Geisel-Drama In der Hand der Erdbeben-Brigaden

Hinter der Entführung von Susanne Osthoff steckt eine Gruppe irakischer Aufständischer mit dem Namen "Saraja al-Salasil" - "Sturmtruppen der Erdbeben". Frühere Aktionen der Formation legen nahe, dass sie nicht der al-Qaida angehört, die ihre Geiseln oft brutal hinrichtet.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Es war eine alltägliche Meldung, die Anfang November auf der Website des arabischen Satellitensenders al-Dschasira zu lesen war. Durch den Fall der im Irak entführten Deutschen Susanne Osthoff hat sie nun eine ganz neue Bedeutung angenommen: Eine Gruppe namens "Erdbeben-Brigaden", hieß es in dem Artikel, habe südlich von Bagdad eine Rakete auf eine US-Drohne abgefeuert und diese Tat im Internet dokumentiert. Bei den Raketenschützen handelt es sich möglicherweise um dieselbe Gruppe, die auch die deutsche Archäologin in Geiselhaft hält: Nach Informationen des SPIEGEL bezeichnen sich die Entführer auf dem Bekennervideo mit einem fast identischen Namen - "Saraja al-Salasil", übersetzt "Sturmtruppen der Erdbeben".

Screenshot der JAME-Homepage: Stammen die Entführer aus dem nationalistischen Milieu?

Screenshot der JAME-Homepage: Stammen die Entführer aus dem nationalistischen Milieu?

Die "Erdbeben-Brigaden", berichtete al-Dschasira am 7. November weiter, gehörten zu den "Brigaden der Revolution von 1920", die wiederum der bewaffnete Arm einer Dachorganisation mit Namen "Islamischer Widerstand im Irak" seien. Sollten die beiden Erdbeben-Brigaden tatsächlich identisch sein, würde das bedeuten, dass die 43-jährige Bayerin sich in der Gewalt einer nationalistisch-irakisch ausgerichteten Gruppe befindet, die für Entführungen von Westlern bisher nicht bekannt war. Mit der irakischen Qaida-Filiale hat sie ebenfalls nichts zu tun, was die Wahrscheinlichkeit einer Hinrichtung Osthoffs eher senkt.

Es gibt noch ein zweites Indiz dafür, dass die beiden Erdbeben-Brigaden identisch sein könnten: In einer Aufstellung bewaffneter Gruppen im Irak erwähnt die Irak-Analystin Kathleen Ridolfo auch die "Kata'ib al-Zilzal al-Mudschahidah", wörtlich: "Die Dschihadtreibenden Erdbeben-Brigaden". Zwar taucht das arabische Wort für "Erdbeben" (Zilzal) hier nur im Singular auf, und nicht im Plural, wie in dem Bekennervideo.

Aber Ridolfo, die in Prag für den Nachrichtendienst "Radio Free Europe/Radio Liberty" arbeitet und zuvor am Institute for National Strategic Studies in den USA tätig war, geht von einer Verbindung zwischen der Erdbeben-Truppe und den "Salah al-Din al-Ayyubi"-Briagden aus - und die fungieren nachweislich als militärischer Zweig der "islamischen irakischen Widerstandsfront". Diese wiederum gehört zu einem Zusammenschluss militanter nationalistischer Organisationen, dem sich auch die "Brigaden der Revolution von 1920" angeschlossen haben. Hier treffen sich die beiden Indizienketten.

Die Erdbeben-Brigaden, so Ridolfo im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, seien erstmals im Februar 2004 aufgefallen, als sie in der Stadt Ramadi Flugblätter verteilt hätten, in denen sie Irakern mit dem Tod drohen, die den US-Truppen als Informanten dienen.

"Die Amerikaner sind unsere Ziele"

Gewissheit über Osthoffs Entführer bringt das nicht, aber die neuen Hinweise lassen die begründete Hoffnung zu, dass die Geiselnehmer von den "Erdbeben-Brigaden" Bestandteil des komplexen Geflechtes irakisch-nationalistischer Widerstandsgruppen sind - und nicht zum dschihaditischen Lager zählen, das von al-Qaida angeführt wird und wo Geiselhinrichtungen weit häufiger vorgekommen sind.

Einige Hinweise auf Ideologie und Taktik dieser Gruppen und Zusammenschlüsse kann man deren Verlautbarungen entnehmen. So spricht sich die Dachorganisation "islamische irakische Widerstandsfront" (JAME) auf ihrer Homepage gegen Autobomben aus, die auch die irakische Zivilbevölkerung treffen. "Die Amerikaner, die Besatzer, die Ungläubigen, sind unsere Ziele, die greifen wir an."

Entführte Osthoff: "Die Amerikaner sind unsere Ziele"
REUTERS / ARD

Entführte Osthoff: "Die Amerikaner sind unsere Ziele"

Weiter heißt es: "Wir leisten Widerstand gegen die Besatzung, und zwar mit Waffen und mit Politik". Das ist ein bedeutender Unterschied zu den dschihadistischen Gruppen, die mehrfach beteuert haben, der einzige Dialog mit den Feinden sei "mit dem Schwert" zu führen. Außerdem erklärt JAME: "Wir sind Iraker väterlicher- und mütterlicherseits", so wie auch an anderer Stelle betont wird, die Ziele und Aktivitäten von JAME seien auf den Irak beschränkt. "Unser militärischer Zweig sind die "Brigaden Salah al-Din", steht am Schluss der Selbstbeschreibung. Dieser Zweig folge ausschließlich den Anweisungen des Politbüros von JAME.

Ein Beleg für die Kooperation zwischen JAME und den "Brigaden der Revolution von 1920" findet sich in einem im Internet veröffentlichten gemeinsamen Kommunique vom 29. November: Dort heißt es, "mehrere Fraktionen" hätten sich bereit erklärt, sich an der Suche nach einer Strategie für die Zeit nach den irakischen Wahlen am 15. Dezember zu beteiligen. Allerdings ist es auch von der "Islamischen Armee" und der "Armee der Mudschahidin" unterschrieben, die für einen härteren militärischen Kurs bekannt sind.

Zweifel bleiben

Laut einem Aufsatz von Walter Posch in "Politik und Zeitgeschichte" vom November 2004 gehören die Revolutionsbrigaden, denen al-Dschasira die Erdbeben-Brigaden zuordnet, zu jenen militanten irakischen Gruppierungen, "die die meisten Anschläge auf die Besatzungsgruppen zu verantworten haben". Posch glaubt, diese Organisationen agieren unabhängig von den Überbleibseln der Baath-Partei. Andere Experten vermuten allerdings, nicht zuletzt wegen der militärischen Expertise einiger dieser Gruppen, dass ehemalige Militärkader hier Unterschlupf gefunden haben könnten.

Das letzte Bekennerschreiben der Revolutionsbrigaden stammt von Ende September. Darin wird das erfolgreiche Zünden eines Sprengsatzes gegen zwei US-Soldaten bekannt gegeben. Ausweislich der JAME-Homepage fand der letzte Anschlag der "Brigaden Salah ad-Din" am 29. Oktober statt. Auch hierbei handelte es sich den Angaben zufolge um einen Sprengsatz gegen einen US-Militärjeep.

Noch basiert der angenommene Zusammenhang zwischen den Osthoff-Entführern und den "Revolutionsbrigaden" sowie den "Brigaden Salah ad-Din" auf Indizien. Diese sind aus dem arabischen Namen der Gruppe der Geiselnehmer abgeleitet - weil das in arabisch-terroristischen Kreisen nicht sehr geläufige Wort "Erdbeben" in den Selbstbezeichnungen beider Gruppen auftaucht. Dieser Schluss ist nahe liegend, aber keineswegs über jeden Zweifel erhaben.

So nannte sich die Gruppe, die Ridolfo auflistet, "Kata'ib al-Zilzal al-Mudschahida", also wörtlich: "Dschihadtreibende Brigaden des Erdbebens". Die Osthoff-Entführer nennen sich dagegen "Saraja al-Zalazil", was - ganz präzise übersetzt - "Sturmtruppe des Erdbebens" bedeutet. Diese Ungereimtheit wird aber zum Teil dadurch aufgehoben, dass in beiden Fällen eine Verbindung zu anderen Gruppen gezogen werden kann, die wiederum nachweislich miteinander kooperieren.

Osthoff war gewarnt

Obwohl die deutsche Botschaft in Bagdad die Archäologin Susanne Osthoff mehrfach gewarnt hatte, sie sei in Gefahr und solle so schnell wie möglich das Land verlassen, hat die Bundesregierung nach Informationen des SPIEGEL indirekt die Arbeit der Wissenschaftlerin im Irak bis Ende Mai finanziell unterstützt. Deutsche Diplomaten bestätigten am 6. Februar 2005 der irakischen Antikenverwaltung, dass das Auswärtige Amt für ein von Osthoff vorgeschlagenes Projekt im Irak möglicherweise einen Zuschuss geben werde.

Am 18. Mai sagte das Auswärtige Amt tatsächlich rund 40 000 Euro für die Rekonstruktion einer osmanischen Karawanserei aus dem Jahr 1793 in Mossul zu, an der Osthoff beteiligt war. Gut 10000 Euro flossen sofort, aber nicht direkt an Osthoff, sondern an die irakische Antikendirektion. Allerdings, so das Auswärtige Amt, habe man nur das Projekt sponsern wollen. Gleichzeitig habe man aber massiv auf die Ausreise von Osthoff hingewirkt.

Mittlerweile hat der Krisenstab der Bundesregierung die letzten Stunden vor der Entführung teilweise rekonstruiert. Danach brach Osthoff am 25. November um 6 Uhr morgens mit ihrem irakischen Fahrer Chalid al-Schimani in einem weißen GMC-Taxi mit Bagdader Kennzeichen ins rund 350 Kilometer entfernte Arbil im Nordirak auf. Nach etwa 200 Kilometern, kurz vor Tus Churmatu, war die Straße gesperrt, angeblich wegen einer Militäraktion. Osthoff wollte die Stadt vermutlich westlich umfahren. Um 10 Uhr war sie bei irakischen Gesprächspartnern in Arbil angekündigt, doch sie kam nicht an. Am Sonnabendmorgen erhielt die Hostage Warning Group der US-Botschaft im Irak einen Hinweis auf eine Entführung und alarmierte die deutsche Botschaft.



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