Macrons Schweigen zu "Gelbwesten"-Protest Vive la Trance

Wie im Rausch erobert Frankreichs Protestbewegung bei ihren gewaltsamen Demonstrationen den Triumphbogen. Es ist der bisher größte symbolische Erfolg der "Gelbwesten". Präsident Macron wirkt entrückt.

Rücktrittsforderung auf dem Triumphbogen
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Rücktrittsforderung auf dem Triumphbogen

Von , Paris


Der französische Präsident Emmanuel Macron kehrte vom G20-Gipfel in Argentinien direkt zurück an den Triumphbogen in Paris. Er machte keinen Umweg. Es sollte so aussehen, als sei er Herr der Lage.

Macron legte am Sonntagmorgen eine Gedenkminute vor dem Grab des unbekannten Soldaten unter dem Triumphbogen ein. Genau dort, wo er vor drei Wochen, am 11. November, über 70 Staatschefs aus aller Welt zum offiziellen Gedenken des Endes des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren empfangen hatte. Doch wer erinnert sich heute noch an die Bilder der friedlich vereinten Staatschefs an diesem Ort?

Viel stärker sind die Eindrücke von Frankreichs neuer Protestbewegung, den "Gelbwesten", die den Triumphbogen an den letzten zwei Samstagen eroberte. Die Proteste werden zunehmend schärfer.

Bisher stürmten Demonstranten in Paris den Platz der Bastille oder den Platz der Republik im Osten der Stadt. Noch nie aber war der noch von Kaiser Napoleon höchstpersönlich in Auftrag gegebene Siegesbogen im Westen der Hauptstadt Szene ähnlicher Proteste.

Hier feierte das Volk erst 1998 und dann wieder in diesem Sommer die WM-Siege der eigenen Fußballmannschaft. Früher hielt man an dieser Stelle Militärparaden ab. Aber der Triumphbogen vollbemalt mit Demo-Graffiti, umgeben von brennenden Straßenbarrikaden, samt singender Demonstranten am Grab des unbekannten Soldaten?

Das gab es nicht mal im Mai 1968, das ist neu in der langen Geschichte sozialer Proteste in Paris. Umso schneller musste Macron den verlorenen öffentlichen Raum zurückerobern.

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Die Szenerie ist demütigend: der Präsident vor dem Triumphbogen mit frisch gesprühten Parolen wie "Endzeit des Regimes" oder "Die Gelbwesten triumphieren" und "Erhöht die Sozialhilfe!" Gerade noch hatten die Aufräumtruppen es geschafft, Aufschriften wie "Macron, tritt zurück!" vor dem Besuch des Präsidenten zu entfernen. Im Souterrain des Triumphbogens, wo sich ein Museum befindet, musste Macron laut Medienberichten eine von den "Gelbwesten" enthauptete Napoleon-Statue besichtigen. Als hätten die Demonstranten ihrem Präsidenten damit an die blutige französische Revolutionsgeschichte erinnern wollen.

Noch als Macron zugegen war, sprach draußen vor dem Triumphbogen ein Passant mit dem Fernsehsender C-News: "Ich demonstriere nicht, aber mich beunruhigt der Protest auch nicht. Die Leute verlangen ja nicht viel, jetzt muss ihnen Macron endlich antworten", sagte der junge Mann.

Genau solche Reaktionen müssten Macron beunruhigen. Denn die Zahl der Demonstranten an diesem Samstag war wieder größer - dieses Mal waren es laut Innenministerium landesweit 136.000 Menschen, eine Woche zuvor 106.000, zwei Wochen früher 290.000. Und die Proteste werden immer gewalttätiger - am Samstag zählte man ihr drittes Todesopfer -, die Unterstützung in der Bevölkerung aber lässt nicht nach, auch in Radio, Fernsehen und sozialen Medien bleibt das Thema allgegenwärtig. Bis zu drei Viertel der Franzosen sympathisieren laut Umfragen bisher mit den Zielen der "Gelbwesten". Die Werte sind stabil - auch wenn sich unter die Demonstranten immer mehr Vermummte und Gewalttätige mischen, die keine Ziele verfolgen außer jenes, alles kurz und klein zu hauen.

Die ersten "Gelbwesten" sitzen schon in den Fernsehstudios. "Man behandelt uns wie Schafe, aber auch Schafe können revoltieren", sagt Alain Bouché, ein 64-jähriger Landschaftsgärtner aus dem Pariser Vorstadt-Department Yvelines am Sonntag im Gespräch mit Journalisten. Bouché sprach für seine Bewegung bereits am vergangenen Donnerstag beim Premierminister vor. Ohne Erfolg. "Zuerst muss Macron die Benzinsteuererhöhungen zurücknehmen, die das Fass zum überlaufen brachten", sagt Bouché. "Aber dann muss es Gespräche über eine allgemeine Erhöhung der Kaufkraft geben".

Niemand hat Bouché gewählt. Keiner weiß, welche Forderungen die "Gelbwesten" wirklich haben. Doch sie standen am Samstag hoch oben auf dem Dach des Triumphbogens in ihren leuchtenden Outfits, sie sperrten noch am Sonntag in Narbonne die A9 nach Spanien, sie stehen seit Wochen überall im Land an Ampeln und in Kreiseln. "Irgendwann kriecht das Volk aus seinem Bett", versuchte sich der linke Oppositionsführer im Parlament und Präsidentschaftswahlgegner Macrons, Jean-Luc Mélenchon, an einer Erklärung der Proteste.

Die Intellektuellen wissen es nicht besser. Der rechtskonservative Philosoph Alain Finkielkraut unterstützte wortmächtig "den würdevollen Ausdruck von Leid und Verzweifelung" vieler "Gelbwesten". Der liberale Philosoph Henri Bernard-Levy hingegen sprach lieber von "Braunwesten" und erinnerte an die faschistischen Ligen der Dreißigerjahre in Frankreich.

Macron hilft das alles nichts. Noch am Sonntagnachmittag traf er sich im Élysée-Palast zu einer Sondersitzung mit seinem Krisenstab. Pläne für einen eventuellen Ausnahmezustand, über die viele Medien spekuliert hatten, kamen nach Angaben des Élysée-Palasts nicht zur Sprache. Macron habe aber die Regierung zu Gesprächen mit Vertretern der Demonstranten aufgefordert. Er wies offenbar Premierminister Edouard Philippe an, Vertreter der im Parlament vertretenen Parteien sowie der "Gelbwesten" zu empfangen. Die Gespräche sollen am Montag beginnen, wie es aus Philippes Büro hieß. Nach Angaben des Élysée-Palasts verlangte der Präsident zudem, dass der Innenminister über eine "Anpassung" des Polizeiaufgebots nachdenke.

Zuvor hatte ihm Florian Philippot, der ehemalige Wahlkampfleiter der rechtsextremen Marine Le Pen einen Tipp gegeben, wie sein Problem zu lösen wäre: "Den Mindestlohn um fünf Prozent erhöhen, die Benzinsteuer senken und die Steuer auf große Vermögen wieder einführen".

Der Élysée-Palast ließ vermelden, dass Macron auch an diesem Wochenende nicht zu den Protesten Stellung nehmen würde. "Macron ist immer zu spät", kommentierte das BFM-Fernsehen. Fragt sich, wie oft er den Triumphbogen noch zurückerobern kann, sollte er ihn am nächsten Samstag wieder verlieren.



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stefan.martens.75 02.12.2018
1. Lustig der Artikel
Chaoten zünden Autos an, verwandeln eine Stadt in ein Kriegsgebiet und beschmieren nationale Monumente. Das einzige was dem Autor hier einfällt ist das Problem Macrons und Strategien den Gewalttätern entgegen zu kommen. Klingt für mich nach Satire. Ist es aber wohl nicht.
lala.gulik 02.12.2018
2. Macron, Europa, Frankreich
Bevor Macron Visionen für Europa (die nichts wert sind) entwickelt, sollte er sich um eigenes Land und Volk kümmern, bevor ihm der ganze Laden um die Ohren fliegt. Er sollte sich halt ein Beispiel an dem ach so"bösen" Trump nehmen.
Newspeak 02.12.2018
3. ....
"Niemand hat Bouché gewählt." Muss ihn auch niemand. Der Bürger ist der Souverän. Steht in jeder westlich demokratischen Verfassung. Nur wenn der Bürger sein Recht mal einfordert, sind die liberalen Medien die ersten, die es ihm absprechen wollen. Ich finde die Proteste gut. Das ganze neoliberale System gehört überwunden.
Koana 02.12.2018
4. Verwirrte Untertanen....
.... am Monatsende ist das Konto im Minus und die Spargroschen sind längst verdunstet. Das Kleinkonsumentenwesen ist verwirrt, es ist wütend, ja zornig, noch geht es Montags wieder brav arbeiten, noch sind es nur Tausende die am Wochenende Freizeit für lautes Murren opfern, doch was wenn sich da länger der Unmut Bahn bricht? Ich denke noch geht es den meisten gut genug, irgendwie kommt man auch noch über die Runden, irgendwie ...... Untertanen sind zum dienen da, nicht zum fairen verdienen! In Deutschland ist das besser ins Volkshirn eingespeist.
remedias.cortes 02.12.2018
5. Ich will kein Chaos .......
aber so ein bißchen Frankreich hierzulande, das wäre es. Wo sind die Bürger, die gegen die Notstände und Entsolidarisierung der Gesellschaft auf die Straße gehen ?
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