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18. Januar 2013, 22:14 Uhr

Geiselnahme in der Sahara

USA wollen nicht mit Islamisten verhandeln

Die Qaida-Geiselnehmer in Algerien haben den USA einen Gefangenenaustausch vorgeschlagen - das Außenministerium in Washington hat das entschieden abgelehnt. Bei der Befreiungsoperation auf dem Gasfeld sind bislang mutmaßlich zwölf Geiseln um Leben gekommen.

Washington/Algier/Hamburg - Das US-Außenministerium verfolgt einen klaren Kurs: Die Regierung in Washington hat Forderungen der islamistischen Geiselnehmer in Algerien nach einem Gefangenenaustausch zurückgewiesen.

"Die Vereinigten Staaten verhandeln nicht mit Terroristen", erklärte das Außenministerium am Freitag in Washington. Der Drahtzieher der Geiselnahme, Mokhtar Belmokhtar, hatte den USA zuvor angeboten, die von seiner Gruppe festgehaltenen US-Geiseln im Gegenzug für einen in den USA inhaftierten Ägypter sowie eine Pakistanerin freizulassen.

US-Außenministerin Hillary Clinton sprach telefonisch mit dem algerischen Regierungschef Abdelmalek Sellal über das Geiseldrama. Nach der Unterredung sagte Clinton am Freitag in Washington, Sellal habe "deutlich gemacht, dass die Operation immer noch andauert, die Lage instabil ist und noch mehrere Geisel in Gefahr sind". Von der algerischen Armee verlangte die Ministerin bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit ihrem japanischen Kollegen Fumio Kishida "größtmögliche Vorsicht", um "unschuldige Leben zu schützen". Ähnlich äußerte sich auch Kishida. Zugleich verurteilten beide Politiker den Angriff auf das Gasfeld durch radikale Islamisten. Clinton erklärte, die Situation vor Ort sei weiterhin "außerordentlich schwierig und gefährlich".

Eine unabhängige Prüfung der Lage und der Informationen, die darüber aus verschiedenen Quellen bekannt werden, ist, wie oft in Krisengebieten, derzeit nicht möglich.

Islamistische Kämpfer hatten auf einer Gasförderanlage im Osten Algeriens am Mittwoch hunderte Geiseln genommen, darunter dutzende Ausländer. Die Gruppe forderte ein Ende des französischen Militäreinsatzes gegen Islamisten in Algeriens Nachbarland Mali. Die algerische Armee startete am Donnerstag eine Befreiungsaktion, bei der mehrere Geiseln ums Leben gekommen sein sollen.

Die Zahl der Opfer sowie die der befreiten Arbeiter variiert je nach Quelle. Nach offiziellen Angaben aus Algerien hieß es zuletzt, bei der Erstürmung der von Islamisten besetzten Industrieoase Ain Amenas seien 650 Geiseln befreit worden. Viele Menschen werden aber noch vermisst.

Seit Beginn des Befreiungsversuchs seien zwölf Menschen in der Gewalt der islamistischen Entführer getötet worden, meldete am Freitag die staatliche Nachrichtenagentur APS unter Berufung auf Sicherheitskreise. Darunter seien sowohl algerische Arbeiter als auch Ausländer. Das französische Außenministerium erklärte, dass bei der Befreiungsoperation in Algerien ein Franzose getötet worden sei. Nach Angaben von AP sei auch ein Amerikaner ums Leben gekommen. Laut APS seien bei den Gefechten auf dem Erdgasfeld vermutlich 18 Entführer getötet worden.

Das Schicksal der weiteren Geiseln war am Freitagabend weiter ungewiss. Sieben bis zehn Geiseln befinden sich noch immer in den Produktionsanlagen auf dem Gasfeld Ain Amenas, wie der Sender Radio France Internationale (RFI) ebenfalls unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtete. APS teilte mit, dass das Schicksal von etwa 30 weiteren ausländischen Geiseln unklar sei.

Die Islamisten gaben an, bei dem Einsatz seien 34 Geiseln und 15 Geiselnehmer getötet worden. Aus Sicherheitskreisen verlautete, die von den Islamisten verbreiteten Zahlen seien "frei erfunden". Am Freitag hielten sich laut Sicherheitskreisen weiter Islamisten in dem ausgedehnten Industriekomplex auf. Großbritannien, Norwegen und die USA beklagten, dass Algerien sie nicht vorab über die Befreiungsoperation informiert habe. Algeriens Medien hingegen loben trotz der vielen toten Geiseln den schnellen Einsatz der Armee.

bos/AFP/dapd

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