Geheimprotokoll Ein Top-Terrorverdächtiger im Verhör

Er gilt als 20. Attentäter des 11. September, als derjenige, der eigentlich die Pennsylvania-Maschine mitkapern sollte. Mohammad al-Katani hat in Guantanamo-Haft ausgesagt, zieht jetzt aber die Aussage zurück, weil er gefoltert worden sei. "Time" veröffentlicht das bislang geheime Verhörprotokoll.


Hamburg - Die Akten umfassen 84 Seiten, in denen detailliert die Befragungen des Guantanamo-Häftlings Mohammad al-Katani geschildert werden. Bislang hatte "Time" nur Auszüge aus dem Dokument veröffentlicht. Im Juni 2005 hatte das Pentagon mitgeteilt, Katani habe wichtige Informationen über Spitzenleute des Terrornetzwerks al-Qaida und über 30 Mithäftlinge preisgegeben, die er als Leibwächter der Qaida-Chefs Osama Bin Laden identifiziert habe. Nun ziehe Katani seine Aussagen zurück, teilte seine Anwältin mit. Begründung: Die Aussagen seien unter Folter erzwungen worden.

Katanis Verteidigerin habe sich bereits an ein Bundesgericht im District of Columbia gewandt, um den Fall verhandeln zu lassen. Das könnte eine Kette von weiteren Klagen nach sich ziehen, schließlich werden Dutzende Häftlinge aufgrund von Katanis Aussagen in Guantanamo festgehalten. Gestern hatte das Pentagon auf Gerichtsbeschluss hin eine Liste mit den bislang geheim gehaltenen Namen Hunderter Häftlinge veröffentlichen müssen.

Mohammad al-Katani versuchte den Ermittlungen der US-Fahnder zufolge wenige Wochen vor den Anschlägen vom 11. September 2001, illegal in die USA einzureisen. Er sei am Flughafen in Orlando im US-Bundesstaat Florida eingetroffen, der Chef der Terrorzelle, Mohammed Atta, habe auf dem Parkplatz gewartet, um ihn abzuholen. Die Amerikaner gehen davon aus, dass Katani, wäre ihm die Einreise gelungen, an Bord der entführten Maschine der United Airlines gewesen wäre, die das Weiße Haus treffen sollte und schließlich in einen Acker in Pennsylvania krachte. Dies war das einzige der vier Flugzeuge, in dem nur vier Terroristen statt fünf saßen. Nach Ansicht der Ermittler wäre Katani der fünfte Mann gewesen. Wenige Monate nach den Anschlägen wurde er in Afghanistan gefasst und nach Guantanamo gebracht.

Die Protokolle gewähren Einblicke in bislang streng geheime Verhörmethoden. Schlafentzug ist den Unterlagen zufolge an der Tagesordnung. Die Befragung Katanis beginnt am 23. November 2002 um 2.25 Uhr morgens. Das Verhör führen zwei Soldaten, Sergeant R und seine Kollegin Sergeant A. Gleich zu Beginn sagt Katani, in den Akten als "Gefangener 063" bezeichnet, er könne "aus religiösen Gründen" Sergeant A nicht ansehen. "Gefangener teilt mit, dass er in Hungerstreik ist", heißt es militärisch knapp. Immer wieder versuchen es die beiden Befrager in den folgenden Tagen, Informationen von Katani zu bekommen. "Sergeant A versucht, das 'Grad der Schuld'-Thema mit den Beweisen zu verbinden", steht da zu lesen. Zwischendurch weint der Häftling, weigert sich schließlich immer hartnäckiger zu essen und zu trinken.

Mehrfach versuchen die Ermittler am zweiten Tag der Befragung, Katani intravenös Flüssigkeit verabreichen zu lassen. Nach mehreren Anläufen gelingt es. Während der Prozedur beginnt Sergeant R erneut mit der Befragung. "Was teilt Gott dir jetzt mit? Deine 19 Freunde starben in einem Feuerball, und du warst nicht bei ihnen. War das Gottes Wille? Ist es Gottes Wille, dass du überlebst, um uns seine Botschaft zu überbringen?" Es kommt zu einem Handgemenge.

Nachdem Katani mehrere Beutel Flüssigkeit bekommen hat, bittet er darum, auf die Toilette gehen zu dürfen. Die Amerikaner bieten ihm eine Flasche an. Katani stellt eine  Aussage in Aussicht, wenn er zur Toilette dürfe. Er sagt aus, er arbeite für al-Qaida, sein Anführer sei Osama Bin Laden. Über die Aufgabe, die er habe erfüllen sollen, habe er aber nichts gewusst. Der Gang zur Toilette wird ihm abermals verweigert. "Du hast all unser Vertrauen in dich zerstört, du kannst entweder in die Flasche oder in die Hose machen", sagt Sergeant R. "Gefangener macht sich in die Hose", hält das Protokoll fest. Später nimmt Katani seine Aussagen über al-Qaida und Bin Laden zurück.

Das Beispiel von Katani zeige, dass Gefangene in Guantanamo nicht immer human behandelt werden - oder dass zumindest eine Debatte darüber geführt werden müsse, was "humane Behandlung" bedeutet, fordert "Time". Der Oberste Gerichtshof der USA wird sich am 28. März mit dem Fall der angeblichen Bin-Laden-Chauffeurs Salim Ahmad Hamdan beschäftigen. Sein Anwalt will erreichen, dass Hamdan vor ein Militärgericht gestellt wird. "Dieser Fall ist extrem wichtig", sagte dazu Verfassungsrechtler Eric Freedman, "sonst verschwindet Guantanamo wieder in einem juristischen schwarzen Loch."

ffr



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.