Von Matthias Gebauer
Berlin - Unmittelbar vor der am Montag beginnenden Afghanistan-Konferenz erheben die Militärgeheimdienste der Nato-Schutztruppe Isaf schwere Vorwürfe gegen die pakistanische Geheimpolizei ISI und Iran. In als vertraulich eingestuften Analysen beschreiben die Nato-Mitarbeiter, wie Pakistan und Iran gemeinsam den gewaltsamen Widerstand gegen die Isaf-Schutztruppe in Nordafghanistan finanziell und logistisch unterstützen und so auch die Gewalt gegen die dort stationierte Bundeswehr schüren. Über die Dokumente berichtete nun die "Bild"-Zeitung.
Konkret gibt es sogar Hinweise auf ein von Pakistan und Iran finanziertes Trainingslager, das für Aufständische errichtet worden ist. Die Warnungen stammen aus Analysen der Schutztruppe Isaf aus dem Herbst 2011.
Der Verdacht gegen Pakistan und Iran ist nicht ganz neu, doch die Details aus den Berichten sind frappierend. Seit Jahren steht der pakistanische Geheimdienst ISI im Verdacht, enge Verbindungen zu den Taliban zu pflegen, das Führungspersonal der Bewegung von Mullah Omar in Pakistan zu verstecken und eben auch den bewaffneten Kampf der Taliban gegen die afghanische Regierung und die Schutztruppe Isaf im Nachbarland Afghanistan zu unterstützen. Offiziell leugnet die Regierung in Pakistan solche Verbindungen freilich, gleichwohl versucht der Dienst über seine Kontakte zu den Taliban seinen Einfluss auf Afghanistan zu behalten und die Regierung zu destabilisieren.
Authentische Berichte
Die jetzt bekannt gewordenen Details illustrieren eindrücklich, wie direkt der ISI mit den Aufständischen zusammenarbeitet. Die Erkenntnisse führen unmittelbar an den Kern des unlösbaren Konflikts: Während sich der Westen abmüht, Pakistan als Partner zur Stabilisierung der Region zu gewinnen, schürt eine der größten und mächtigsten Behörden des Landes Gewalt gegen die Isaf und die afghanische Regierung. Nach Aussagen von Nato-Offizieren in Nordafghanistan sind die Erkenntnisse, über die die "Bild" berichtet, authentisch und stammen aus gemeinsamen Geheimdienststäben, sogenannten "Fusion Cells", der in Nordafghanistan eingesetzten Nationen wie Deutschland, den USA, Schweden und einigen anderen.
Auch der militärischen Führung des Regionalkommandos, in Afghanistan als "RC North" bekannt, sind die Berichte bekannt. Jeden Tag bekommt die Kommandoebene des Gebiets einen ausführlichen Lagebericht, beruhigend fallen die meist nicht aus. Bei einem internen Sicherheitsbriefing der Schutztruppe Isaf vor wenigen Wochen beschrieb nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen kürzlich auch der deutsche Befehlshaber für Nordafghanistan, Generalmajor Markus Kneip eindringlich den Einfluss Irans und Pakistans in seinem Kommandobereich. Ebenso warnte er vor bestens trainierten Terrorkommandos aus Tschetschenien und Pakistan, die in den Norden einsickerten und die Taliban mit ihrer Expertise unterstützten.
Im Einzelnen wird in den Berichten beschrieben, wie Pakistan und Iran die Taliban im Norden Afghanistans direkt finanzieren. So heißt es beispielsweise im September: "Es gibt Hinweise darauf, dass Pakistan und der Iran ein gemeinsames Zentrum planen, um Geld und Training für die Aufständischen zur Verfügung zu stellen. Unter diesen Aufständischen befinden sich Afghanen, Pakistanis und Tschetschenen". Die Initiative dazu gehe von ISI aus. "Ziel ist es, Trainingszentren für militärische Operationen, Spionage und Selbstmordattentate zu errichten und diese als Religionsschulen zu tarnen", zitierte die "Bild" aus dem Papier. Einzelne Rekruten würden 300 Euro geboten bekommen, wenn sie sich dem Kampf gegen die Isaf anschließen.
"Iran hat den Wunsch, die Geschicke Afghanistans zu kontrollieren"
Die Detailkenntnis der Geheimdienste über die Verwicklung der beiden Länder ist verblüffend. So beschreiben die Analysen, welches Interesse Iran an der Zusammenarbeit mit den Taliban hat. Die "iranische Regierung", so heißt es in dem Papier, habe "den Wunsch, die Geschicke Afghanistans zu kontrollieren. Um dieses Ziel zu erreichen, kollaborieren die Iraner mit Pakistan. Sie unterstützen die Aufständischen mit Training, Waffen und Geld."
Der iranische Geheimdienst habe sogar Mitglieder der afghanischen Sicherheitskräfte als Agenten angeworben. Aus Nato-Kreisen in Nordafghanistan erfuhr SPIEGEL ONLINE, dabei handele es sich um einen hochrangigen Lokalpolitiker, der als Strohmann für Teheran agiere.
Grundsätzlich sind die Berichte der Geheimdienste in vielen Fällen als dringliche Warnhinweise zu sehen. Nachrichtendienstoffiziere in Nordafghanistan sagten am Samstag, manchmal seien die genannten Fakten nicht exakt zu belegen. Gleichwohl handele es sich in den meisten Fällen um verlässliche Quellen, die auch in der Vergangenheit wichtige Informationen an die Isaf geliefert hätten. Darunter sind laut den von der "Bild" zitierten Papieren auch Erkenntnisse, dass der ISI gezielt Männer nach Afghanistan einschleust, welche die afghanische Armee unterwandern sollen, angeblich werden sie dafür sogar mit nachgebauten Gewehren amerikanischen Typs ausgestattet.
Stillschweigen der Bundesregierung
Offiziell wollte sich am Wochenende niemand zu den Berichten äußern. Die Stille von Seiten der Bundesregierung verwundert nicht: Offiziell hat Berlin auf dem Weg hin zu einem schrittweisen Abzug aus Afghanistan zumindest vorsichtig eine Trendwende beim Kampf gegen die Aufständischen in Nordafghanistan erklärt. Die Reports der Geheimdienste, die zumindest im Verteidigungs- und im Außenressort ebenfalls vorliegen werden, wollen zu diesem Bild so gar nicht passen. Ebenso schwierig erscheint die Rolle Pakistans. Erst am Freitag hatte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) erneut mit Islamabad telefoniert, um die Regierung doch noch zur die Teilnahme an der Bonn-Konferenz zu überreden. Pakistan aber blieb bei der Absage.
Wie ernst die Lage in Afghanistan ist, zeigte ein Vorfall von Samstag: Bei einer Bombenexplosion im Osten des Landes wurden drei Nato-Soldaten getötet, wie das Bündnis mitteilte. Einzelheiten wurden nicht genannt.
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