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US-Militärstrategie: Geheimstudien stellen Raketenabwehrschirm in Frage

US-Abwehrrakete FTG-05: Technische und politische Probleme bei Nato-Schild Zur Großansicht
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US-Abwehrrakete FTG-05: Technische und politische Probleme bei Nato-Schild

In wenigen Jahren schon soll ein Raketenabwehrschild Europa und Amerika gegen Angriffe aus Iran und Nordkorea absichern. Nun schüren vertrauliche Studien des US-Militärs Zweifel an dem Projekt. Demnach ist fraglich, ob der Schutz vor iranischem Beschuss überhaupt funktioniert.

Washington - Der geplante Raketenabwehrschild, den die USA in Europa errichten wollen, weist erhebliche Mängel auf. Das geht aus einer Zusammenfassung von Geheimstudien des US-Verteidigungsministeriums hervor, die der Nachrichtenagentur AP vorliegt. Das Dokument ist demnach Resultat einer Anhörung des US-Rechnungshofs, ging Kongressabgeordneten zu und unterliegt selbst nicht der Geheimhaltung. Darin erklärten Militärexperten, sie hielten die Probleme für schwierig, aber lösbar. Es könnte aber sein, dass der Raketenabwehrschild die USA nie wie ursprünglich geplant vor iranischen Angriffen schützen könne.

Konkret beziehen sich die Zweifel der Experten auf die vierte und letzte Ausbaustufe des geplanten Abwehrschirms. Im September 2009 hatte US-Präsident Barack Obama die ursprünglichen Pläne seines Vorgängers George W. Bush gestoppt, die einen raschen Aufbau des Systems vorsahen. Unter Obama hingegen wurde die Bedrohung durch iranische Langstreckenraketen als geringer eingestuft als bis dahin angenommen.

Daher sollte der Schirm nun schrittweise aufgebaut werden, beginnend mit dem Schutz der europäischen Verbündeten. Erst in der letzten Phase um das Jahr 2020 herum sollten auch die USA gegen Langstreckenraketen aus Iran abgesichert werden. Die Systeme sollten unter anderem in der Türkei, Polen und Rumänien stationiert werden, entsprechende Verträge mit den Regierungen schlossen die USA bereits. Im vergangenen Mai beschlossen die Nato-Partner auf ihrem Gipfel in Chicago den Beginn der ersten Betriebsphase des europäischen Raketenabwehrschirms.

Stationierung an US-Ostküste statt in Europa?

Die US-Militärexperten sehen dem AP-Bericht zufolge sowohl technische als auch politische Probleme: Demnach ist Rumänien als Standort für Abwehrraketen kaum geeignet, und auch die polnischen Anlagen könnten nur dann iranische Langstreckenraketen abfangen, wenn das US-Militär erhebliche technische Fortschritte erzielen kann. Die Entwicklung dieser Fähigkeiten sei aber von der Regierung gestoppt worden, weil sie deren Umsetzung nicht für realistisch halte.

Laut dem Bericht erwog das US-Militär als Alternative, die Abwehrraketen auf Schiffen in der Nordsee zu stationieren. Dies könne jedoch erhebliche diplomatische Spannungen mit Russland zur Folge haben, das dem geplanten Raketenabwehrschild ohnehin äußerst misstrauisch gegenübersteht und vermutet, es sei hauptsächlich gegen sich und weniger gegen Iran oder Nordkorea gerichtet.

Eine in der Zusammenfassung zitierte Studie der National Academy of Sciences kam zu dem Schluss, es sei besser, die bislang geplante vierte Stufe des Schilds zu streichen und die Abwehrraketen statt in Europa an der US-Ostküste zu stationieren.

Hohe US-Militärs wollten sich AP gegenüber nicht offiziell zu den Geheimstudien äußern. Sie verwiesen jedoch auf die noch frühe Entwicklungsstufe des gesamten Projekts. Zudem würden die in Europa installierten Abwehrraketen die europäischen Verbündeten sowie auf dem Kontinent stationierte US-Truppen schützen - und Radaranlagen, die für jegliche Raketenabwehrpläne unabdingbar seien. Die Stationierung ergäbe also auch dann Sinn, wenn die USA selbst dadurch nicht geschützt seien.

In dem Dokument weisen die Rechnungsprüfer jedoch auf weitere Probleme bei dem Projekt hin, unter anderem Produktionspannen, Kostensteigerungen und die Tatsache, dass das System unzureichend zwischen echten Sprengköpfen und Attrappen unterscheiden könne.

fdi/AP

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1. ...
cato. 09.02.2013
Zitat von sysopDPAIn wenigen Jahren schon soll ein Raketenabwehrschild Europa und Amerika gegen Angriffe aus Iran und Nordkorea absichern. Nun schüren vertrauliche Studien des US-Militärs Zweifel an dem Projekt. Demnach ist fraglich, ob der Schutz vor iranischem Beschuss überhaupt funktioniert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/geheimstudien-stellen-geplanten-us-raketenabwehrschirm-in-frage-a-882371.html
Iran und Nordkorea ... schaut man einmal auf die Landkarte sind natürlich ganz zufällig China und Russland in der Nähe dieser militärischen Regionalmächte, die eigentlich keinerlei Bedrohung für die Nato darstellen.
2. Meine güte
alexg 09.02.2013
Glaubt eigentlich jemand ernsthaft an so eine iranische Bedrohung? Und dagegen dann ein Raketenschild, was womöglich permanent auf Schiffen im Atlantik befestigt wird.. Schon beängstigend zu sehen, was für Lobbies im Hintergrund unsere Weltpolitik lenken.
3. Nichts neues
rodelaax 09.02.2013
Dass dieser "Raketenschirm" nicht funktioniert, ist schon oft von Sachverständigen gesagt worden. Hauptsache die dummen Europäer (hauptsächlich Osteuropäer) kaufen, wider besseren Wissens, das prestigebringende System und bezahlen Milliarden an die Amis.
4. Putin lachte schallend
winterwoods 09.02.2013
Zu diesem Thema werde ich mich immer daran erinnern, wie Putin in einem Interview wirklich in schallendes und fröhliches Gelächter ausbrauch, als ihn der Interviewer auf den Raketenschirm ansprach und fragte, und ob es da wirklich um Korea/Iran ginge. Putin meinte (immer noch japsend), das sei eine Ausrede, es ginge in Wirklichkeit nur um eine Kräftedemonstration/Bedrändung Russlands. (was irgendwie auch viel mehr Sinn macht)
5. Das eigentliche Ziel
kölschejung72 09.02.2013
des Raketenabwehrschirms ist Russland. Die Kapazität würde natürlich nicht ausreichen, um die Russischen Atomraketen komplett abzufangen. Möglich wäre aber ein Raketenabwehrschirm, der nach einem Erstschlag der USA die Zweitschlagswaffen abfängt. Und zu Nordkorea kann man nur sagen: Die hätten ohne Hilfe Chinas niemals Atomwaffen entwickeln können. Die Rolle Nordkoreas ist die des Schlägers Chinas. Wenn die Chinesen Atomwaffen offensiv einsetzen oder verkaufen wollen, dann wird das Nordkorea für China tun, damit China offiziell nichts damit zu tun hat. Das heisst jetzt natürlich nicht, dass die Chinese oder gar die USA Atomwaffen einsetzen wollen. Aber allein die Möglichkeit hat ein enormes Erpressungspotential. Sollten die USA die technischen Probleme lösen und beginnen, ein Raketenabwehrsystem in Osteuropa zu stationieren, dürfte die nächste Kubakrise mit dem Einsatz Russischer Atomwaffen bevorstehen, denn die Russen wissen, dass sonst das Gleichgewicht der atomaren Abschreckung zu ihren Ungunsten zusammenbricht.
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