Geiselkrise Nahost Israel nimmt Hamas-Minister fest

Israel hat die Militäraktionen im Palästinensergebiet ausgeweitet: In der Nacht nahmen Soldaten im Westjordanland einen Hamas-Minister fest. Nach dem Einmarsch im Süden des Gaza-Streifens kündigte die Armee militärische Operationen auch im Norden an.


Gaza/Ramallah - Der palästinensische Arbeitsminister Mohammed el Barghuti sei am Mittwochabend von Soldaten an einer Straßensperre nahe Ramallah auf dem Weg nach Hause in Gewahrsam genommen worden, hieß es aus dem Umfeld des Politikers. Das Auto des Regierungsmitglieds sei von israelischen Soldaten angehalten worden, die in der Gegend Personenkontrollen vornahmen. Außerdem seien rund 50 israelische Militärfahrzeuge in der Nacht zum Donnerstag nach Ramallah vorgedrungen, hieß es aus Sicherheitskreisen. Die israelischen Streitkräfte lehnten eine Stellungnahme ab und verwiesen lediglich auf die noch laufende Militäraktion.

Diese gilt der Suche nach dem verschleppten 18-jährigen Elijahu Ascheri aus der im Westjordanland gelegenen jüdischen Siedlung Itamar. Die radikale Palästinensergruppe Volksbefreiungskomitees legte als Beweis für die Entführung des jungen Siedlers eine Kopie von dessen Personalausweis vor und drohte mit der Tötung der Geisel, sollte Israel die Armeeoffensive nicht beenden.

Am Abend hatte die der Fatah nahe stehenden al-Aksa-Brigaden in einem Flugblatt bekannt gegeben, sie hätten im Westjordanland einen 62 Jahre alten Israeli aus der Stadt Rishon Lezion südlich von Tel Aviv entführt. Wie Radio Israel berichtete, wird ein Bewohner dieses Ortes seit Montag vermisst.

In dem Flugblatt fordern die radikalen Palästinenser, Israel solle sich aus dem Gaza-Streifen zurückziehen, andernfalls werde der verschleppte Siedler getötet. Es wäre der dritte entführte Israeli in den Händen von Palästinensern. Am Sonntag war der 19-jährige Soldat Gilad Schalit verschleppt worden, weshalb Israel im Gazastreifen in der Nacht zu Mittwoch die groß angelegte Militäroffensive zu dessen Befreiung gestartet hatte.

Die israelische Luftwaffe warf außerdem am Abend Flugblätter über dem nördlichen Gaza-Streifen ab, in denen sie die Einwohner davor warnte, den Streitkräften in die Quere zu kommen. "Israel führt eine militärische Operation in diesem Gebiet durch. Für ihre Sicherheit und unser Interesse, unschuldige Zivilisten zu verschonen, sollten sie sich nicht in diesem Gebiet bewegen", stand auf den Blättern. "Jeder, der die Operationen behindert, begibt sich in Gefahr."

Hamas-Regierung stellt sich hinter Entführer

Die von der radikal-islamischen Hamas geführte Palästinenserregierung hat sich gestern erstmals hinter die Forderungen der Entführer eines israelischen Soldaten nach Freilassung von gefangenen Palästinensern gestellt. Finanzminister Omar Abdel Rassak nannte die Forderung der Kidnapper "folgerichtig". Rassak äußerte sich nach einer kurzen Kabinettssitzung in Ramallah im Westjordanland. Seine Regierung fordere nicht die Freilassung des verschleppten 19 Jahre alten Soldaten, verlange aber, dass er sowie "unsere eigenen Leute auch" am Leben gelassen werden.

Der palästinensische Vize-Ministerpräsident Nasser al-Schair sagte nach der Sitzung, die von Israel im Gazastreifen begonnene Militäroffensive zur Befreiung des am Sonntag gekidnappten Soldaten sei "Staatsterrorismus" und komme einem "Völkermord" gleich. Gleichzeitig rief er aber zu einer "logischen und gerechten" Lösung der Krise durch diplomatische Mittel auf. Die Entführer des Soldaten fordern die Freilassung von rund 450 Frauen und minderjährigen Gefangenen aus israelischen Gefängnissen.

Dies hat Israel bisher abgelehnt. Stattdessen drang es mit Tausenden Soldaten etwa zwei Kilometer tief in den südlichen Gaza-Streifen ein. Die Bodenoffensive wurde von Luftangriffen auf Brücken, ein Kraftwerk und mutmaßliche Ausbildungslager der Hamas begleitet. Ein israelischer Kampfhubschrauber feuerte Raketen auf eine Waffenfabrik in der Ortschaft Chan Junis ab. Verletzt wurde dabei niemand, wie palästinensische Augenzeugen mitteilten. Die Raketen seien auf einem freien Feld gelandet, das die Hamas zu Trainingszwecken nutze. Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas verurteilte die Angriffe als "Kollektivstrafe und als Verbrechen gegen die Menschlichkeit".

Israels Ministerpräsident Ehud Olmert erklärte, zur Befreiung des 19-Jährigen werde seine Regierung auch vor "extremen Aktionen" nicht zurückschrecken. "Wir haben nicht vor, Gaza wieder zu besetzen. Wir haben ein Ziel, und das ist, Gilad heimzubringen." Der Militäreinsatz ist die erste Bodenoffensive im Gaza-Streifen, seit nach der Aufgabe der jüdischen Siedlungen in dem Autonomiegebiet im September die letzten israelischen Truppen abzogen.

Der israelische Justizminister Haim Ramon äußerte die Überzeugung, dass die politische Führung der Hamas in Syrien die Geiselnahme angeordnet habe. Israel habe deshalb Hamas-Chef Chaled Maschal im Visier, sagte Ramon im israelischen Militärrundfunk.

Drohgebärde über Syrien

Um seine Macht auch in Syrien zu unterstreichen, überflog die israelische Luftwaffe nach Angaben des privaten Fernsehsenders "10" den Palast des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, während sich dieser darin aufhielt. Der Sender berichtete, der Vorfall habe sich bereits am Dienstag abgespielt.

Die USA riefen Israel zur Zurückhaltung auf. Das Leben unschuldiger Zivilpersonen dürfe nicht gefährdet werden, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Tony Snow. Auch die "unnötige Zerstörung von Eigentum und Infrastruktur" solle vermieden werden. Zugleich rief Snow die palästinensische Hamas-Regierung auf, die Gewalt zu stoppen.

Im Gaza-Streifen feuerte die israelische Luftwaffe heute Raketen auf den Norden und Süden des Gazastreifens, wo die Geschosse auf unbewohntes Gebiet fielen. Auf diese Weise wolle man die militanten Palästinenser einschüchtern, erklärten die Streitkräfte. Israelische Soldaten nahmen unterstützt von Panzern den seit langem geschlossenen Flughafen von Gaza ein.

Wegen des Luftangriffs auf das einzige Elektrizitätswerk im Gaza-Streifen fiel in weiten Teilen des Autonomiegebiets der Strom aus. Israelische Kampfjets bombardierten drei Brücken, die den nördlichen Teil des Gazastreifens mit dem Süden verbinden. Nach israelischen Militärangaben sollte verhindert werden, dass die Entführer ihre Geisel an einen anderen Ort bringen.

Hamas ruft Sicherheitsrat an

Der Chef der Hamas-geführten Regierung in den Palästinensergebieten hat Israel nach dem Einmarsch eine Verschärfung der Geiselkrise vorgeworfen. Israel müsse die militärische Eskalation sofort stoppen, damit sich die Situation nicht noch weiter zuspitze, sagte Ismail Hanija. Er hoffe, dass das Geiselproblem in einer angemessenen Art und Weise geregelt werde, fügte er hinzu. Es war der erste öffentliche Kommentar Hanijas zu der Entführung.

Hanija schaltete nach eigenen Angaben inzwischen den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (Uno) ein. Auch die Arabische Liga habe er gebeten, schnellstmöglich ein Treffen anzusetzen, um über die Lage zu beraten. Die Europäische Union (EU) mahnte die Konfliktparteien derweil zur Mäßigung. Dagegen bekräftigten die USA Israels Recht auf Selbstverteidigung.

asc/dpa/AP/AFP/Reuters



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