Angriff auf Gasanlage in Algerien: Islamisten haben immer noch Geiseln in ihrer Gewalt

Ain Amenas, Algerien: Angehörige von befreiten Geiseln vor einem Krankenhaus Zur Großansicht
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Ain Amenas, Algerien: Angehörige von befreiten Geiseln vor einem Krankenhaus

Algerien bleibt hart bei den Verhandlungen mit den Entführern von Ain Amenas - damit ist das Leben von vielen Geiseln weiter in Gefahr. Denn immer noch sind laut Regierungsangaben 30 Menschen in der Hand der Islamisten.

Algier - Die algerische Regierung verweigert hartnäckig die Verhandlungen mit den Geiselnehmern von Ain Amenas und lässt sich dafür von den Medien feiern - trotz der vielen Toten. Das Schicksal mehrerer Geiseln bleibt damit ungewiss.

Drei Tage nach dem Angriff islamistischer Kämpfer auf eine Gasförderanlage in Algerien befänden sich noch 30 Geiseln in der Gewalt der Terroristen, sagte der algerische Kommunikationsminister Mohand Oussaid Belaid im Radio. Die mauretanische Nachrichtenagentur ANI und ein Vertreter der algerischen Sicherheitskräfte berichten, noch sieben bis zehn Menschen seien in Händen der Entführer.

Demnach handelt es sich bei den noch festgehaltenen Geiseln um drei Belgier, zwei US-Bürger, einen Japaner und einen Briten. Die Agentur berief sich auf das Umfeld des islamistischen Kommandos. Die dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestehende Gruppe Muwaqiun bi-I Dam ("Die mit Blut unterzeichnen") hält die Geiseln demnach in der Anlage fest.

Zwei Mitarbeiter des norwegischen Energiekonzerns Statoil sollen hingegen in Sicherheit sein. Wie die sie freikamen, teilte das Unternehmen, das die Anlage gemeinsam mit dem britischen Energieriesen BP und dem algerischen Staatsunternehmen Sonatrach betreibt, am Samstag nicht mit. Sechs weitere Mitarbeiter würden noch vermisst, hieß es lediglich.

Die algerische Nachrichtenagentur APS meldete unter Berufung auf Kreise der Sicherheitskräfte, seit dem Beginn des Militäreinsatzes seien etwa hundert der insgesamt 132 ausländischen Geiseln befreit, zwölf Geiseln und 18 Kidnapper getötet worden. Eine unabhängige Bestätigung hierfür liegt bislang nicht vor. Außerdem hätten die Spezialeinheiten 573 Algerier befreit.

Das US-Außenministerium teilte mit, dass noch immer US-Bürger in Algerien festgehalten würden. Um wie viele Staatsbürger es sich handelt, sagte Ministeriumssprecherin Victoria Nuland nicht.

"Die Lage ist instabil"

Ein Nachrichtenportal in Mauretanien berichtete, die Entführer böten den Austausch zweier US-Geiseln gegen zwei in den USA inhaftierte Islamisten an. Bei einem der beiden handelt es sich um Omar Abd al-Rahman. Der blinde Scheich wurde wegen eines Anschlags auf das World Trade Center im Jahr 1993 zu lebenslanger Haft verurteilt. Als Zweiter wurde Aafia Siddiqui genannt, ein Pakistaner, der wegen der Tötung zweier US-Soldaten in Afghanistan verurteilt wurde. Die USA lehnten jedoch ab. "Die Vereinigten Staaten verhandeln nicht mit Terroristen", erklärte Nuland in Washington.

US-Außenministerin Hillary Clinton sagte nach einem Telefonat mit dem algerischen Regierungschef Abdelmalek Sellal in Washington, dieser habe "deutlich gemacht, dass die Operation immer noch andauert, die Lage instabil ist und noch in mehreren Fällen Geiseln in Gefahr sind".

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Entführung in Algerien: Die Geiseln vom Gasfeld
US-Außenamtssprecherin Victoria Nuland bestätigte später den Tod eines US-Bürgers. Der US-Fernsehsender NBC berichtete dies ebenfalls und gab zudem an, zwei US-Bürger würden noch vermisst. Dem französischen Außenminister Laurent Fabius zufolge war unter den getöteten Geiseln auch ein Franzose.

Japans Regierungschef Shinzo Abe sagte nach einer Krisensitzung seines Kabinetts in Tokio, es würden noch zehn Japaner vermisst. Die algerische Regierung rief er dazu auf, sich "mit allen Mitteln" für deren Befreiung einzusetzen.

Der Uno-Sicherheitsrat verurteilte die Geiselnahme scharf. In einer in New York verbreiteten Mitteilung sprachen die 15 Mitglieder des Gremiums von einem "abscheulichen" Angriff der islamistischen Kämpfer, die dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestehen.

Überstürzte Befreiungsaktion, schlechte Vorbereitung

Die algerische Armee hatte am Donnerstag in der Gasanlage bei Ain Amenas nahe der libyschen Grenze eine Befreiungsaktion gestartet, nachdem die Islamisten dort am Mittwoch Hunderte Geiseln genommen hatten. Die Islamisten fordern unter anderem ein Ende des französischen Militäreinsatzes im Norden Malis.

Politik und Medien in Europa und den USA werfen der algerischen Armee beim Versuch, die Geiseln aus der Hand der Entführer zu befreien, schwere Fehler vor. Der Angriff auf die Kidnapper sei überstürzt erfolgt und offenbar unzureichend vorbereitet gewesen.

Großbritanniens Premier David Cameron hüllte seine Kritik in diplomatische Floskeln, zeigte sich aber brüskiert darüber, dass er erst nach Beginn der Militäroperation von seinem Amtskollegen Abdelmalek Sellal über den Sturm auf die Gasförderstätte informiert wurde.

Der französische Premierminister Jean-Marc Ayrault dagegen hatte am Freitag die Kritik am Vorgehen Algeriens zurückgewiesen. Die Informationspolitik der dortigen Behörden sei gut. Frankreichs Innenminister Manuel Valls erklärte, befreundete Staaten hätten nicht die Aufgabe, sich während eines Einsatzes mit kritischen Kommentaren einzumischen. Der britische "Guardian" hatte einen britischen Sicherheitsexperten mit den Worten zitiert, der Verlauf des Einsatz entspreche, "nicht der Art, wie wir das gemacht hätten".

Ganz anders der Tenor in den regierungstreuen algerischen Medien: Die großen Zeitungen "al-Shoruq" und "al-Khabar" loben die schnelle Reaktion der Streitkräfte. Auch das Staatsfernsehen feierte das Vorgehen der Armee: Es zeigte Bilder von algerischen Arbeitern, die aus den Händen der Geiselnehmer befreit werden konnten.

"Sie haben einen phantastischen Job gemacht", sagte einer der vier britischen Geiseln, die von der algerischen Armee befreit wurden in einem Interview aus einem fahrenden Bus heraus, der sie offenbar in Sicherheit brachte. Der neben ihm sitzende Mann ergänzte: "Sie haben uns beschützt und die bad guys ferngehalten. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich in Gefahr bin." Ein dritter Mann mit schottischem Akzent sagte, er sei erleichtert, dass er entkommen sei. Die Armee sei "phantastisch" gewesen.

jjc/AFP/dapd

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1. liesst sich dann doch anders
ofelas 19.01.2013
es hilft immer ueber den Tellerrand zu schauen, hier Robert Fisk "I called up another friend, a French ex-legionnaire, yesterday. Why was France in Mali, I asked? “Well, they say that the Islamists would have reached Bamako and there would have been a Taliban-in-Kabul situation, a state that had fallen into extremist hands. But I myself don’t understand. Mali is an artificial state whose northern inhabitants, especially the Tuaregs, have always refused to be ruled by a black government in the south. It’s tribal, with a veil of ‘Islamism’ over the top of it – and now how do we get ourselves out of this mess?” Algeria, Mali, and why this week has looked like an obscene remake of earlier Western interventions - Comment - Voices - The Independent (http://www.independent.co.uk/voices/comment/algeria-mali-and-why-this-week-has-looked-like-an-obscene-remake-of-earlier-western-interventions-8457828.html)
2. die einzige
3nix 19.01.2013
Möglichkeit, Terrorismus zu hindern, sehe ich darin, die Täter so schnell wie möglich zu eliminieren.
3. Bitte ?
Verändert 19.01.2013
Das Leben der Geiseln ist so oder so in Gefahr, weil sie sich nämlich in den Händen von Leuten befinden, die anders denken, als die Redakteure des SPON. Mit den Geiselnehmern kann man sich nicht zusammensetzen und einne hübschen Vertrag aufsetzen, an den sich dann bitte beide Seiten brav halten mögen. Das ist nämlich immer sehr schwierig mit Vertragspartnern, die alle, die nicht sind, wie sie, als minderwertigen Dreck betrachten, den zu töten nicht nur nicht falsch, sondern eine gottgegebene Aufgabe ist. Die einzige Chance, die die Geiseln haben, ist, dass die Armee weitere Geiseln zu befreien in der Lage ist.
4. Russische Methode anwenden?
hubertrudnick1 19.01.2013
Zitat von sysopAlgerien bleibt hart bei den Verhandlungen mit den Entführern von Ain Amenas - damit ist das Leben von vielen Geiseln weiter in Gefahr. Denn immer noch sind laut Regierungsangaben 30 Menschen in der Hand der Islamisten. Geiseldrama in Algerien: Entführer haben noch Geiseln in ihrer Gewalt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/geiseldrama-in-algerien-entfuehrer-haben-noch-geiseln-in-ihrer-gewalt-a-878488.html)
Manchmal frage ich mich, ob es hin und wieder besser wäre die russische Methode anzuwenden, aber dann denke ich auch an die vielen eigenen Opfer und da wir nun mal zivilisierte Menschen sein wollen können wir nicht so hart vorgehen. HR
5. richtig so Algerien!
Cephalotus 19.01.2013
Den Geiselnehmern ist schon jetzt viel zuviel Aufmerksamkeit Zu Teil worden, das spornt nur die nächsten an. Ich würde es für gut erachten, wenn da SOFORT und knallhart reagiert wird. In solchen Fällen ist nicht das Leben der Geiseln erste Priorität, sondern der schnelle und unspektakuläre Tod der Geiselnehmer, um Nachahmungstätern die Motivation zu rauben. Wenn die Geiseln frei kommen, umso besser. Wichtig ist aber in meinen Augen, jeden einzelnen der Täter umzubringen. Verhandeln? Wozu? Ich würde dafür plädieren, nicht mal den Hörer abzunehmen, bildlich gesprochen. Deutschland hat doch die KSK für solche Fälle. Kann man denn Algerien nicht Unterstützung anbieten (bzw. eben die Einheiten der Länder, aus denen die Geiseln kommen) Warum dauert das jetzt schon wieder drei Tage? Wenn man keine Bodentruppen schicken kann/will, dann bombardiert man die Gebäude eben aus der Luft zu Staub. Drei Tage Heldentum für die Geiselnehmer, drei Tage Akquise neuer Terroristen...
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