Geiselnahme in Afghanistan: "Ich dachte, die bringen mich wirklich um"

Aus Kabul berichtet Matthias Gebauer

Ein Tag voller Sorge und Verwirrung: Ein Journalist war in Afghanistan entführt worden: er sei vom "Stern", hieß es zunächst. Doch die Kidnapper hatten zeitweilig einen dänischen TV-Reporter afghanischer Herkunft verschleppt. Der Fall zeigt, wie gefährlich das Land am Hindukusch geworden ist.

Kabul - Eine kalte Coca-Cola war alles, was sich Nagieb Khaja am Mittwochnachmittag wünschte. Mitten im Gewirr von vielen Stimmen afghanischer Sicherheitsbeamter redete er zuerst in gebrochenem Deutsch, dann in Englisch in einem Schwall in ein Telefon, das ihm ein Polizist hingehalten hat. Immer wieder sagt er, wie glücklich er ist. "Ich hatte Todesangst", sagt er, "immer wieder dachte ich, jetzt bringen sie mich wirklich um." Von Afghanistan und der Arbeit im Land am Hindukusch hat er erstmal genug. "Ich will nach Hause und zwar so schnell wie möglich", sagt er hastig, "am besten mit der nächsten Maschine."

Gefährliches Pflaster Afghanistan: Soldat an einem Checkpoint an der Straße zwischen Kabul und Kandahar
REUTERS

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Die Worte des dänischen Journalisten beendeten gegen 16 Uhr Ortszeit in Asasabad in der Provinz Kunar einen Tag der Fehlinformationen, Gerüchte und Verwirrung - vor allem aber Stunden der schlimmsten Befürchtungen in Deutschland. Stundenlang waren die Redaktion "Stern" und der Krisenstab des Auswärtigen Amts (AA) davon ausgegangen, dass der entführte Reporter in der ultragefährlichen Provinz gleich an der Grenze zu Pakistan der deutsche Auslandsreporter Christoph Reuter sein könnte. Der "Stern" gab eine Pressemitteilung heraus, im Krisenstab wurde der Fall thematisiert. Nach der Entführung der beiden deutschen Ingenieure und dem Tod einer Geisel wähnte man sich schon in der nächsten Krise.

Die Verwirrung hatte in Kabul am frühen Morgen begonnen. Aus dem Innenministerium hieß es, es gebe Gerüchte über die Entführung eines deutschen Journalisten. Das Stichwort "star magazine" fiel als Arbeitgeber. Kurz darauf nannte der Gouverneur der Provinz Kunar Fakten: Er habe von Dorfbewohner gehört, ein deutscher Reporter sei aus einem Haus im Ort Sangar entführt worden, ein Team sei dorthin entsandt und überprüfe die Lage. Auch er sprach von einem Deutschen, auch wenn er keinen Namen nannte. Die Situation, selbst in einem Land, in dem Gerüchte sehr schnell als Fakten dargestellt werden, schien eindeutig.

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Zu diesem Zeitpunkt hatten die Dinge in Deutschland schon längst ihre ganz eigene Dynamik gewonnen. Sämtliche Redaktionen, die über Korrespondenten in Afghanistan verfügten, hatten versucht, mit ihren Reportern in Kontakt zu treten. Die Auslandsredaktion des "Stern" hatte ihren Mann zwar nicht in die Krisenregion geschickt. Sie wusste aber, dass Christoph Reuter seinen Urlaub am Hindukusch verbrachte. Als man ihn auch auf dem Satellitentelefon nicht erreichen konnte, lag nahe, dass er entführt worden sein könnte. Die Chefredaktion teilte mit, man sei in "großer Sorge".

Es war ein Mosaik von Hinweisen, das die Sorge begründete. Reuter, das war schnell klar, war in der genannten Region. Und er war nicht erreichbar. Zudem war Kennern des Landes klar, dass es nur wenige deutsche Journalisten gibt, die sich zu Fuß in die Berge Kunars aufmachen - mitten hinein eine Region, in der es jeden Tag Schusswechsel zwischen der US-Armee und Taliban gibt und in die kein Auto vordringen kann. Reuter hatte über die Gegend im Juni 2006 eine beeindruckende Reportage geschrieben. Nah dran war er an den Männern mit den schwarzen Turbanen und den Kalaschnikows, ein Foto im Impressum des Hefts zeigte ihn inmitten der Kämpfer. Diesmal, so schien es, war er ihr Opfer geworden.

Erst am Nachmittag klärte sich der Verdacht auf. Reuter, der offenbar tatsächlich in den Bergen Kunars unterwegs war, meldete sich um 15.01 Uhr per SMS aus Kunars Hauptstadt Asasabad in Deutschland. "Ich war nie entführt. Sitze friedlich im Garten", leuchtete auf dem Funketelefon des Auslandschefs Peter Meroth auf. Die Erleichterung war groß, ein Krisenteam auf dem Weg nach Afghanistan konnte zurückgepfiffen werden. Auch im AA atmete man auf, zumal die Freilassung der wirklichen Geisel fast zeitgleich bekannt gegeben wurde. Wenig später traf der Däne Nagieb Khaja ebenfalls in Asasabad ein.

Khaja, der afghanischer Herkunft ist und häufig für den dänischen Sender TV 2 arbeitet, hatte seine Herkunft gerettet. Die Entführer, die sich selbst als Anhänger von Taliban-Chef Mullah Omar ausgaben, hielten ihn zuerst für einen US-Spion und wollten ihn umbringen. Mit Maschinengewehren im Anschlag verschleppten sie ihn in der Nacht zum Mittwoch in eines ihrer Häuser. Immer wieder sagte er ihnen, dass er Muslim sei und Afghane wie sie auch. "Ich hatte große Angst, dass sie mich wirklich erschießen", stammelte er nach seiner Freilassung.

Die Ereignisse machen deutlich, wie groß die Gefahr für jeden ist, der in Afghanistan arbeitet. So scheint das Privileg, dass Journalisten einst selbst unter den skrupellosesten Kriegern in aller Welt genossen, am Hindukusch nicht mehr zu gelten. In Zeiten einer organisierten Entführungsindustrie sind Journalisten als Druckmittel eine genauso gute Ware wie alle anderen Ausländer, und das wissen Taliban, andere Terroristen und auch ganz gewöhnliche Kriminelle. Die Arbeit in Afghanistan ist ein Wagnis geworden, das nicht mehr zu kalkulieren ist.

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  • Mittwoch, 25.07.2007 – 20:29 Uhr
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