Geheime CIA-Gefangene Human Rights Watch will Aufklärung von Bush

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat US-Präsident Bush aufgefordert, den Verbleib aller CIA-Häftlinge offen zu legen. Bush gibt an, alle Gefangenen des Geheimdienstes seien nach Guantanamo verlegt worden.


Hamburg - "Die US-Regierung soll über alle vermissten Gefangenen Rechenschaft ablegen, die vom amerikanischen Geheimdienst CIA gefangen gehalten worden sind", fordert Human Rights Watch in dem jetzt veröffentlichten Bericht. Parallel dazu hat die Menschenrechtsorganisation einen offenen Brief an George W. Bush geschrieben. Auch darin fordert sie, alle Informationen über das Schicksal und das Verbleiben vermisster Gefangener offen zu legen.

Guantanamo: Streit um den Verbleib von CIA-Häftlingen
AFP

Guantanamo: Streit um den Verbleib von CIA-Häftlingen

Anfang September waren 14 Gefangene von einem geheimen CIA-Gefängnis nach Guantanamo Bay gebracht worden. In einer Fernsehrede am 6. September teilte Bush mit, nach dieser Verlegung seien keine weiteren Gefangenen mehr in Gewahrsam des Geheimdienstes.

Doch Human Rights Watch will andere Informationen haben. "Präsident Bush teilte uns mit, dass die letzten 14 Gefangenen des Geheimdienstes nach Guantanamo verlegt worden sind, aber es gibt zahlreiche andere vom Geheimdienst 'verschleppte' Gefangene, deren Schicksal immer noch unbekannt ist", so Joanne Mariner, Direktorin des Programms Terrorismus und Terrorismusbekämpfung von Human Rights Watch. "Die Frage ist: Was ist mit diesen Personen geschehen und wo sind sie jetzt?"

Um ihre Forderung zu unterstreichen, veröffentlichte die Organisation einen 50 Seiten starken Bericht "Ghost Prisoner: Two Years in Secret CIA Detention” ("Geister-Gefangener: Zwei Jahre in geheimer CIA-Gefangenschaft"). Der Report zeichnet detailliert das Leben des ehemaligen palästinensischen Häftlings Marwan Jabour in einem Geheimgefängnis nach, der vergangenes Jahr freigelassen wurde.

Geschlagen, gebrannt, an die Wand gekettet

Jabour hat auch mehrfach mit Reportern der "Washington Post" geredet. Den Berichten zufolge wurde er im Mai 2004 von pakistanischen Behörden festgenommen und über einen Monat in einem geheimen Gefängnis in Islamabad festgehalten und schwer misshandelt worden. Er war an die Wand gekettet und durfte nicht mehr als wenige Stunden am Stück schlafen.

Zuvor war er von pakistanischen Geheimdienstlern in einem Gefängnis in Lahore missbraucht: Er sei geschlagen und mit Feuer verletzt worden. Das Gefängnis in Islamabad wurde von amerikanischem und pakistanischem Personal geführt. Im Juni wurde er in ein anderes geheimes Gefängnis geflogen, von dem er meint, es befinde sich in Afghanistan. Hier kam fast das gesamte Personal aus den USA.

Seine Kleidung wurde ihm bei seiner Ankunft weggenommen und er blieb für eineinhalb Monate nackt, auch während der Verhöre durch weibliches Personal und bei Filmaufnahmen. Er wurde so eng an die Wand seiner kleinen Zelle gekettet, dass er nicht aufstehen konnte. Er musste schmerzhafte Positionen einnehmen, in denen er Atemschwierigkeiten hatte. Man sagte ihm, dass er in eine "Hunde-Box" gesteckt würde, wenn er nicht kooperiere.

Von den etwas mehr als zwei Jahren, die Jabour in diesem geheimen Gefängnis festgehalten wurde, verbrachte er die meiste Zeit allein in einer fensterlosen Zelle und hatte fast nur Kontakt zu den Wärtern. Obwohl er sich immer große Sorgen um seine Frau und seine drei jungen Töchter machte, erlaubte man ihm nicht ein einziges Mal, ihnen einen Brief zu schreiben, um ein Lebenszeichen von sich zu geben.

Amerikanische Nachrichtendienstler bestätigten die Haft Jabours in Pakistan und Afghanistans. Sie äußerten sich jedoch nicht über die Umstände der Haft und die Behandlung des Gefangenen, der von US-Stellen eingestuft wurde als "ein passionierter Dschihadist und Terrorist der harten Art, dessen Ziel es ist, unschuldige Menschen, darunter Amerikanern, Schaden zuzufügen".

Verbleib Dutzender Gefangener unklar

Laut Jabour befinden sich noch immer Personen in den Zellen des amerikanischen Geheimdiensts - an unbekanntem Ort. Einen dieser Männer, den algerischen Terrorismusverdächtigen Yassir al-Jazeeri, will Jabour noch im Juli 2006 in CIA-Gefangenschaft gesehen haben.

Human Rights Watch lässt nicht locker: "Die Bush-Regierung muss vollständig Auskunft über jeden geben, der in CIA-Gefängnissen 'verschwunden' ist, einschließlich der Namen, wo sie festgehalten wurden und wann sie die US-Gefangenschaft verlassen haben", verlangt Joanne Mariner.

Ihr Brief an Bush enthält zwei Listen mit Namen vermisster Gefangener. Die erste Liste nennt 16 Personen, von denen Human Rights Watch annimmt, dass sie sich in CIA-Gefangenschaft befanden, deren derzeitiger Verbleib aber unbekannt ist. Die zweite Liste nennt 22 Personen, die eventuell in CIA-Gefängnissen gefangen gehalten wurden und deren derzeitiger Verbleib unbekannt ist. Gegenüber der "Washington Post" sagten Mitglieder des Geheimdienstes, ihrer Kenntnis nach liege die Zahl derartiger Gefangener bei über 60.



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