Drogenversuche an US-Soldaten Truppe im Rausch

Es ist ein grausames Kapitel in der US-Militärgeschichte: Im Geheimen testete die Armee jahrzehntelang Chemiewaffen und Drogen an den eigenen Soldaten. Die Experimente wurden auf Video dokumentiert. Die Opfer von damals leiden bis heute - und verlangen Wiedergutmachung.

SPIEGEL TV

Aus North Carolina und Maryland berichten und (Video)


Was gut war in der Vergangenheit, das bewahrt Frank Rochelle im Schuppen hinterm Haus auf. Da steht der alte VW-Bus neben den zwei Ford-Straßenkreuzern aus den Fünfzigern. Rochelle läuft hin und her, klopft auf die Autos, sein Hund wirbelt um ihn herum. Wie ausgewechselt scheint der eben noch gebeugte Mann.

"Spring!", ruft Rochelle, "spring!" Der Hund wirft sich an den Oberkörper des 65-Jährigen. Rochelle fällt beinahe um. Er lacht, umarmt das riesige Tier. Jetzt greift er nach tellergroßen, magnetischen Peace-Zeichen. Er wirft sie an das grüne Blech vom VW Bus. Da bleiben sie kleben. "Das ist mein Hippie-Auto", sagt Rochelle. Komisch, auf dem Nummernschild des mächtigen Ford Sunliner nebenan steht: "Wir waren auf der Siegerstraße, als ich abzog. Vietnam 1970." Hippie-VW und Vietnam-Ford - ein Gegensatz? Es braucht noch ein bisschen, um das zu verstehen.

Lange hält der Rentner aus Jacksonville, North Carolina, nicht durch. Bald wird er müde, die Freude verfliegt. Immer öfter erwischt ihn jetzt das, was er als Nachwirkung einer anderen Seite seiner Vergangenheit sieht: Atemstörungen, Gedächtnisverlust, Schlaflosigkeit, Sehstörungen, Nervosität. Manchmal verliert Rochelle von einem auf den anderen Moment die Geduld, wird geradezu wütend. Die Ärzte haben ihm Atemspray verschrieben, Antidepressiva, alles mögliche.

Als die Gesundheitsschwierigkeiten vor ein paar Jahren zunehmen, da fällt Frank Rochelle dieses Edgewood wieder ein. Der Militärkomplex oben in Maryland an der Ostküste. "Ich hatte das ganz vergessen", sagt er, "weil ich doch mit niemandem drüber sprechen durfte." Aber jetzt ist alles wieder da.

"Einverständniserklärung des Freiwilligen: Ich, Franklin A. Rochelle, habe das Dokument mit dem Titel 'Medical Research Volunteer Program' erhalten, gelesen und verstanden. (…) Ich habe zudem verstanden, dass es mir jederzeit freisteht, um Beendigung der Experimente zu bitten, sollte ich einen physischen oder mentalen Status erreichen, der die Fortsetzung der Experimente nicht wünschenswert erscheinen ließe."
Datum: 3. September 1968.
Unterschrift: Franklin Rochelle.

Manchmal nimmt das Leben schon früh eine Abzweigung, die alles bestimmt, was danach kommt. Der Wehrpflichtige Rochelle ist 20 Jahre alt, als er die Einverständniserklärung unterschreibt. Das bringt ihm 180 Dollar zusätzlichen Sold für die zwei Monate.

Und ruiniert möglicherweise seine Gesundheit.

Das aber spielt im September 1968 noch keine Rolle. Wer nach Edgewood geht, der hat jedes Wochenende frei, keinen Wach- und keinen Küchendienst. Und er kann den Marschbefehl nach Vietnam hinauszögern. Da zählt mitunter jeder Tag. Der Strand mit den Bikini-Schönheiten sei nicht weit, so wirbt damals die Army: "In Edgewood schlägt das Herz von Amerikas Versuchen für den Chemiekrieg."

"Ich sah einen weißen Hasen mit feuerroten Augen"

Rochelle dachte, er würde dort Gasmasken und Kleidung testen, ungefährliches Zeug. Doch sie missbrauchen ihn als menschliches Versuchskaninchen. Am 10. Oktober 1968 atmet er unter Aufsicht ein Nervengift ein, das ihn tagelang halluzinieren lässt: "Ich sah einen weißen Hasen, er war etwa zwei Meter groß, mit feuerroten Augen", erinnert sich Rochelle. Und die Ärzte haben Protokoll geführt:

"11. Oktober, 16:25 Uhr, 26 Stunden nach Testbeginn. Kleine blutende Anomalien am linken Bein festgestellt. Subjekt behauptet, es habe seinen Rasierer fallen gelassen und sich dabei ins Bein geschnitten."

Doch so war es nicht. Er habe seine Sommersprossen damals für Käfer gehalten, sagt Rochelle: "Die krabbelten überall unter meiner Haut herum". Den Betreuern habe er nichts davon erzählt, es sei ihm peinlich gewesen: "Ich habe meine Rasierklinge genommen und versucht, die Käfer aus meiner Haut zu schneiden." Er war längst nicht mehr selbst dazu in der Lage, die Experimente zu stoppen. Damit war die Einverständniserklärung Makulatur.

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8  Bilder
Drogenversuche des US-Militärs: Originalaufnahmen aus dem Labor
So wie Frank Rochelle ergeht es in Edgewood mehr als 7800 US-Soldaten; im ganzen Land sind es rund 100.000. Systematisch haben Militär und Geheimdienste die eigenen Leute seit Ende des Ersten Weltkriegs Giften, Gasen, Drogen und Psycho-Kampfstoffen ausgesetzt, darunter LSD, Sarin, Senfgas, BZ, VX, Barbiturate, Amphetamine, Chlorpromazin und immer so weiter. Nachsorgeuntersuchungen? Fehlanzeige.

Erst nach fast sechs Jahrzehnten stoppt das US-Parlament die Menschenversuche im Jahr 1975.

Anfangs ist es das Ziel, sich für den Kampf gegen die Deutschen zu rüsten: "Die Vereinigten Staaten sind bereit, Gas mit Gas zu beantworten, sollte der Feind dies provozieren", konstatiert die "New York Times" im Oktober 1943 in einem Artikel über Edgewood. Während des Kalten Kriegs suchen Amerikas Militärs das Wundermittel, um den Gegner kampfunfähig zu machen, ohne ihn dabei zu töten; oder um Sowjet-Spione zum Reden zu bringen. Hunderte Nazi-Wissenschaftler aus Deutschland und Österreich werden in die USA geschleust, viele arbeiten in Edgewood mit.

Sind die Gesundheitsprobleme Tausender Test-Vets definitiv auf deren Zeit als Versuchskaninchen zurückzuführen? Schwer zu beweisen, schließlich sind mehr als 40 Jahre vergangen. Bis heute bestreiten die US-Behörden allgemeine Langzeitfolgen der damaligen Versuche. Nur 320 Veteranen werden Ende der siebziger Jahre für eine Studie über LSD-Experimente untersucht, jeder Fünfte berichtet von Problemen wie Depressionen und Angstzuständen (Sehen Sie hier die Video-Reportage auf SPIEGEL.TV).

Frank Rochelle und andere Opfer fordern jetzt Gerechtigkeit, sie ziehen vor Gericht. Sie wollen genau wissen, welche Drogen sie in Edgewood bekommen haben, welche Nachwirkungen darauf zurückzuführen sind. Und sie hoffen auf finanzielle Unterstützung, weil viele von ihnen all die Arztrechnungen kaum mehr zahlen können. Gordon Erspamer sagt, es sei beschämend, "wie schäbig unsere Regierung die Opfer der Chemieversuche behandelt". Der Anwalt Erspamer ist in Amerika bekannt als Kämpfer für die Rechte der Veteranen. Sein Vater starb an Leukämie, nachdem er der radioaktiven Strahlung bei Atombombentests ausgesetzt worden war. Jahrelang kämpfte der Sohn vor Gericht; am Ende gewann er.

Vor fünf Jahren bekommt Gordon Erspamer den Anruf von Frank Rochelle.

Die Klageschrift, die er im Januar 2009 beim Bezirksgericht in San Francisco einreicht, beginnt mit einem Zitat von George Washington: "Wenn wir an den Soldaten denken, dann lassen wir den Bürger nicht beiseite." Das ist die Idee vom Bürger in Uniform, die mit dem Prinzip Edgewood so gar nicht zu vereinbaren scheint.

"Politik des Verzögerns, des Leugnens, der Verschleierung"

Doch der Gerichtsprozess, der eigentlich schon längst begonnen haben sollte, ist wieder und wieder verschoben worden. Ein neuer Termin steht derzeit noch nicht fest. Erspamer selbst ist Anfang des Jahres in Ruhestand gegangen, musste den Fall an seine Nachfolger übergeben. Die US-Regierung, sagt er, verfolge eine "Politik des Verzögerns, des Leugnens, der Verschleierung und der Gleichgültigkeit". Das Ziel Washingtons sei es, die Opfer ohne jegliche Art der Entschädigung sterben zu lassen. Erspamer rechnet damit, dass der Fall letztlich vor dem Supreme Court, dem Obersten Gerichtshof, landen wird.

Das Pentagon reagierte nicht auf Anfragen von SPIEGEL ONLINE. Und die heutige Forschungseinrichtung in Edgewood verweigerte unter Verweis auf den anstehenden Prozess sowohl Interview als auch Besuch.

Frank Rochelle sitzt jetzt im Wohnzimmer auf dem Sofa, vor sich die Edgewood-Aktenstapel. Seite um Seite belegen sie, wie die Freiheit des Einzelnen fürs vermeintliche Wohl des Kollektivs geopfert worden ist. Daneben die Alben mit den Vietnam-Fotos, darin der junge Frank. Eine gute Zeit für ihn, er war nicht an der Front: "Ich habe niemanden getötet und niemanden gerettet."

Ein einfacher und unpolitischer Mann ist dieser Frank Rochelle; einer, der einen VW Bus mit Peace-Zeichen chauffiert und gleichzeitig gute Erinnerungen an den Vietnam-Krieg hat. Einer, der einfach nur sein Leben leben wollte.

Frank Rochelle war das perfekte Opfer.



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insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
Percy P.Percival 10.07.2013
1. Western von Gestern!
Bzw. Neuigkeiten von vor 40 Jahren, denn ungefähr so lange ist das alles schon bekannt.
robin-masters 10.07.2013
2. Freie Wahl
Alle die Sagen er hat das doch unterschrieben ... die Alternative war Vietnam.
Furiosus 10.07.2013
3.
also das ist schon ein bisschen wenig weit gegriffen LSD neben giftgas zu stellen. nach aktuellem forschungsstand in der medizin und psychologie ist die herrschende meinung, dass LSD zu den ungefährlichsten drogen überhaupt gehört, was psychische und physische abhängigkeit, körperliche und psychische schäden, gefahr der überdosierung, sowie unerwünschte nebenwirkungen betrifft. ganz im gegenteil spricht sich ein erheblicher teil von psychiatern dafür aus LSD zur behandlung besonderer krankheitsbilder ( darunter gerade angststörungen ) zu einsetzen zu dürfen. ich kann mir aus medizinischer sicht auch kaum vorstellen, dass langzeitnebenwirkungen wie angststörungen jahrzehnte nach dem LSD konsum auftreten.
thinkrice 10.07.2013
4.
Ich habe vor kurzem einen Beitrag gesehen, in dem von einem amerikansichen LSD Experiment in einem französischen Dorf berichtet wurde. Wäre interessant von einem "seriösen" Medium etwas darüber zu lesen oder zu hören. Es ist natürlich erschreckend, welche Grausamkeiten den eigenen Bürgern angetan wurden und vielleicht noch werden? Jedoch zeigt dies deutlich, dass Amerika noch nie eine moralische Überlegenheit besessen hat, obwohl dies immer postuliert wurde. Man kann nur hoffen, dass das Pentagon seine moralische Verpflichtung anerkennt und für die Geschädigten aufkommt.
antonraum 10.07.2013
5. Eines bleibt gleich - Konsequenzen gibt es keine...
Die USA als von Gott gelobter Vorzeigestaat darf eben machen was die USA und die dortigen Mächtigen für richtig halten. Da seit Jahrzehnten einige Großbetriebe das Sagen haben, kommt es zu willkürlichen Angriffskriegen, damit die Waffenlobby gut verdient und wie diese News schön zeigt zu hemmungslosen Menschenversuchen an den eigenen Bürgern. Die amerikanische Verfassung wird dabei genauso ausgehebelt, wie auch unsere Regierungen unser Grundgesetz regelmäßig aushebeln. Wen wundert es in diesem Zusammenhang, dass die USA nun über die Freihandelszone ihren Gendreck auch in Europa absetzen wollen, damit wir nicht nur Fastfood-Süchtig, sondern auch Gensüchtig werden. Tolle Zukunft und kein deutscher Politiker erhebt Éinspruch...
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