Massaker in Algerien: "Sie stellten sie in eine Reihe und schossen ihnen in den Kopf"
Islamisten feiern die Geiselnahme von Ain Amenas als Erfolg, mindestens 37 Ausländer kamen ums Leben. Nun werden grausame Details bekannt. Augenzeugen berichten von qualvollen Stunden in einem Versteck, Hinrichtungen per Kopfschuss - und dem Angriff der Regierungstruppen auf das besetzte Gasfeld.
Hamburg - Nach der blutig beendeten Geiselnahme auf dem Gasfeld in Algerien hat die Islamistengruppe unter der Führung des Algeriers Mokhtar Belmokhtar weitere Angriffe angedroht - vor allem gegen Frankreich. Das Land "der Kreuzfahrer und der zionistischen Juden wird für seine Aggression gegen die Muslime im Norden Malis bezahlen; aber nicht allein, auch seine Knechte", wird der Sprecher der Gruppierung Katiba al-Mulathamin von der französischen Wochenzeitschrift "Paris Match" zitiert.
Der Sprecher, der sich Joulaybib nennt und eigentlich Hacen Ould Khalil heißt, sagte dem Bericht zufolge über die Geiselnahme in Algerien, sie sei "zu 90 Prozent ein Erfolg" gewesen, "weil wir mit nur 40 Mann einen strategischen Standort, der von 800 Soldaten bewacht wurde, treffen konnten". Dieser "Angriff von Ain Amenas war nur der Anfang", sagte der Sprecher laut "Paris Match".
Bei der Geiselnahme waren mindestens 37 ausländische Geiseln und ein einheimischer Arbeiter ums Leben gekommen. Fünf Ausländer werden noch vermisst. Außerdem starben 29 Geiselnehmer. Überlebende berichten grausame Details über die Stunden in der Gewalt der islamistischen Entführer.
"Die Terroristen haben vier Geiseln in eine Reihe gestellt und ermordet. Sie haben ihnen in den Kopf geschossen", sagte der Bruder der getöteten britischen Geisel Kenneth W. dem Sender Sky News unter Berufung auf einen algerischen Kollegen, der die Szene beobachtet habe. "Kenny lächelte. Er hatte sein Schicksal akzeptiert."
Vor dem Tod ein letzter Anruf bei der Ehefrau
Der Überlebende Joseph B., der von den Philippinen stammt, sagte, die Geiselnehmer hätten ihn als lebenden Schutzschild missbraucht. "Immer wenn Regierungstruppen mit dem Hubschrauber Schüsse abgeben wollten, wurden wir vorgeschickt."
Ein anderer Brite, Garry B., rief seine Frau an, bevor er getötet wurde. Er sagte ihr: "Ich sitze hier an meinem Schreibtisch mit Klebeband um meiner Brust."
Andere Geiseln waren am Donnerstag gestorben, als algerische Helikopter die Fahrzeuge beschossen, in denen die Entführer mitsamt einigen Geiseln entkommen wollten.
Die Islamisten hatten bei der Besetzung des Gasfelds von Ain Amenas Militäruniformen getragen. Offensichtlich kannten sie sich auf dem Gelände gut aus. Nach Angaben des algerischen Regierungschefs Abdelmalek Sellal müssen die Angreifer über Insiderwissen verfügt haben, offenbar von einem ehemaligen Fahrer der Fabrik.
Sellal erklärte, der Tod der Geiseln sei nicht die Schuld des Militärs gewesen, sondern der Entführer. "Ihr Anführer gab den Befehl, alle Ausländer zu töten. Es war eine Massenexekution. Viele Geiseln wurden per Kopfschuss getötet."
Sellal lobte den geistesgegenwärtigen Einsatz eines Sicherheitsmanns auf dem Gasfeld, der eine noch größere Katastrophe verhindert habe. Der Mann habe gleich zu Beginn der Geiselnahme schnell reagiert und Alarm ausgelöst, wodurch der weitere Austritt von Erdgas gestoppt wurde. "Es ist diesem Mann zu danken, dass die Anlage nicht zerstört wurde", sagte Sellal.
"Verhandlungen waren sinnlos"
Liviu F., ein rumänischer Arbeiter, berichtete: "Ich rannte mit anderen Expats davon. Wir versteckten uns unter den Schreibtischen in meinem Büro und verschlossen die Tür. Aber die Angreifer durchsuchten das Gebäude und traten die Türen ein. Glücklicherweise ging unsere Tür nicht kaputt, da zogen sie weiter."
Er sagte weiter: "Einheimische wurden sofort freigelassen. Die Angreifer machten von Beginn an klar, dass nur Ausländer das Ziel seien. Alle Expats wurden festgehalten." F. konnte schließlich entkommen, allerdings hörte er nach eigenen Angaben noch zwei Schüsse, die offenbar zwei verwundeten Geiseln galten. Nach den Schüssen war es still, berichtete F. "Die Wahrnehmung der Zeit ändert sich. Sekunden werden zu Stunden. Man hat das Gefühl, seinen Verstand zu verlieren."
Regierungschef Sellal verteidigte das harte Vorgehen der Regierungstruppen gegen die Geiselnehmer. Verhandlungen seien zwecklos gewesen. "Ihr Ziel war es, Ausländer zu entführen. Sie wollten mit ihnen nach Mali flüchten. Aber als sie umstellt waren, haben sie angefangen, die ersten Geiseln zu erschießen." Der Angriff der Truppen auf das Gelände sei erfolgt, als die Entführer versucht hätten, den Komplex zu zerstören. "Sie haben uns in ein Labyrinth geführt. Verhandlungen waren sinnlos."
Die Geiselnehmer hatten das Ende des französischen Militäreinsatzes in Mali gefordert sowie die Freilassung von Omar Abdel-Rahman, bekannt als "blinder Scheich", und der pakistanischen Wissenschaftlerin Afiaa Siddiqui aus US-Haft. Abdel-Rahman sitzt wegen seiner Rolle bei den Anschlägen auf das World Trade Center im Jahr 1993 im Gefängnis, Siddiqui wegen Terrorismus.
Das Geiseldrama in der algerischen Wüste und der Kampf gegen islamistische Rebellen im Norden Malis haben eine direkte Verbindung. Die Männer des Terrorkommandos von Ain Amenas kamen direkt aus dem Nachbarland Mali.
Die Aktion wurde nach Angaben des algerischen Ministerpräsidenten Sellal zwei Monate lang geplant. Der Angriff war für den Fall vorbereitet, dass Algerien dem Drängen Frankreichs nach militärischer Unterstützung im Nachbarland Mali nachgibt und Überflugrechte gewährt - was dann tatsächlich geschah.
wal/AP/Reuters/AFP/dpa
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Fläche: 2.381.741 km²
Bevölkerung: 35,468 Mio.
Hauptstadt: Algier
Staatsoberhaupt:
Abdelaziz Bouteflika
Regierungschef: Abdelmalek Sellal
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