Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Generalangriff: Gore rechnet mit Amerika ab

Von

Al Gore schäumt vor Wut. In der flammenden Kulturkritik "Assault on Reason" prangert er den Verfall der US-Demokratie an - und gibt nicht nur George W. Bush die Schuld. Sondern der Profitgier, Dummheit, Ignoranz im Land. Fast liest sich das neue Buch als Wahlprogramm.

New York - Al Gore hat die Nase voll. Besser gesagt: Er schäumt vor Wut. Wut auf US-Präsident George W. Bush, dessen "reaktionäre Ideologie" nur von seinem "epischen Versagen" übertroffen werde. Wut auf die eigenen, ideenlosen Parteifreunde. Wut auf die zu reinen "Profitzentren" verkommenen Medien. Vor allem aber Wut auf Amerika überhaupt - diese einst so stolze Nation, deren Bürger immer dümmer, ignoranter, apathischer würden.

Autor Gore: Das leidenschaftlichste Wahlprogramm der Saison
AP

Autor Gore: Das leidenschaftlichste Wahlprogramm der Saison

Unkenrufe aus dem politischen Exil: "The Assault on Reason" ("Der Angriff auf die Vernunft") heißt es, das neue Buch des früheren Vizepräsidenten und gescheiterten Präsidentschaftskandidaten. Seit gestern im Handel, ist es eine Generalabrechnung mit den heutigen USA, ein Rundumschlag im Stil seines Weltbestsellers "An Inconvenient Truth": ketzerisch, ernst, doch humorvoll und, obwohl mit Besserwissereien und philosophischen Exkursen gespickt, ein Page Turner - ein papierner Straßenfeger, der gleich auf Platz 3 der Amazon-Rangliste debütierte.

Wichtiger noch: Es ist das leidenschaftlichste Wahlprogramm der Saison - verfasst von einem, der bekanntlich (noch) nicht kandidiert und das bei jeder Gelegenheit betont. So auch gestern wieder, beim üblichen Lesereisen-Zwischenstopp im Studio von CNN-Cheftalker Larry King, wo er sich mit gekonnter Galanterie herausredete - und zugleich alles offen hielt: "Ich erwäge nicht, ein Kandidat zu sein. Ich habe keine Pläne, ein Kandidat zu sein." Und dann aber: "Ich habe nicht ausgeschlossen, irgendwann in der Zukunft in Betracht zu ziehen, ein Kandidat zu sein."

Wenn es je ein Argument für eine Gore-Kandidatur gab, so ist es dieses Buch. "Al Gore, unzensiert", betitelte die "Los Angeles Times" ihre Rezension. Das Augenfälligste an diesen 308 Seiten, inklusive 31 Seiten Anmerkungen: Gore, vom Wahlverlierer zum Weltenretter mutiert, nimmt kein Blatt mehr vor den Mund. So wie er in "An Inconvenient Truth" über die Klimakrise Tacheles redete, so geht er nun mit den USA zu Gericht. Denn in beiden Fällen sieht er das gleiche Prinzip: Amerika ignoriere die "unbequemen Wahrheiten", sowohl im Umweltschutz wie in der Politik.

Keine Spur mehr von dem Gore, der im Wahlkampf ungelenk vom Teleprompter ablas, Zielgruppen-totgetestet und von Demoskopen souffliert. Die bisherigen Debattenbeiträge der Präsidentschaftsaspiranten beider Parteien wirken dagegen wie heiße Luft. Gore entlarvt sie als meist leeres Soundbite-Geschwafel - und empfiehlt sich damit als The Real Thing.

"Katastrophal verfehlte Entscheidungen"

Er will aufrütteln. "Amerikas Demokratie ist in Gefahr", postuliert er dramatisch. Diese Gefahr drohe nicht von außen, sondern von innen. Und zwar von eigennützigen Plutokraten, von selbstgerechten Theokraten, von strategischen Panikmachern, von einem korrupten System, vom Zusammenbruch der Kommunikation, von Gleichgültigkeit, Ignoranz, Ungebildetheit, Angst und den Medien als Handlangern dieser Show. "Etwas ist entsetzlich schief gelaufen."

Diese Argumente sind kaum neu. Viele geistern seit Monaten in irgendeiner Form über den US-Buchmarkt, parallel zum Imageverfall Bushs. Viele wurden schon von früheren Visionären vorgezeichnet, man denke nur an Neil Postmans Kulturkritik "Wir amüsieren uns zu Tode" von 1985. Und viele, so macht Gore selbst klar, ahnten sogar die US- Gründerväter bereits, deren verfassungsmäßige Vorsorge heute immer weiter ausgehöhlt werde. Neu jedoch ist die Ballung all dieser Einzelthesen zu einem Manifest von didaktischem Durchmarsch - ein Manifest über Amerika am Abgrund.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: