Geheime Dokumente über US-Drohneneinsätze Auf der Liste des Todes

Die von einem Whistleblower veröffentlichten Geheimdokumente enthüllen erschreckende Details des US-Drohnenkriegs: wie Ziele ausgewählt und gelistet werden, wie die Befehlskette verläuft - und warum so viele Zivilisten getötet werden.

US-Drohne in Afghanistan: Einblick in einen vielkritisierten Krieg
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US-Drohne in Afghanistan: Einblick in einen vielkritisierten Krieg

Von , New York


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Die US-Drohne, Spitzname "Himmelsstürmer", nahm den Mann aus vielen Kilometern Höhe ins Fadenkreuz. Er trug eine weite Robe und eine weiße Mütze. Selbst sein Schatten im Staub war gut erkennbar.

Die Amerikaner identifizierten den Mann als Qari Munib, einen rangniederen Taliban-Führer in Afghanistan, verantwortlich für "zahlreiche Anschläge". Die US-Kommandozentrale in Florida hatte seine Exekution am 30. Oktober 2012 genehmigt: "Kill Qari Munib."

Fünf Tage später peilte "Himmelsstürmer" sein Ziel an - unter anderem aufgrund dessen Mobilfunknummer. Die Drohne wartete ab, während zwei andere Figuren kurz dazukamen. Erst als Munib wieder alleine war, schlug sie zu. Der Mann verschwand in einer Rauchwolke.

"Kollaterale" Ermordung Unschuldiger

Die zuvor unbekannten Details dieser ferngesteuerten Hinrichtung in der Provinz Kunar finden sich in Geheimdokumenten, die das Internetportal "The Intercept" jetzt veröffentlicht hat - am selben Tag, an dem US-Präsident Barack Obama bekannt gab, den für Ende 2016 geplanten Truppenabzug aus Afghanistan weiter zu verzögern.

Die von einem Whistleblower lancierten Papiere geben den bisher ausführlichsten Einblick in den umstrittenen US-Drohnenkrieg. Sie offenbaren, was sich hinter den Statistiken verbirgt: wie die Attacken aus der Luft ablaufen, wie die Befehlskette aussieht, warum selbst unwichtige Akteure auf den "Todeslisten" landen. Und vor allem, welche Schwächen das Drohnenprogramm hat - etwa die "kollaterale" Ermordung Unschuldiger per Knopfdruck.

Auch der Fall Munib wirft Fragen auf. Denn bis heute wurde das Opfer des Drohneneinsatzes nicht identifiziert. Vielmehr vermeldete die Nato kurz darauf, "afghanische und Koalitionssoldaten" hätten Munib erst am 8. November 2012 getötet - vier Tage nach dem "Himmelstürmer"-Einsatz. War der also fehlgeschlagen? Gab es eine gemeinsame Aktion von Bodentruppen? Doch wer kam dann bei dem Drohnenschlag um?

"Diese Fragen", resümiert "The Intercept", "bleiben unbeantwortet".

Modernde Technologie, mangelhafte Präzision

Kein Einzelfall. Seit Obama den US-Drohnenkrieg ausgeweitet hat, mehrt sich die Kritik, doch die Hintergründe sind weiter undurchsichtig. Immer wieder kommen neue Einzelheiten ans Licht - zum Beispiel, wie DER SPIEGEL und "The Intercept" im April enthüllten, die zentrale Rolle, die der US-Stützpunkt in Ramstein dabei spielt.

Die neuen Dokumente beweisen, wie sehr sich der Drohnenkrieg verselbständigt hat, jetzt, rund 14 Jahre nach 9/11. Mit moderner Technologie und dennoch verhängnisvoll-mangelhafter Präzision jagen die USA selbst obskure Gestalten wie Munib - "eine mittelrangige Taliban-Figur in einer entrückten Ecke des Planeten, eine halbe Welt entfernt vom Weißen Haus und Ground Zero", so "The Intercept".

"Diese ungeheuerliche Watchlist-Explosion - Menschen zu überwachen, sie auf Listen zu sortieren und zu stapeln, ihnen Nummern zuzuweisen, ihnen 'Baseball-Karten' zuzuweisen, auf einem weltweiten Schlachtfeld ohne Ankündigung Todesurteile gegen sie auszusprechen - es war von Anfang an falsch", sagte der Whistleblower zu "The Intercept". Doch mittlerweile seien die USA "süchtig nach dieser Maschine".

Die Unterlagen beziehen sich auf Drohnenanschläge von 2011 bis 2013 in Afghanistan - aber auch in Somalia und im Jemen, wo sich die USA nicht offiziell im Krieg befinden. Sie entstammen einer Geheimstudie der Intelligence, Surveillance and Reconnaissance Task Force (ISR), einer speziell eingerichteten Drohnen-Arbeitsgruppe des Pentagons.

Mehrere Diagramme illustrieren die Befehlskette der Einsätze. Sie verläuft von den Geheimdienstzellen am Boden bis nach ganz oben, ins Oval Office. Letzte Instanz: "POTUS" - Mr. President persönlich.

Warum Drohnen Zivilisten treffen

Die menschlichen Drohnenziele werden dabei zu "baseball cards" kondensiert - Karteikarten mit Kurzporträts. Die Informationen darauf seien allerdings selten hundertprozentig korrekt: Sie stützten sich auf "ein vielschichtiges System fehlbarer menschlicher Interpretation".

Die Folge: Amerikanische Drohnen treffen weiter unverhältnismäßig viele Zivilisten. So seien in Afghanistan im Sommer 2012 im Rahmen des Langzeiteinsatzes "Operation Haymaker" 155 Menschen getötet worden. Doch nur 19 davon seien Terroristen gewesen - nicht mal 13 Prozent. Die anderen, darunter viele mutmaßliche Unschuldige, seien schlichtweg als "EKIA" klassifiziert worden - "Enemies Killed In Action".

"Jeder, den es in der Nähe erwischt, gilt automatisch als mitschuldig", zitierte "The Intercept" den Whistleblower. "Es ist ein enormes Risiko."

Selbst bei tatsächlichen Terroristen bleiben Zweifel an der Art und Weise, wie sie ihr Ende per US-Drohneneinsatz fanden. Etwa Bilal el-Berjawi, ein Brite, der als mutmaßlicher Qaida-Mittelsmann zwischen London und Somalia pendelte. Mindestens fünf Jahre lang hatten ihn die britischen und amerikanischen Geheimdienste beobachtet.

Im Oktober 2010 entzog die britische Regierung Berjawi die Staatsbürgerschaft - womit er zur Tötung durch die USA freigegeben war, unter stiller Beteiligung Londons. 15 Monate später, am 21. Januar 2012, traf ihn ein Drohnenschlag bei Mogadischu.

Die Drohne identifizierte Berjawi dank eines Informanten am Boden - sowie seines Handys, das er benutzt hatte, um seine Frau anzurufen, die gerade einen Sohn zur Welt gebracht hatte. Um 11.03 Uhr Ortszeit vermeldete das Protokoll Vollzug: "Eliminiert via kinetischem Schlag."


Zusammengefasst: Das US-Militär setzt trotz anhaltender Kritik stark auf den Einsatz von Drohnen. Nun sind dank eines Whistleblowers neue Geheimdokumente aufgetaucht, die Einblicke liefern, wie genau der Drohnenkrieg geführt wird. Eine der Erkenntnisse: Die Angriffe sind trotz moderner Technik oft wenig präzise, weshalb neben mutmaßlichen Terroristen immer wieder Zivilisten sterben.

Im Video: Ein US-Drohnenpilot über seine Einsätze

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 294 Beiträge
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Seite 1
roughneckgermany 16.10.2015
1.
Ich empfehle den Spielfilm "Good Kill" mit Ethan Hawke...
Kauwi 16.10.2015
2. Handynummer
Was passiert, wenn meine Handynummer irrtümlich einem Terroristen zugeordnet wird?
fe-nerbahce 16.10.2015
3. Nicht einmal 15 Prozent
sind Terroristen.. und es wird einfach hingenommen.. ich kann es nicht glauben.. man vertausche doch mal die Seiten : was wäre, wenn Afghanistan Drohnen in den USA im Einsatz hätte?
90-grad 16.10.2015
4. Menschenrechte, Rechtstaatlichkeit, Demokratie, etc.
werden weltweit "verteidigt"! Auch wenn man dabei die genannten Werte zur Unkenntlichkeit mit Stiefeln zertritt! An diesem (Un)-Wesen wird die Welt leider nicht genesen!
tubolix 16.10.2015
5. und nun ?
der feind wird halt mit seinen eigenen waffen - denen des terrors - geschlagen. das unschuldige dabei umkommen haben kriege so an sich. oder gab es schon mal einen, in welchem mehr soldaten als zivilisten umgekommen sind ?
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