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Geisel-Krise: Irans Kohorten verschärfen Nahost-Konflikt

Von , Tel Aviv

Ein neues explosives Kräfteverhältnis entsteht im Nahen Osten. Die schiitische Hisbollah schlägt sich auf Seiten der sunnitischen Hamas, um Israel Paroli zu bieten. Damit werden nicht nur der Libanon, sondern auch Syrien und Iran noch stärker in den Konflikt hineingezogen.

Tel Aviv - Israel stellt sich auf einen langen Krieg ein. Seit dem Angriff von Hisbollah-Milizen an der israelisch-libanesischen Grenze werden mehrere Tausend Reservisten mobilisiert. Als wahrscheinlich gilt auch die Bildung einer Notstandsregierung. In ihr wären Hardliner vertreten, wie zum Beispiel der ehemalige Premier Benjamin Netanjahu oder Avigdor Lieberman, der Vorsitzende der kleinen, aber einflussreichen rechtsextremen Partei Israel Beiteinu (Unser Haus Israel). Beide fordern sowohl gegenüber den Palästinensern als auch gegenüber dem Libanon und dessen syrischen Nachbarn eine noch härtere Linie.

Es droht ein regionaler Flächenbrand. Denn die radikal-islamische Partei wird von Syrien und Iran sowohl finanziell als auch logistisch unterstützt. So hat die syrische Regierung die Entführung der beiden israelischen Soldaten ausdrücklich gelobt. Die Kidnapper werden als Helden glorifiziert, weil sie die Ehre der arabischen Nation wieder hergestellt hätten.

Auch mit Iran pflegt die Hisbollah auf höchster Ebene enge Beziehungen. Ihr Verbindungsmann zu den Ajatollahs ist der ehemalige Innenminister Ali Akbar Mohatshemi, ein Anhänger von Chatami. Mohatshemi hatte in den frühen achtziger Jahren die Gründung der Hisbollah gefördert, als er iranischer Botschafter in Damaskus war. Der offizielle Vertreter des Supreme Leaders zur Unterstützung palästinensischer Gruppen verfügt auch über beste Beziehungen zu Hamasführer Chaled Mashal in Damaskus. Somit sieht sich Israel in der jüngsten Krise nicht nur mit der Hisbollah konfrontiert, sondern ebenso mit dem syrischen Regime und den Mullahs in Teheran.

Der von Syrien und Iran unterstützte Hisbollahchef Hassan Nasrallah steht einer straff geführten Organisation vor. Wenn er jetzt seinen Einfluss nach Palästina ausweitet, verstärken auch Syrien und Iran ihren Zugriff auf die Krisenregion. Der Angriff der Hisbollah und die Entführungen der beiden israelischen Soldaten seien nämlich das Resultat einer engen Koordination zwischen der radikal-islamischen Palästinenserbewegung Hamas und der schiitischen Hisbollah, vermuten Beobachter im Nahen Osten. Und die israelische Regierung beschuldigt die Regierungen in Damaskus und in Teheran, für die Koordination verantwortlich zu sein.

Nasrallah, der sich als starker Freund der Palästinenser profiliert, eilt der von Israel bedrängten Hamas zu Hilfe. Das führt zu einem neuen explosiven Kräfteverhältnis im Nahen Osten. Er weiß, wie wichtig den Israelis die Heimkehr der Soldaten ist. Nasrallah nutzt dies aus, um von Israel die Befreiung palästinensischer und arabischer Häftlinge zu erpressen, was der Hamas bisher nicht gelungen ist.

Mit der jüngsten Entführung hat der Hisbollahführer die radikal-islamische Hamas auf den zweiten Platz verwiesen. Auf den Straßen von Gaza wurden Süßigkeiten verteilt, um die jüngste Entführung durch die Hisbollah zu feiern. Künftig werde Nasrallah – und nicht die Hamas - die Forderungen zur Freilassung libanesischer und palästinensischer Geiseln stellen, vermuten israelische Beobachter. Gelingt ihm das, wird er nicht nur bei den Palästinensern, sondern im ganzen islamisch-arabischen Raum punkten können, und zwar gewaltig.

Die beiden in den Libanon entführten Soldaten werde er erst freilassen, wenn Israel in den Gefangenenaustausch einwillige, sagt Nasrallah. In einer live übertragenen Rede warnte er die israelische Regierung vor dem Versuch, die beiden Soldaten mit Gewalt befreien zu wollen. Sie seien an einem unzugänglichen Ort. Nur Verhandlungen würden das Problem lösen können.

Doch davon will Premier Ehud Olmert nichts wissen. Der Libanon sei für die Hisbollahangriffe verantwortlich und werde für die Eskalation einen hohen Preis bezahlen müssen, droht er. Die israelische Luftwaffe, Panzerverbände und Infanterietruppen, die im Libanon engagiert sind, könnten die Infrastruktur des Libanon um 20 oder sogar 50 Jahre zurückwerfen, warnen hohe israelische Offiziere.

Tausende von Libanesen sind bereits aus dem Süden des Landes in Richtung Beirut geflohen, um sich vor israelischen Luftangriffen in Sicherheit zu bringen. Der wirtschaftliche Aufschwung des Libanon wird durch die Kampfhandlungen zurückgeworfen. Politiker in Beirut befürchten, dass ihnen ein ähnliches Schicksal wie dem Gazastreifen drohen könnte. Sie haben bisher aber nicht den Mut aufgebracht, den militanten Hisbollahmilizen Einhalt zu gebieten.

Die Schiitenmiliz spielt nämlich eine trickreiche Doppelrolle. Einerseits ist sie im libanesischen Parlament vertreten und delegiert Minister in die Regierung des Landes, anderseits bildet sie einen Staat im Staat. Nicht die libanesische Armee, sondern die Milizen der Hisbollah kontrollieren den Süden des Libanon sowie ganze Stadtteile in der Hauptstadt Beirut, in die sich die libanesischen Sicherheitskräfte nicht vorwagen.

Israel will die libanesische Regierung deshalb mit der Invasion unter Druck setzen, die radikal-muslimische Hisbollah zu entwaffnen. Doch es ist fraglich, ob die libanesische Regierung dazu in der Lage ist. Die Hisbollahmilizen sind nämlich stärker als die libanesische Armee. Zudem können sie sich auf ihre Freunde in Damaskus und in Teheran verlassen.

Pierre Heuman ist Nahostkorrespondent der Schweizer "Weltwoche"

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