Bilanz der "Gelbwesten"-Proteste 1723 Festnahmen, 264 Verletzte

125.000 Demonstranten in ganz Frankreich trafen auf 120.000 Polizisten. Am Tag nach den teils gewaltsamen "Gelbwesten"-Protesten zieht das Land Bilanz und wartet auf eine Reaktion seines Präsidenten.

Ausgebranntes Auto in Paris
AFP

Ausgebranntes Auto in Paris


Nach den jüngsten "Gelbwesten"-Protesten mit Krawallen in mehreren Städten sucht Frankreich nach einem Ausweg aus der Krise. Mit Spannung wartet das Land auf eine Reaktion von Präsident Emmanuel Macron. Der 40-Jährige hielt sich bisher mit Äußerungen zu den Demonstrationen auffällig zurück.

Das französische Innenministerium zog per Twitter nach diesem vierten großen Protesttag Bilanz: Die Zahl der Festnahmen bei den teils gewaltsamen "Gelbwesten"-Demonstranten am Samstag in ganz Frankreich sei auf mehr als 1700 gestiegen. 1220 Menschen kamen in Polizeigewahrsam - das bedeutet, sie können nach französischem Recht im Regelfall bis zu 24 Stunden festgehalten werden, etwa um zu verhindern, dass sie Straftaten begehen.

264 Menschen wurden den Angaben zufolge landesweit verletzt, darunter 39 Sicherheitskräfte. Im ganzen Land waren 125.000 Polizisten, Gendarmen und Feuerwehrleute im Einsatz, davon in Paris etwa 10.000. Das Aufgebot war nach schweren Krawallen der "Gelbwesten" in der Vorwoche massiv aufgestockt worden.

Die meiste Gewalt gab es in der Hauptstadt Paris. Dort zündeten Demonstranten Barrikaden und Autos an, schlugen Fensterscheiben ein und lieferten sich Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die Polizei setzte Tränengas, Wasserwerfer und Blendgranaten ein, auch gepanzerte Fahrzeuge waren unterwegs.

Pariser Rathaus: Größere Schäden als in der Vorwoche

In französischen Medien wird nach diesem vierten großen Protesttag eine positivere Bilanz gezogen als vergangenes Wochenende. Das Chaos habe dieses Mal in Paris nicht gesiegt, resümierte die Zeitung "Le Parisien". Das lag dem Bericht zufolge an der offensiveren Strategie der Sicherheitskräfte, die viel mehr Menschen festgenommen sowie Rucksäcke und Taschen der Demonstranten systematisch auch im Vorfeld kontrolliert hätten.

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"Gelbwesten": Wasserwerfer und Tränengas

Nach Ansicht des Pariser Rathauses haben die Krawalle am Samstag allerdings noch gravierendere Schäden verursacht als die in der Vorwoche. "Das Spektakel, das Paris abgeliefert hat, ist katastrophal", sagte Emmanuel Grégoire, Beigeordneter der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, dem Sender France Inter. "Die Gewalt war zwar weniger radikal, aber die Schäden sind wahrscheinlich noch schwerwiegender als eine Woche zuvor."

Der von der Gewalt betroffene Teil der Stadt sei viel größer gewesen als in der Vorwoche, sagte Grégoire. Weil es weniger Barrikaden gegeben habe, habe sich der Protest weiter verteilt. Paris könne nicht weiter einen Tag pro Woche derart in Gefahr gebracht werden, sagte er. Die Regierung und Macron müssten jetzt Antworten liefern, um aus der Krise herauszukommen.

Premierminister Édouard Philippe rief das Land am Samstagabend zu Dialogbereitschaft auf - und kündigte Antworten Macrons an. Der Staatschef steht nach den andauernden Protesten der "Gelbwesten" massiv unter Druck. Seine Mitte-Regierung legte als Zugeständnis bereits die geplante Steuererhöhung für Benzin und Diesel auf Eis.

Die Wut der Protestbewegung hatte sich einst an diesem Vorhaben entzündet - mittlerweile reichen die Forderungen viel weiter: von mehr Steuergerechtigkeit über mehr Kaufkraft bis hin zum Rücktritt Macrons.

Am Sonntagmorgen liefen in Paris die Aufräumarbeiten, wie ein dpa-Reporter berichtete. Viele Schaufenster und Scheiben auf den Champs-Élysées waren zerbrochen. Die Stimmung war ruhig. Nahe dem Amtssitz Macrons, dem Élyséepalast, und am Grand Palais waren immer noch viele Fahrzeuge von Sicherheitskräften zu sehen.

abl/dpa

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reinerotto 09.12.2018
1. Lob den franzoesischen Aktivisten (nicht den Gewalttaetigen)
Aehnliches sollte eigentlich auch in D passieren. Z.B. weil ueber weitere, kostspielige Massnahmen zur Rettung einer deutschen Grossbank hinter verschlossenen Tueren diskutiert wird, welche eigentlich als "Kriminelle Vereinigung" strafrechtlich zu verfolgen waere. Wohingegen ueber die Notwendigkeit der Bestrafung von H4-Beziehern bei kleinen Unregelmaessigkeiten kaum Zweifel bestehen.
Sintemale 09.12.2018
2. Erst wenn halb Frankreich in Lagern sitzt,
wird MacRon, der Büttel es internationalen Finazkapitals, zurücktreten.
ausfrankreich 09.12.2018
3. Genauigkeit bitte !
125.000 Demonstranten, davon 10.000 in Paris......125.000 Sicherheitskräfte und keine Angabe, wieviel da auf Paris kommen (und nicht, wie Sie schreiben 10.000 - das ist die Anzahl der Demonstranten) Wenn schon Zahlen, dann bitte korrekt
frank.huebner 09.12.2018
4. Hart durchgreifen
Gewaltanwendung, um politische Ziele durchzusetzen, ist Terror. Und gegenüber Terroristen darf keine Nachsichtigkeit gezeigt werden. Wer friedlich demonstriert darf das auch gemäß der franz. Verfassung. Aber Autos anzünden, Privatbesitz anderer Leute zu zerstören, da ist eine Grenze erreicht, deren Einhaltung mit allen Mitteln durchgesetzt werden muss. Wir haben es während G20 in Hamburg gesehen, was eine Lasche, ängstliche Politik verursacht: Rechtsfreie Räume, in denen Terroristen Plündern und nach Belieben Straftaten verüben können. Das nun härtere Durchgreifen ist völlig richtig, und hohe Haftstrafen in franz. Gefängnissen sind wirkliche Strafen im Gegensatz zu deutschen Haftanstalten. Das Wagenknecht die Gelbwestenbewegung als Vorbild nennt zeugt von der Einstellung zur Gewalt.
westin 09.12.2018
5. Zugeständnisse , wo
Macron ist ein Komiker,VERSCHIEBT die Ecosteuer um 1 Jahr. Dafür gingen die Leute nicht auf die Strasse ,um sich mit Krümmeln abspeisen zu lassen. Gestern waren überwiegend junge Menschen auf den Strassen .Auch das sollte ihm Kopfzerbrechen bereiten.
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