Geisel in Waziristan US-Reporter entwischt den Taliban

Sieben Monate war der "New York Times"-Reporter David Rohde in der Hand der Taliban, irgendwo zwischen Afghanistan und Pakistan. Nun konnte er fliehen. Damit endete ein Drama, das strikt geheim gehalten wurde. Am Ende halfen dem Reporter ein bisschen Mut und sehr viel Glück.

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Sanaa - Für alle Reporter in Afghanistan und Pakistan, für die "New York Times", vor allem aber für den US-Journalisten David Rohde, seinen Dolmetscher und die Frau des Reporters ist es die beste Nachricht des Jahres: Nach mehr als sieben Monate in der Hand der Taliban ist der Reporter am Samstagmittag sicher und unversehrt auf der US-Basis Bagram nördlich der Hauptstadt Kabul gelandet.

David Rohde zu Zeiten seines ersten Pulitzerpreises im Jahr 1995: Ein junger brillanter Krisenreporter
AP

David Rohde zu Zeiten seines ersten Pulitzerpreises im Jahr 1995: Ein junger brillanter Krisenreporter

Die "New York Times" veröffentlichte ein kurzes Statement, dass die spektakuläre Flucht des Reporters bestätigt. In Kabul waren seit dem Samstagmorgen bereits Gerüchte im Umlauf gewesen. Nun aber steht es fest: Einer der dramatischsten Entführungsfälle in Afghanistan in den Jahren nach dem Sturz des Taliban-Regimes ist vorbei.

Die Entführung von Rohde am 10. November 2008, damals war der Journalist mit seinem Dolmetscher und seinem Fahrer in der Provinz Logar nahe Kabul gekidnappt worden, war über Monate hin geheim gehalten worden. Die "NYT" hatte alle westlichen Medien, darunter auch SPIEGEL ONLINE, eindrücklich gebeten, im Interesse an einer Lösung des Falls nicht über die Verschleppung zu berichten.

Der Chefredakteur der "New York Times" bedankte sich ausdrücklich für dieses Verhalten. "Wir sind enorm dankbar für die Unterstützung", wurde Bill Keller auf der Web-Seite der Zeitung zitiert.

Dort heißt es, dass mit Rohde auch sein Dolmetscher aus der Geiselhaft entfliehen konnte. Beide seien bei guter Gesundheit, der Dolmetscher habe sich bei der Flucht lediglich den Fuß verletzt. Der Fahrer, der die beiden am Tag der Entführung begleitet hatte, ist jedoch noch immer in der Hand der Taliban. Agenturberichten zufolge soll er sich sogar der Gruppe der Entführer angeschlossen haben.

Die dürren Details der Flucht lesen sich fast zu schön, um wahr zu sein. Rohde sei am Freitagabend in einem unbemerkten Moment einfach über die Mauern eines Gehöfts in der pakistanischen Region Waziristan geklettert, sein Dolmetscher Tahir Ludin folgte wenig später. Wie lange die beiden bereits in dem von Taliban kontrollierten Haus festgehalten worden waren, verrät die Zeitung nicht.

Nach der wundersamen Flucht habe der US-Reporter pakistanische Soldaten erspäht, die ihn sicher zu einer Armeebasis gebracht hätten. Von dort aus, mit einem Zwischenstopp in Islamabad, wurde er schließlich am Samstagmittag nach Bagram in Afghanistan gebracht. Bisher gibt es vom US-Militär keine Bestätigung, doch Rohde meldete sich telefonisch bei seiner Ehefrau Kristen Mulvihill.

Die Region, in der Rohde festgehalten wurde, gilt bei Geheimdiensten als eine der gefährlichsten der Welt. Taliban und al-Qaida haben diesen Teil von Pakistan fest unter ihrer Kontrolle, die Staatsmacht traut sich kaum in die bergige Krisenregion. Dass Rohde von hier entfliehen konnte, man kann es nicht anders sagen, gleicht einem Wunder.

Auf dem Weg zu einem Interview mit einem Taliban-Kommandeur waren Rohde, sein Fahrer und sein Dolmetscher von Bewaffneten verschleppt worden. Sehr schnell wurde in Geheimdienstkreisen angenommen, dass Rohde und die beiden anderen Männer an Kämpfer des Taliban-Fürsten Dschallaludin Hakkani übergeben worden und nach Pakistan gebracht worden seien.

Hakkani gilt als blutrünstiger Kommandeur mit engen Verbindungen zum Terror-Netzwerk al-Qaida. Im Gegensatz zu anderen Geiselnahmen, das war schnell klar, würde mit ihm nicht über Lösegeld zu verhandeln sein. Vielmehr erwartete man, dass er Rohde als Werkzeug seiner Terror-Propaganda nutzen würde.

Fatal erinnerte der Fall an Daniel Pearl, den Reporter des "Wall Street Journals", der nach seiner Entführung in Pakistan im Jahr 2002 vor laufender Kamera getötet worden war. Ein ähnliches Schicksal, musste man fürchten, drohte auch David Rohde.

In den kommenden Monaten setzte die "Times", vor allem aber auch die Ehefrau von Rohde, alles in Bewegung, um den Reporter freizubekommen. Immer wieder gab es Lebenszeichen des 41-Jährigen. Mal waren es Anrufe, dann Videos, in denen der Journalist mit seinen schwerbewaffneten Peinigern zu sehen war.

Rohde gilt in der Reporterszene als einer der besten Kenner der Krisenregion. Mit seiner dürren Statur, seinen hinter einer Intellektuellen-Brille versteckten Augen und seiner diskreten, freundlichen Art aber gehört er in der von selbstverliebten Raubeinen geprägten Szene einer seltenen Sorte an.

Stets leise und doch penetrant bei seinen Fragen und Recherchen, erarbeitete sich der Reporter einen exzellenten Ruf und beste Kontakte zu allen Konfliktparteien. Zuerst auf dem Balkan und am Ende in Afghanistan und Pakistan war oft er es, der exklusive Storys recherchierte und so nah an den Beteiligten war wie kein anderer.

Brandgefährliche Gegend: das Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan
DER SPIEGEL

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Was die Taliban für die Freilassung forderten, wurde geheim gehalten. In Kabul aber war zu hören, dass sie die Freilassung von vielen ihrer Kampfgenossen aus afghanischen Gefängnissen zu erpressen versuchten. Obwohl sich die Regierung von Hamid Karzai in der Vergangenheit immer wieder auf solche Deals eingelassen hatte, erschien ein Eingehen jetzt so gut wie unmöglich.

Rohde, so schien es jedenfalls, war dem Tod geweiht.

Das letzte Video des Mannes tauchte vor etwa vier Monaten auf, wurde aber von keinem Medium veröffentlicht. Wenig später war zu hören, dass die "NYT" und Rohdes Frau direkt mit den Entführern verhandelten, Details wurden aber nicht bekannt.

Fast tragisch wirkte es da, als Rohde im April 2009 gemeinsam mit dem Team der "NYT" den prestigeträchtigen Pulitzerpreis für ihre Berichterstattung aus der brandgefährlichen Region Afghanistans und Pakistan, unter Fachleuten mittlerweile stets als "AFPAK" abgekürzt, erhielt. Trotz der großen Aufmerksamkeit aber hielten sich alle Medien an das Stillhalteabkommen, zu dieser Zeit wusste niemand, ob der Preisträger Rohde noch am Leben war. Er selbst dürfte erst jetzt von der Auszeichnung erfahren haben.

Rohdes zweiter Pulitzerpreis - und zweite Gefangenschaft

Im Jahr 1996 hatte Rohde seinen ersten Pulitzerpreis erhalten. Er hatte für das Magazin "Christian Science Monitor" über das Massaker im bosnischen Srebrenica berichtet. Dabei war es ihm gelungen, die Existenz der berüchtigten Massengräber bosnischer Männer zu verifizieren, über die bis dahin nur gemutmaßt worden war.

Als erster westlicher Journalist war er tatsächlich in die betroffenen Gebiete gereist. Er veröffentlichte seine Artikel in einer aufsehenerregenden Serie. Während seiner Recherchen war Rohde für einige Zeit in serbischer Haft, weil er - angeblich - unerlaubt in ein Sperrgebiet eingedrungen war. Ihm wurde vorgeworfen, als Spion für die Nato tätig zu sein, worauf im Extremfall die Todesstrafe gestanden hätte.

Nach zehn Tagen mit extrem schwierigen Haftbedingungen wurde der Reporter jedoch freigelassen. Serbenführer Slobodan Milosevic wollte auf diese Weise seine Verhandlungsposition bei den Friedensgesprächen von Dayton verbessern, die damals kurz vor dem Abschluss standen.

Im Jahr 1996 heuerte Rohde dann bei seinem aktuellen Arbeitgeber, der "New York Times", an. Für das Blatt hat er seit dem unter anderem aus dem Irak und aus Afghanistan berichtet und über das Schicksal freigelassener Guantanamo-Häftlinge geschrieben. In der Zeit zwischen 2002 und 2005 war er Co-Büroleiter im Südostasien-Büro der Zeitung in Bangkok.

Mehr Details über die Flucht von Rohde wurden zunächst nicht bekannt. Allerdings ist zu erwarten, dass Rohde selber sich in den kommenden Tagen dazu äußern wird. Chefredakteur Keller wollte dennoch allen Gerüchten vorbeugen und erklärte demonstrativ, dass kein Lösegeld gezahlt worden sei.

Ebenso seien keine Gefangenen aus Gefängnissen freigekommen, was die "NYT" trotz exzellenter politischer Kontakte wohl so oder so nicht hätte bewerkstelligen können. "Seine Strategie zu erörtern, verhilft den Kidnappern zu Hinweisen für weitere Verschleppungen", so Chefredakteur Keller leicht kryptisch.

Das US-Militär bestätigte die Ankunft von Rohde auf der Militärbasis in Afghanistan. Ein Sprecher betonte, US-Soldaten seien nicht an der Befreiung beteiligt gewesen. Mit welchem Flugzeug der Reporter nach Afghanistan geflogen worden sei, könne er nicht sagen.

Am meisten wird sich wohl Rohdes Frau freuen. Sie hatte den Journalisten erst zwei Monate vor seiner Verschleppung geheiratet und dann alle Bemühungen um die Freilassung koordiniert. Wann sich die beiden wiedersehen, ist bisher unklar, doch ihre Erleichterung dürfte übergroß sein.



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