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Geisterstadt Karatschi: "Und schon geht das Gemetzel los"

Aus Karatschi berichtet

Polizei, Militär an jeder Straßenecke: In Pakistans Metropole Karatschi herrscht nach Gewaltausbrüchen die nackte Angst, Menschen fürchten um ihr Leben. Nach dem Mord an Benazir Bhutto spitzt sich die Lage immer mehr zu: Schon soll die medizinische Versorgung teilweise zusammengebrochen sein.

Karatschi - Der Hausangstellte lugt durch ein Loch im Eisentor. Er beobachtet eine Gruppe von Männern, die vor dem Haus herumlungert. "Was wollt ihr?", fragt er sie und ruft hinterher, ohne eine Antwort abzuwarten: "Hier ist niemand, verschwindet!" Einen Block weiter im Bilawal-Haus versammeln sich Freunde der vor drei Tagen in Rawalpindi ermordeten Oppositionspolitikerin Benazir Bhutto. Das Bilawal-Haus war der Wohnsitz Bhuttos in Karatschi, im feinen Stadtteil Kahkashan. Es ist nach ihrem 19-jährigen Sohn Bilawal benannt. Jenem noch jungenhaften Mann, der am Nachmittag das Testament seiner Mutter verlas und der neue Hoffnungsträger der Pakistanischen Volkspartei PPP ist. Er wurde heute zum Vorsitzenden gekürt - als Nachfolger seiner Mutter.

Aufgebrachte Demonstranten in Karatschi: "Die Angst, dass es wieder zu Gewalt kommt, ist allgegenwärtig."
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Aufgebrachte Demonstranten in Karatschi: "Die Angst, dass es wieder zu Gewalt kommt, ist allgegenwärtig."

Eine Gruppe Männer, umringt von schwerbewaffneten Paramilitärs, schreit "Benazir, Benazir". Die Angst, dass es wieder zu Gewalt kommt, ist allgegenwärtig.

"Erst schießt jemand in die Luft, dann feuert die Polizei in die Menge, und schon geht das Gemetzel los", sagt der Mann hinter dem Eisentor. Ein anderer Nachbar sagt, in den vergangenen Tagen seien bewaffnete Demonstranten in Wohnhäuser eingedrungen, um sich vor den Sicherheitskräften zu verstecken. "In einem Fall sollen die aufgebrachten Demonstranten sogar zwei Menschen erschossen haben, weil sich diese weigerten, sie ins Haus zu lassen", sagt er. Vor den Türen der Wohnhäuser hängen nun schwere Schlösser.

Karatschi, die größte Stadt Pakistans mit schätzungsweise 15 Millionen Einwohnern und Hochburg der PPP, ist im Ausnahmezustand. Außer Demonstranten und Sicherheitskräften wagt sich niemand auf die Straße - kein Taxi, keine Rikscha, kein Bus fährt. Heute, am dritten Tag nach dem Tod Bhuttos, auch Soyen genannt, wird nach islamischem Brauch der Toten gedacht. Die Hauptfeier findet im Bhutto-Haus in Nau Dero statt, ein paar hundert Kilometer von Karatschi entfernt und nahe Larkana, der Heimat der Bhuttos. Dort werden zur Verlesung des letzten Willens und zur endgültigen Entscheidung über die neue PPP-Führung mehr als hunderttausend Menschen kommen.

Vor dem Bilawal-Haus in Karatschi sind es heute einige Tausend. Ansonsten ist in der Stadt kaum ein Mensch unterwegs.

"Egal, was heute entschieden wird, hier in Karatschi wird es wieder zu Ausschreitungen kommen", sagt ein Nachbar. "Einige Leute sind komplett verrückt geworden in dieser Stadt und viele Menschen müssen deshalb leiden." Berichten zufolge ist die medizinische Versorgung in den Krankenhäusern zusammengebrochen, Apotheken haben geschlossen. Der Fernsehsender "Aaj TV" meldet, mehrere Patienten, darunter Diabetiker, seien deswegen ums Leben gekommen. Überprüfen lässt sich das nicht - Anrufe in Krankenhäusern werden derzeit nicht angenommen.

Wie um das Bilawal-Haus herum haben sich die Menschen in ganz Karatschi in ihren Häusern verbarrikadiert. Die Szenerie ist gespenstisch. An vielen Straßen stehen ausgebrannte Autos und Busse, manche brennen noch oder qualmen vor sich hin. An der Straße vom Flughafen in die Innenstadt stehen Gerippe, die mal Lastwagen waren. Auf Plakaten vom Oktober, als Bhutto aus dem Exil zurückkehrte, steht noch "Benazir - willkommen zurück in der Heimat". Banken wurden überfallen, ausgeraubt und angezündet - übrig sind nur noch schwarze Ruinen. Über 200 Bankfilialen sollen betroffen sein, davon alleine 120 in Karatschi. Rund tausend Geschäften erging es ähnlich. Vor der Muslim Commercial Bank eine Straße vom Bilawal-Haus entfernt liegen Glasscherben, die Fenster wurden eingeschlagen. Die Splitter sind braun von angetrocknetem Blut.

In manchen Häusern drängen sich unzählige Menschen auf engstem Raum - Gäste von Hochzeiten, die nun nicht stattfinden. Dezember und Januar sind wegen des angenehm milden Wetters die Hauptzeit für Hochzeiten, die Hotels sind deswegen üblicherweise ausgebucht. Jetzt sind die Festsäle leer, alle Feiern abgesagt. Verwandte und Freunde der Hochzeitspaare, die von weither angereist sind, hocken in den Wohnungen ihrer Gastgeber und warten drauf, dass verspätet geheiratet werden kann - vielleicht in einer Woche, vielleicht in einem Monat, keiner weiß das so genau.

"Wir langweilen uns", sagt Awais Rahman, der in Sichtweite des Bilawal-Hauses wohnt. "Seit zwei Tagen sitzen wir hier und hoffen, dass sich die Lage stabilisiert." Lebensmittel seien nur schwierig zu bekommen, hier und da öffne gelegentlich ein kleines Geschäft. "Die Händler verlangen zurzeit den doppelten und dreifachen Preis für Grundnahrungsmittel", sagt er. "Aber was soll man tun? Man nimmt, was man kriegen kann." Er nimmt das Telefon und fragt seinen Cousin, der am anderen Ende der Stadt wohnt, ob die Straßen sicher sein - vielleicht komme er auf einen Plausch vorbei und um sich ein paar Bücher abzuholen, ihm sei so langweilig.

Aber als draußen wieder "Benazir, Benazir"-Schreie zu hören sind, überlegt er es sich doch anders. Er ruft wieder seinen Cousin an und sagt ab, geht nach draußen und überprüft, ob das Tor zur Hauseinfahrt auch wirklich fest verschlossen ist.

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