Geheimdokumente Unterstützung für Taliban - Nato prangert Pakistan und Iran an

Die Nato schlägt kurz vor der Afghanistan-Konferenz in Bonn Alarm: Pakistan und Iran unterstützen demnach die Taliban. Geheimdokumente untermauern den Vorwurf - offenbar werden Trainingslager und Geld für Kampfwillige zur Verfügung gestellt.

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Taliban-Kämpfer: Frappierende Details
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Taliban-Kämpfer: Frappierende Details


Berlin - Unmittelbar vor der am Montag beginnenden Afghanistan-Konferenz erheben die Militärgeheimdienste der Nato-Schutztruppe Isaf schwere Vorwürfe gegen die pakistanische Geheimpolizei ISI und Iran. In als vertraulich eingestuften Analysen beschreiben die Nato-Mitarbeiter, wie Pakistan und Iran gemeinsam den gewaltsamen Widerstand gegen die Isaf-Schutztruppe in Nordafghanistan finanziell und logistisch unterstützen und so auch die Gewalt gegen die dort stationierte Bundeswehr schüren. Über die Dokumente berichtete nun die "Bild"-Zeitung.

Konkret gibt es sogar Hinweise auf ein von Pakistan und Iran finanziertes Trainingslager, das für Aufständische errichtet worden ist. Die Warnungen stammen aus Analysen der Schutztruppe Isaf aus dem Herbst 2011.

Der Verdacht gegen Pakistan und Iran ist nicht ganz neu, doch die Details aus den Berichten sind frappierend. Seit Jahren steht der pakistanische Geheimdienst ISI im Verdacht, enge Verbindungen zu den Taliban zu pflegen, das Führungspersonal der Bewegung von Mullah Omar in Pakistan zu verstecken und eben auch den bewaffneten Kampf der Taliban gegen die afghanische Regierung und die Schutztruppe Isaf im Nachbarland Afghanistan zu unterstützen. Offiziell leugnet die Regierung in Pakistan solche Verbindungen freilich, gleichwohl versucht der Dienst über seine Kontakte zu den Taliban seinen Einfluss auf Afghanistan zu behalten und die Regierung zu destabilisieren.

Authentische Berichte

Die jetzt bekannt gewordenen Details illustrieren eindrücklich, wie direkt der ISI mit den Aufständischen zusammenarbeitet. Die Erkenntnisse führen unmittelbar an den Kern des unlösbaren Konflikts: Während sich der Westen abmüht, Pakistan als Partner zur Stabilisierung der Region zu gewinnen, schürt eine der größten und mächtigsten Behörden des Landes Gewalt gegen die Isaf und die afghanische Regierung. Nach Aussagen von Nato-Offizieren in Nordafghanistan sind die Erkenntnisse, über die die "Bild" berichtet, authentisch und stammen aus gemeinsamen Geheimdienststäben, sogenannten "Fusion Cells", der in Nordafghanistan eingesetzten Nationen wie Deutschland, den USA, Schweden und einigen anderen.

Auch der militärischen Führung des Regionalkommandos, in Afghanistan als "RC North" bekannt, sind die Berichte bekannt. Jeden Tag bekommt die Kommandoebene des Gebiets einen ausführlichen Lagebericht, beruhigend fallen die meist nicht aus. Bei einem internen Sicherheitsbriefing der Schutztruppe Isaf vor wenigen Wochen beschrieb nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen kürzlich auch der deutsche Befehlshaber für Nordafghanistan, Generalmajor Markus Kneip eindringlich den Einfluss Irans und Pakistans in seinem Kommandobereich. Ebenso warnte er vor bestens trainierten Terrorkommandos aus Tschetschenien und Pakistan, die in den Norden einsickerten und die Taliban mit ihrer Expertise unterstützten.

Im Einzelnen wird in den Berichten beschrieben, wie Pakistan und Iran die Taliban im Norden Afghanistans direkt finanzieren. So heißt es beispielsweise im September: "Es gibt Hinweise darauf, dass Pakistan und der Iran ein gemeinsames Zentrum planen, um Geld und Training für die Aufständischen zur Verfügung zu stellen. Unter diesen Aufständischen befinden sich Afghanen, Pakistanis und Tschetschenen". Die Initiative dazu gehe von ISI aus. "Ziel ist es, Trainingszentren für militärische Operationen, Spionage und Selbstmordattentate zu errichten und diese als Religionsschulen zu tarnen", zitierte die "Bild" aus dem Papier. Einzelne Rekruten würden 300 Euro geboten bekommen, wenn sie sich dem Kampf gegen die Isaf anschließen.

"Iran hat den Wunsch, die Geschicke Afghanistans zu kontrollieren"

Die Detailkenntnis der Geheimdienste über die Verwicklung der beiden Länder ist verblüffend. So beschreiben die Analysen, welches Interesse Iran an der Zusammenarbeit mit den Taliban hat. Die "iranische Regierung", so heißt es in dem Papier, habe "den Wunsch, die Geschicke Afghanistans zu kontrollieren. Um dieses Ziel zu erreichen, kollaborieren die Iraner mit Pakistan. Sie unterstützen die Aufständischen mit Training, Waffen und Geld."

Der iranische Geheimdienst habe sogar Mitglieder der afghanischen Sicherheitskräfte als Agenten angeworben. Aus Nato-Kreisen in Nordafghanistan erfuhr SPIEGEL ONLINE, dabei handele es sich um einen hochrangigen Lokalpolitiker, der als Strohmann für Teheran agiere.

Grundsätzlich sind die Berichte der Geheimdienste in vielen Fällen als dringliche Warnhinweise zu sehen. Nachrichtendienstoffiziere in Nordafghanistan sagten am Samstag, manchmal seien die genannten Fakten nicht exakt zu belegen. Gleichwohl handele es sich in den meisten Fällen um verlässliche Quellen, die auch in der Vergangenheit wichtige Informationen an die Isaf geliefert hätten. Darunter sind laut den von der "Bild" zitierten Papieren auch Erkenntnisse, dass der ISI gezielt Männer nach Afghanistan einschleust, welche die afghanische Armee unterwandern sollen, angeblich werden sie dafür sogar mit nachgebauten Gewehren amerikanischen Typs ausgestattet.

Stillschweigen der Bundesregierung

Offiziell wollte sich am Wochenende niemand zu den Berichten äußern. Die Stille von Seiten der Bundesregierung verwundert nicht: Offiziell hat Berlin auf dem Weg hin zu einem schrittweisen Abzug aus Afghanistan zumindest vorsichtig eine Trendwende beim Kampf gegen die Aufständischen in Nordafghanistan erklärt. Die Reports der Geheimdienste, die zumindest im Verteidigungs- und im Außenressort ebenfalls vorliegen werden, wollen zu diesem Bild so gar nicht passen. Ebenso schwierig erscheint die Rolle Pakistans. Erst am Freitag hatte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) erneut mit Islamabad telefoniert, um die Regierung doch noch zur die Teilnahme an der Bonn-Konferenz zu überreden. Pakistan aber blieb bei der Absage.

Wie ernst die Lage in Afghanistan ist, zeigte ein Vorfall von Samstag: Bei einer Bombenexplosion im Osten des Landes wurden drei Nato-Soldaten getötet, wie das Bündnis mitteilte. Einzelheiten wurden nicht genannt.

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Hubert Rudnick 03.12.2011
1. Soll da neu sein?
Zitat von sysopDie Nato schlägt kurz vor der Afghanistan-Konferenz in Bonn Alarm: Pakistan und Iran unterstützen demnach die Taliban. Geheimdokumente untermauern den Vorwurf - offenbar werden Trainingslager und Geld für Kampfwillige zur Verfügung gestellt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,801521,00.html
Das ist doch eine uralte Kamelle, das stand doch schon vor dem Afghanistankrieg fest, nur konnten die USA nicht nach Pakistan, weil die Atomwaffen haben. Die wahren Helfer der Terroristen waren und sind doch in anderen Ländern zu Hause, Afghanistan war doch nie wirklich der Grund, es war nur eine Ausweichsmöglichkeit, man wollte imgrunde was ganz anders. Und darüber hatte der damalige US Präsident George W Bush zig mal vor dem Afghanistankrieg gesprochen, alles schon vergessen? HR
DJ Doena 03.12.2011
2. What goes around, comes around.
Der Warschauer Pakt schlägt kurz vor der Afghanistan-Konferenz in Moskau Alarm: die USA unterstützen demnach die Taliban. Geheimdokumente untermauern den Vorwurf - offenbar werden Trainingslager und Geld für Kampfwillige zur Verfügung gestellt.
Sabi 03.12.2011
3. naiv
Zitat von sysopDie Nato schlägt kurz vor der Afghanistan-Konferenz in Bonn Alarm: Pakistan und Iran unterstützen demnach die Taliban. Geheimdokumente untermauern den Vorwurf - offenbar werden Trainingslager und Geld für Kampfwillige zur Verfügung gestellt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,801521,00.html
Daß das Regime im Iran bei allen "Unruhen" gegen Westen, ob in Irak, Syrien, Bahrain, Kenia, Uganda, Ägypten, Palästina und auch Afghanistan seine Hände im Spiel hat, müssten sogar die Laien wissen- naive Politiker, natürlich nicht !
nononsense 03.12.2011
4. Pakistans Geheimdienst u. Taliban ist nichts Neues
Zitat von sysopDie Nato schlägt kurz vor der Afghanistan-Konferenz in Bonn Alarm: Pakistan und Iran unterstützen demnach die Taliban. Geheimdokumente untermauern den Vorwurf - offenbar werden Trainingslager und Geld für Kampfwillige zur Verfügung gestellt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,801521,00.html
Dass der pakistanische Geheimdienst mit den Taliban zusammenarbeitet ist nichts neues (Hoffen auf Tiefe des Raums in einem Konflikt mit Indien): Dass dem Kumpel des Taliban Chefs Mullah Omar also Osama Bin Laden in Pakistan Unterschlupf gewährt wurde, spricht für sich. Dass der Iran meint, auch noch mitmischen zu müssen, um wohl den Amerikanern eins auszuwischen, ist schon eher überraschend. Dachte bisher, dass Sunniten und Schiiten sich nicht allzu grün sind.
Sumerer 03.12.2011
5. Failed Staates
Zitat von sysopDie Nato schlägt kurz vor der Afghanistan-Konferenz in Bonn Alarm: Pakistan und Iran unterstützen demnach die Taliban. Geheimdokumente untermauern den Vorwurf - offenbar werden Trainingslager und Geld für Kampfwillige zur Verfügung gestellt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,801521,00.html
Der Konflikt an der Durand-Linie ermöglicht die beiden "Failed Staates" vorerst zu erhalten. Also schickt man lieber die Kämpfer in Ausbildungslager, um die ISAF zu bekämpfen, als sie im eigenen Land wirkend zu erleben. So kocht die eigentlich im Raum stehende Paschtunistan- und Belutschistan-Frage zunächst mal auf etwas kleinerer Flamme. Man denkt sich dort die Grenze. Gestorben wird dort, wenn nicht, dann geht das Leben halt weiter seinen gewohnten Gang.
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