als zehn Jahre lang, bis zum Sommer 2008, lieferte ein Spion mit dem Decknamen "Sindbad" geheime Informationen nach Pullach. Der Kaufmann mit iranischem und kanadischem Pass unterhielt in Gießen eine Firma für Import und Export und hatte Zugang zu hohen iranischen Stellen in mehreren Ministerien in Teheran. Mal übergab er Bilder von Tunnelbohrmaschinen, mal Details geheimer Lagerstätten, mal frische Papiere über den Fortschritt bei der Entwicklung von Trägertechnologie für nukleare Sprengköpfe. Im BND galt er als die beste aller Quellen mit Iran-Bezug.

Einblicke in die Raketentechnik dank "Sindbad"

Aufgrund von "Sindbads" Informationen weiß der BND, wie schwer sich die Mullahs bislang damit tun, einen nuklearen Sprengsatz auf jene Größe zu komprimieren, die von einer der iranischen Shahab-Raketen getragen werden kann. Erst dann wird eine Atombombe zu einer strategischen Waffe, die bedrohen und abschrecken gleichermaßen kann. Dank "Sindbads" Einblicken sind die BND-Leute allerdings auch überzeugt, dass Teheran genau das im Sinn hat.

Nur wie weit Iran dabei ist, vermag Pullach nicht mehr mit Sicherheit zu sagen. Denn "Sindbad" flog im vergangenen Frühjahr auf, nachdem er selbst verbotene Güter nach Teheran exportiert hatte; er wurde im Oktober 2008 festgenommen und in diesem Frühjahr verurteilt und anschließend nach Kanada abgeschoben. Die israelischen Dienste gehen laut Bergman derweil davon aus, dass dies nicht vor 2014 gelingen wird.

Die damaligen Ermittlungen des Zolls, die zur Festnahme des Spions führten, hatten freilich noch einen weiteren spektakulären Prozess zur Folge, in dem die Bundesanwaltschaft dem deutschen Graphit-Händler Hans-Josef H. vorwarf, 16 Tonnen des Spezialmaterials an Teheran geliefert zu haben. In diesem Verfahren, das mit einem Geständnis endete, wurde auch ein Experte des BND hinzugezogen.

Ein Netz von Tarnfirmen

Laut einem Bericht des Magazins "stern" äußerte sich der BND-Mann dabei auch über den mutmaßlichen Chef-Beschaffer Irans, Said Mohammed Hosseinian, einen der "meistgesuchten Männer weltweit", der "seit Jahren versucht, für Iran alles zu beschaffen, was das Land auf legalem Wege nicht bekommt." Hosseinian, laut "stern" verheiratet, etwa Ende 50 und Familienvater, soll zu diesem Zweck ein dichtes Netz von Tarnfirmen unterhalten.

Die Richtung, in die Iran marschiert, ist somit immer klarer: Zumindest die Kapazität für eine Atomwaffe will Teheran offensichtlich entwickeln. Die internationale Atomenergiebehörde IAEA geht davon aus, dass in der Nukleareinrichtung im iranischen Natanz allein 4920 Zentrifugen in Betrieb sind und über eine Tonne Uran produziert haben - theoretisch könnte daraus Material für ein bis zwei Sprengsätze gewonnen werden.

Aber nach dem Stand der Dinge eben Test-Sprengsätze, samt der umgebenden Konstruktion mindestens von der Größe eines Containers und als Waffe praktisch nicht einsetzbar.

Die Diskussion über den "Point of no return" hat mit diesen technischen Fragen allerdings nicht allzu viel zu tun. Sie fällt in die Sphäre der politischen Entscheidungen. Hinzu kommt, dass die Kalkulationen und Entscheidungen der Machthaber in Teheran auch für Nachrichtendienste oft undurchschaubar sind. Auch für Iran gibt es schließlich einen "Point of no return": Zündet das Land vor den Augen der Welt eine Test-Bombe, würde sich die politische Landschaft auf einen Schlag verändern. Ob Teheran das als Vorteil oder Nachteil gewichtet, ist nicht vorherzusagen.

Irans Atomprogramm
Streit
Iran unterzeichnete 1968 den Sperrvertrag für Atomwaffen . Dieser erlaubt die zivile Nutzung von Nuklearenergie und die dafür notwendige Forschung einschließlich der Urananreicherung .

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) mit Sitz in Wien kontrolliert die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrags; sie erstellt regelmäßig Berichte über das iranische Atomprogramm .

Der Uno-Sicherheitsrat hat in seiner Resolution 1696 vom 31. Juli 2006 Iran erstmals aufgefordert, die Anreicherung von Uran einzustellen; Teheran weigert sich unter Berufung auf den Atomwaffensperrvertrag.

Als Vermittler tritt seit einigen Jahren auch die "EU-Troika" auf, bestehend aus Frankreich, Großbritannien und Deutschland.

Anlagen
Arak : geplanter Schwerwasserreaktor
Buschehr : Atomkraftwerk, im Mai 2011 nach mehrfachen Terminverschiebungen in Betrieb genommen - zunächst zu Testzwecken. Im September 2011 ging der Reaktor in Regelbetrieb, allerdings noch nicht auf voller Leistung
Isfahan : Forschungsreaktor
Jasd: Uranminen
Natans : Anlage zur Urananreicherung, angeblich mit 6000 Zentrifugen in Betrieb. Im Herbst 2009 gab Iran bekannt, nahe der Stadt Ghom eine zweite Anlage zur Urananreicherung zu besitzen.
Teheran : Forschungsreaktor
Geschichte
1974: Unter Beteiligung von Siemens beginnt bei Buschehr der Bau eines Kernkraftwerks.
1979: Nach der Revolution und der Ausrufung der Islamischen Republik wird das Atomprogramm nicht weiter betrieben.
1980-1988: Im Irak-Iran-Krieg wird der Atomreaktor in Buschehr mehrfach bombardiert und dabei schwer beschädigt.
Neunziger Jahre: Deals auf dem Schwarzmarkt mit Abdul Qadir Khan , Pakistans "Vater der Atombombe"
1995: Abkommen mit Russland zum Wiederaufbau des Atomreaktors von Buschehr
2002: Iranische Oppositionelle im Exil berichten über ein geheimes Atomprogramm.
2003: Iran unterzeichnet das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag (bislang aber nicht vom Parlament ratifiziert).
2006: Der Uno-Sicherheitsrat verlangt in seiner Resolution 1696 erstmals den Stopp der Urananreicherung .
Juli 2008: Iran droht bei einem Angriff auf seine Atomanlagen mit militärischen Gegenschlägen. Das Regime testet Schahab-3-Raketen, die auch Ziele in Israel erreichen könnten.
November 2008: Iran hat nach eigenen Angaben die Zahl seiner für die Urananreicherung benötigten Zentrifugen auf 5000 erhöht.
Juni 2009: Iran hat laut Internationaler Atomenergiebehörde IAEA weitere tausend Gaszentrifugen im Atomzentrum Natans in Betrieb genommen und bisher knapp 1,4 Tonnen niedrig angereichertes Uran produziert.
Mai 2010: Nach Verhandlungen mit dem brasilianischen Präsidenten Lula und dem türkischen Regierungschef Erdogan erklärt sich Iran bereit, schwach angereichertes Uran im Ausland zu tauschen. Wenig später kündigt Teheran an, an der umstrittenen Urananreicherung auf 20 Prozent festhalten zu wollen.
Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat, die EU und die USA beschließen neue Sanktionen gegen Teheran. US-Präsident Obama spricht von den bisher härtesten Sanktionen überhaupt - doch Beobachter bleiben skeptisch, ob die Strafmaßnahmen Erfolg bringen.
Sanktionen
Uno-Sanktionen: Verbot von Waffen- und Nuklearhandel, Einfrieren von Konten, Reisebeschränkungen, verhängt in Resolution 1737 (23.12.2006), Resolution 1747 (24.03.2007), Resolution 1803 (03.03.2008)

Sanktionen der USA: Vollständiger Handels- und Investitionsboykott, beruhend auf Executive Order 12959 von 1995, neue Sanktionen im Juni 2010

Sanktionen der EU: Einschränkungen für Handel und Investitionen, Einfrieren von Vermögen, Reisebeschränkungen, beruhend auf Verordnung (EG) Nr. 423/2007 des Rates (19.04.2007)

Nahost
Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad erklärt, das israelische "Besatzungsregime" müsse "aus den Annalen der Geschichte verschwinden".
Israelische Politiker, darunter auch Kabinettsmitglieder, sprechen sich für präventive Militärschläge gegen Iran aus.
Personen
Said Dschalili , Atomunterhändler seit Oktober 2007
Yukiya Amano , Generaldirektor der IAEA
Der Verhandlungspoker um die Urananreicherung
Oktober 2009: Vertreter Irans, Deutschlands und der fünf Vetomächte im Sicherheitsrat kommen zu Atom-Gesprächen in Genf zusammen.
November 2009: Die IAEA kritisiert in einer Resolution die jahrelang geheim gehaltene iranische Urananreicherungsanlage bei Ghom. Teheran reagiert mit der Ankündigung, zehn neue Uran-Anlagen zu bauen.
Dezember 2009: Iran testet die Mittelstreckenrakete Sedschil 2. Diese habe größere Zielgenauigkeit als das Vorgängermodell Schahab 3.
2. Februar 2010: Ahmadinedschad zeigt sich bereit, auf einen Vorschlag der IAEA einzugehen, der eine Anreicherung iranischen Urans auf 20 Prozent im Ausland vorsieht. Wenige Tage später rudert er wieder zurück.
7. Februar 2010: Iran verkündet, man habe niedrig angereichertes Uran von 3,5 auf 20 Prozent gebracht und sei in der Lage, es auf 80 Prozent anzureichern. Damit könnten Atomwaffen hergestellt werden.
11. Februar 2010: US-Präsident Barack Obama kündigt als Reaktion umfangreiche neue Sanktionen gegen Iran an.
1. April 2010: Nach langem Widerstand gegen neue Sanktionen ist China bereit, sich an den Verhandlungen über den Text einer verschärften Uno-Resolution zu beteiligen.
25. April 2010: Zur Abwehr neuer Sanktionen besucht Irans Außenminister Manutschehr Mottaki Österreich. Gespräche mit dem Chef der IAEA, Yukija Amano, und Österreichs Außenminister Michael Spindelegger bringen jedoch keinen Durchbruch.
17. Mai 2010: Nach Verhandlungen mit Brasilien und der Türkei lenkt Iran ein und will Uran im Ausland anreichern lassen. Doch die internationale Gemeinschaft reagiert skeptisch auf die Ankündigung.
9. Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat beschließt schärfere Sanktionen gegen Iran. Sie beinhalten weitere Hürden für die iranische Finanzbranche und eine Ausweitung des Waffenembargos. Auch die USA und die EU setzen schärfere Maßnahmen gegen Iran in Kraft.
Januar 2011: Die Atomgespräche zwischen Iran und den westlichen Mächten in Istanbul scheitern. Teheran hatte weiterhin "ein Recht auf Urananreicherung" gefordert.

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