Geiseldrama Nervenkrieg nach Ablauf des Ultimatums

Das Drama um das Schicksal des seit dem 25. Juni verschleppten israelischen Soldaten spitzt sich zu: Um 5 Uhr lief ein 24-stündiges Ultimatum seiner Entführer aus. Israels Armee setzte in der Nacht die Offensive im Gaza-Streifen fort.


Gaza - Bislang verweigern die Entführer des israelischen Soldaten Gilad Schalit jegliche Auskunft zum Schicksal der Geisel. Ein Sprecher der Gruppe Armee des Islams wollte am frühen Morgen nicht sagen, ob der 19-jährige Schalit noch am Leben ist. "Wir werden keine Informationen herausgeben, die der Besatzungsmacht gute Nachrichten oder Bestätigung bringen", sagte der Sprecher Abu Muthana. Allerdings fügte er ein indirektes Lebenszeichen hinzu: Nach den islamischen Regeln müsse ein Gefangener mit Respekt behandelt werden und dürfe nicht getötet werden. Auch nach Angaben des israelischen Regierungssprecher Avi Pasner ist er am Leben.

Israelischer Panzer im Gaza-Streifen: Armee setzt Offensive fort
AP

Israelischer Panzer im Gaza-Streifen: Armee setzt Offensive fort

Die "Armee des Islams" hat sich ebenso wie der militärische Flügel der Hamas und das "Volkswiderstandskomitee" zu der Geiselnahme bekannt. Am Montag hatten mehrere Nachrichtenagenturen ein Schreiben erhalten, in dem Israel bis heute am frühen Morgen Zeit gegeben wurde, mit der Freilassung palästinensischer Häftlinge zu beginnen. Andernfalls "werden wir das Kapitel des vermissten Soldaten als abgeschlossen betrachten", hieß es in der Erklärung.

Ministerpräsident Ehud Olmert lehnte die Forderung ab. Stattdessen stimmte er gestern Abend einer Fortsetzung der militärischen Offensive im Gaza-Streifen zu. Bei Luftangriffen wurde ein Gebäude der Islamischen Universität in Gaza zerstört. Die Universität gilt als Hochburg der Hamas-Bewegung; in dem zerstörten Gebäude befanden sich auch Büros der Hamas-Studentenvereinigung.

Bei einem weiteren Luftangriff in Beit Lahija im Norden des Gaza-Streifens tötete eine Rakete ein 29-jähriges Mitglied des bewaffneten Hamas-Flügels; ein weiterer Palästinenser wurde nach Angaben palästinensischer Ärzte verletzt. Laut einer Armeesprecherin zielte der Raketenangriff auf eine Gruppe radikaler Palästinenser, die gerade Sprengsätze in der Region gelegt hätten.

Gleichzeitig drangen rund 30 Panzer und Panzerfahrzeuge tiefer in den Norden des Palästinensergebiets vor. Wie Augenzeugen berichteten, fuhren die Truppen bei Beit Hanun etwa 200 Meter weit auf nördliches Gebiet. Sie suchten wie schon am Vortag nach Tunneln, Waffenverstecken und Raketenabschussrampen.

Festnahmen im Westjordanland

In Ramallah, dem Hauptort des Westjordanlands, umstellten israelische Panzerfahrzeuge und Planierraupen die Hauptwache der Polizei und erzwangen die Herausgabe dreier palästinensischer Sicherheitsvertreter, die sie verdächtigen, an der Entführung und Tötung des 18-jährigen Siedlers beteiligt gewesen zu sein. Nach Angaben palästinensischer Sicherheitskreise sollen die drei Festgenommenen den al-Aksa-Brigaden angehören, einer lose mit der Fatah-Bewegung von Palästinserpräsident Mahmud Abbas verbündeten radikalen Gruppe. Sie hatten sich Anfang der Woche selbst der Polizei gestellt.

Die gefährliche Eskalation im Nahen Osten wird allgemein mit Sorge beobachtet. EU und USA riefen beide Seiten zur Umkehr auf. Der Sprecher des Weißen Hauses forderte die sofortige Freilassung des israelischen Gefangenen; an die israelische Seite appellierte er gleichzeitig, sich zurückzuhalten. Die EU zeigte sich zudem zutiefst besorgt wegen der Festnahme von mehr als 60 ranghohen Hamas-Mitgliedern in der vergangenen Woche, darunter auch Minister und Abgeordnete.

lan/AP/AFP



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