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Geheimpapiere: Briten wollten irakische Ölfelder schon vor dem Krieg aufteilen

Das Treffen war brisant: Schon vor der Irak-Invasion 2003 führte die britische Regierung Geheimgespräche mit Energiefirmen. Sie sollten offenbar beim Aufteilen der Ölfelder nach dem Krieg berücksichtigt werden. Dies zeigen Geheimpapiere, aus denen der "Independent" zitiert.

Irakische Ölarbeiter nahe Basra: "Wichtiger als alles, was wir seit langem gesehen haben" Zur Großansicht
AP

Irakische Ölarbeiter nahe Basra: "Wichtiger als alles, was wir seit langem gesehen haben"

Hamburg - Wie Großmächte ticken, kann man bei dem früheren US-Außenminister Henry Kissinger studieren. "Öl ist zu wichtig, um es den Arabern zu überlassen", sagte der Politiker einmal. Das haben sich offenbar auch britische Ölkonzerne gedacht, wie nun aus geheimen Papieren hervorgeht, die der britischen Zeitung "Independent" vorliegen. Demnach haben die Konzerne schon früh ihren Teil vom Öl-Schatz des Irak eingefordert - nämlich bereits vor dem Krieg 2003. Brisant: Sie konnten dabei auf die Unterstützung der britischen Regierung zählen.

Die Zeitung dokumentiert mehrere Treffen von Londoner Regierungsvertretern mit den Firmen BP und Royal Dutch Shell kurz vor dem Irak-Krieg, der 2003 begann. Fünf Mal sollen beide Seiten im Oktober und November 2002 zusammengekommen sein.

BP habe demnach befürchtet, bei Verhandlungen der USA mit Konzernen aus anderen Ländern "außen vor" gelassen zu werden. "Shell und BP können es sich nicht leisten, nicht im Irak beteiligt zu sein. Wir waren entschlossen, einen fairen Anteil für die britischen Firmen in einem Irak nach Saddam zu erreichen", wird Edward Chaplin zitiert, der frühere Leiter der Region Nahost im britischen Außenministerium.

Auch die damalige Handelsministerin Elizabeth Symons äußerte demnach gegenüber BP die Meinung, dass die Briten ein Anrecht darauf hätten, weil der damalige Premier Tony Blair der US-Regierung seine militärische Unterstützung zugesagt hatte. In einem Protokoll einer Sitzung vom 31. Oktober 2002 ist laut "Independent" festgehalten: "Baroness Symons stimmte überein, dass es schwer zu rechtfertigen sei, wenn britische Firmen im Irak auf diese Weise verdrängt würden, hätte doch Großbritannien die US-Regierung in dieser Krise deutlich unterstützt." Die Politikerin habe versprochen "die Firmen vor Weihnachten zu informieren", wie ihre Bemühungen in Washington verlaufen seien.

Firmen dementierten jegliche strategischen Interessen

Die Zeitung weist darauf hin, dass Shell Berichte über solche Treffen im März 2003 dementiert und BP jegliche "strategische Interessen" im Irak abgestritten habe. Aus den Protokollen gehe allerdings hervor, dass BP gegenüber dem Außenministerium erklärt habe, der Irak sei "wichtiger als alles, was wir seit langem gesehen haben".

Die Dokumente sind dem Bericht zufolge von dem Aktivisten Greg Muttitt angefordert worden, der in den vergangenen fünf Jahren mehr als tausend Papiere erhalten habe. Er habe von dem britischen Gesetz über Informationsfreiheit profitiert: Es zwingt Regierungsstellen, auf Anfrage jedem Bürger eine Fülle von Akten zu öffnen. Der Freedom of Information Act wurde noch von Blair erlassen, später bedauerte der Ex-Premier, dieses Wahlversprechen erfüllt zu haben.

Der Bericht des "Independent" kann von unabhängiger Seite nicht überprüft werden. BP und Shell wollten keine Stellungnahme zu dem Bericht abgeben. Das britische Außenministerium teilte auf Anfrage mit, es sei die "normale Arbeit einer Regierung, auch die wirtschaftlichen Chancen und Risiken zu bedenken", die sich aus geopolitischen Ereignissen ergeben - daraus könne man jedoch nicht schließen, dass diese Überlegungen "unsere Politik im Irak bestimmt" hätten. Man werde Zeugenaussagen oder den Inhalt von Dokumenten jedoch nicht weiter kommentieren, sondern sei zuversichtlich, dass die offizielle Irak-Untersuchung diese Aspekte entsprechend berücksichtigen werde.

Viel Blut für wenig Öl

Die Entscheidung Blairs, im März 2003 in den Irak-Krieg zu ziehen, war die umstrittenste seiner Amtszeit. Nicht nur in Großbritannien löste das große Proteste und kontroverse Debatten aus. "Kein Blut für Öl", skandierten die Demonstranten.

Auch die US-Regierung wurde trotz gegenteiliger Beteuerungen immer wieder verdächtigt, dass der Irak-Krieg ihren Ölinteressen dienen sollte. "Hören wir auf, der Welt Blödsinn zu erzählen", schrieb der Pulitzerpreisträger Thomas Friedman schon damals. "Ja, es geht ums Öl - das Verhalten von Bushs Team ist anders nicht zu erklären." Eine US-amerikanische Untersuchungskommission kam 2004 zu dem Ergebnis, dass der Irak bei Kriegsbeginn nicht über Massenvernichtungswaffen verfügte - dabei waren diese stets als Grund für die Invasion angeführt worden.

Anders als erwartet haben sich die Hoffnungen auf einen Ölboom nach den Kämpfen jedoch nicht erfüllt. In den ersten Kriegswochen sahen Branchenkenner noch die Chance auf große Geschäfte und spekulierten darüber, wer die Konzessionen zur Ölförderung erhalten sollte. Doch heute hat Ernüchterung die Euphorie verdrängt. Lange verhinderten die politischen Unruhen die Ausbeutung der riesigen Reserven, dann war es die marode Infrastruktur, dann das fehlende Öl- und Gasgesetz, das eine gerechte Aufteilung der Öleinnahmen regeln und den Firmen Investitionssicherheit bieten sollte.

Mit einer Förderung von 2,5 Millionen Barrel Rohöl pro Tag läuft die Produktion im Irak ungefähr wieder auf Vorkriegsniveau. Erst in 20 Jahren könnte sich dieser Betrag verdoppeln oder verdreifachen, schätzen Experten.

kgp

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1. Ein Hoch auf Schröder
demut 19.04.2011
dass er bei dem völkerrechtswidrigen Angriff der USA und UK nicht mitgemacht hat. Bleibt nur noch unsere Soldaten schnellstmöglich aus Afhanistan abzuziehen, wo sie auch völlig sinn- und erfolglos Millarden verpulvern.
2. Show must go on
Shivon 19.04.2011
Es ist doch schon längst bekannt, dass der Irak-Krieg aus wirtschaftlichen Gründen begonnen worden ist. DA sitzen die Leute die Geld gegen Blut eintauschen, aber lieber erschafft man lügen, man hört nicht genau hin (BND sendet falsche Infos zu den Amis) und zeigt immer auf die anderen und behauptet dann damit man sei die Achsen des Guten *lach* Unsere Welt ist ungerecht und es herschen noch immer die Mächtigen, sonst hätte man schon einige Regierungsmitglieder als Kriegstreiber nach Den Haag gebracht.
3. nix neues
arturo_ui 19.04.2011
wems bis jetzt nicht klar war... fehlen noch die entsprechenden papierchen aus anderen ländern.
4. .
cekay 19.04.2011
Endlich mal Antikriegspropaganda. Die Treffen gab es auch schon für die Ölfelder in Libyen?
5. Ich glaube auf
hajo58 19.04.2011
Zitat von sysopDieses Treffen war brisant: Schon vor der Irak-Invasion 2003 führte die britische Regierung Geheimgespräche mit Energiekonzernen. Die Firmen*sollten offenbar beim*Aufteilen der Ölfelder nach dem Krieg berücksichtigt werden. Dies geht es*Geheimpapieren hervor, die nun veröffentlicht wurden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,757888,00.html
diesen Sachverhalt kommt jeder Dorfdepp von alleine. Das soll eine neue Meldung sein?
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Bevölkerung: 37,548 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Fuad Masum

Regierungschef: Haidar al-Abadi

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